„Ich glaube, sie machen sich einen Spaß daraus“

Zwischen Akzeptanz und Ignoranz: Unterwegs mit den Corona-Kontrolleuren

Claudia Hoffmann weist darauf hin, dass während des Wochenmarktes alle Passanten eine Maske tragen müssen, die durch die Fußgängerzone gehen.
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Claudia Hoffmann weist darauf hin, dass während des Wochenmarktes alle Passanten eine Maske tragen müssen, die durch die Fußgängerzone gehen.

Mittwoch ist Markttag. Normalerweise ist es die Aufgabe von Claudia Hoffmann, dort die Standgebühren zu kassieren. Das macht die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes auch. Nun aber muss sie zusätzlich auf andere Dinge achten: Tragen alle Menschen rund um die Marktstände einen Mund-Nasen-Schutz? Wird Abstand gehalten? Verzehrt niemand direkt am Imbiss sein Mittagessen? Corona hat ihre tägliche Arbeit verändert – nicht nur an Markttagen.

Bönen – Eine Frau schiebt ihren Sohn im Kinderwagen vor sich her durch die Gemeindemitte. Offenbar ist sie keine Kundin des Wochenmarktes. Eine Maske müsste sie dennoch tragen. „Die Maskenpflicht gilt für Händler, Kunden und für alle, die sich an Markttagen in die Fußgängerzone begeben – selbst wenn sie keine Kaufabsicht haben“, erklärt Hoffmann. Freundlich weist sie die junge Mutter darauf hin. Die greift sofort zum Schutz in ihrer Tasche, zieht den Stoff vor Mund und Nase und bedankt sich sogar für den Hinweis.

Die meisten Leute würden ähnlich verständnisvoll reagieren. „Viele wissen nicht, dass sie auch als Nicht-Kunden auf dem Markt eine Maske tragen müssen“, hat die Mitarbeiterin der Gemeinde festgestellt. „Die Regeln ändern sich ja ständig.“ Natürlich gebe es einige, die weniger einsichtig sind. Da muss die Ordnungsamtsmitarbeiterin deutlicher werden. „Wer keine Maske trägt, zahlt 50 Euro“, nennt sie den Betrag aus dem Bußgeldkatalog. Der Hinweis darauf hilft bei den meisten, sich auf den Infektionsschutz zu besinnen. „Bei ganz hartnäckigen Fällen nehme ich die Personalien auf“, schildert die Bergkamenerin. Die werden an den Innendienst im Rathaus weitergeleitet, von wo aus der Bußgeldbescheid zugestellt wird.

Manchmal reicht eine freundliche Geste

Hoffmann weiß, dass viele der Verordnungen harte Einschnitte für die Menschen bedeuteten. Zum Beispiel für die Fans von Tinas Reibekuchen. Die Marktfrau darf zwar nach wie vor ihre Spezialitäten auf dem Markt anbieten, beim Essen müssen die Käufer aber mindestens 50 Meter Abstand zum Stand halten. Dabei ist der Wagen der Königsbornerin ansonsten ein beliebter Treffpunkt. Bei Tina gibt es Kartoffelpuffer, Kaffee und ganz viel Unterhaltung. „Da geht jetzt die ganze Geselligkeit verloren“, bedauert Claudia Hoffmann.

Einem kurzen Plausch mit einem der Händler steht die Maske aber zumindest nicht im Weg. Er erkundigt sich nach ihrem Befinden, sie fragt, ob seine Kunden die Maskenpflicht akzeptieren. Der Textilverkäufer nickt. „Manche haben keine dabei. Die bekommen dann von mir eine Einmalmaske. Das kostet nicht viel, ist aber wichtig“, sagt der Mann.

„Probleme gibt es auf dem Bönener Markt eigentlich nicht“, so Hoffmann. „Das ist in manchen Großstädten sicher anders.“ Radikale Verweigerer, die aus Überzeugung handeln, hat sie bisher nicht erlebt. Im Gegenteil: Bei einem älteren Mann reicht nun sogar eine freundliche Geste „Maske hoch“.

Die Markthändler haben keine Probleme mit der Verordnung. Die meisten Kunden würden sehr verständnisvoll reagieren, erzählt ein Verkäufer Claudia Hoffmann.

Wenn sie in der Gemeindemitte ist, wirft die Bergkamenerin zudem einen Blick in die Geschäfte. Dort müssen die Kunden ebenfalls Masken tragen. „Außerdem schaue ich, ob sie an den Kassen den Abstand einhalten und keine zwei Kassen nebeneinander geöffnet sind.“ Dann wäre der Mindestabstand nämlich kaum einzuhalten. Vor den Geschäften blickt Claudia Hoffmann noch einmal über die Marktfläche: Alles in Ordnung. Anschließend wendet sie sich dem Parkplatz zu. „Selbstverständlich überwachen wir auch während der Corona-Pandemie den ruhenden Verkehr“, sagt sie. Wer denkt, er kommt jetzt um ein Knöllchen für falsches Parken herum, der irrt sich.

Während die Händler noch ihre Waren zusammenpacken, klingeln am Schulzentrum die Glocken. Für einen Großteil der Realschüler und Gymnasiasten endet der Unterricht. Kinder und Jugendliche stürmen zur Bushaltestelle am Parkplatz. Dicht stehen sie beieinander, auf Abstand achtet kaum einer. Umso wichtiger ist es, dass die Schüler Masken tragen. Darauf achten Yasmin Deppner und Frederick Papies, die beiden Kollegen von Claudia Hoffmann. Gerade die Teenager sind leider nicht immer gewillt, die Anordnung zu befolgen und den Schutz an der Haltestelle und im Bus aufzubehalten. „Ich glaube, sie machen sich einen Spaß daraus“, überlegt Yasmin Deppner. Häufiger würden die Jugendlichen sich in den Bus setzen und bei der Abfahrt grinsend aus dem Fenster gucken – ohne Maske. „Aber wir kommen wieder“, kündigt Frederick Papies an.

„Wir gehen nicht mit der Brechstange vor“

Und wirklich: Man sieht sich immer zweimal. „Na, heute lässt du die Maske aber auf“, spricht der Ordnungsamtmitabeiter einen etwa zwölfjährigen Jungen an, der sich am Vortag den „Scherz“ erlaubt hat. „Auch wenn du cool vor deinen Freunden dastehen möchtest, ist das nicht lustig“, erklärt ihm Papies freundlich, aber bestimmt. 150 Euro Strafe werden nämlich fällig, wenn jemand ohne Maske in öffentlichen Nahverkehrsmitteln unterwegs ist. Bei Kindern und Jugendlichen werden solche „Strafzettel“ an die Eltern adressiert. „Und die werden nicht begeistert sein“, schätzt der Bergkamener.

Er setzt zunächst auf Kooperation, auf freundliche Ansprache. „Wir gehen nicht mit der Brechstange vor“, betont Yasmin Deppner. „Davon hat niemand etwas.“ Nur wenn nichts mehr geht, lassen sie sich die Ordnungskräfte die Personalien geben. Die älteren Schüler versuchen dabei durchaus mal, mit falschen Angaben ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Das kann aber erst richtig teuer werden. „Wer falsche Angaben macht, begeht eine Ordnungswidrigkeit, und die kann mit bis zu 1000 Euro geahndet werden“, weiß Papies.

Trotzdem sind nicht alle Schüler mit der Verordnung und schon gar nicht mit den Kontrollen einverstanden. „Gestern wurde meine Kollegin mit einem Apfelstück beworfen. Der Rest des Apfels steckte im Logo unseres Autos“, erzählt Papies.

Basketball- und das Soccerfeld vorsichtshalber gesperrt

Noch respektloser reagieren häufig die Jugendlichen, die sich fast täglich in großen Gruppen in der Gemeindemitte treffen. Werden sie von den Gemeindemitarbeitern auf Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen angesprochen, werden sie durchaus laut, frech und unverschämt. Deshalb kooperiert die Gemeinde inzwischen mit der Polizei. „Wenn wir mit dem Polizeiauto in die Fußgängerzone fahren, springen sie in alle Richtungen und laufen davon“, schildert Claudia Hoffmann. Sie und ihre Kollegen wissen aber auch, dass sie sich fünf Minuten später wieder zusammenfinden. „Die nehmen Corona auf die leichte Schulter“, vermutet Papies.

Vorsichtshalber hat die Gemeinde darum das Basketball- und das Soccerfeld an der Goetheschule gesperrt. „Dort wurden wir einfach nicht mehr Herr der Lage“, erzählt Claudia Hoffmann. Die Sportanlage ist nun mal ein beliebter Treff für Jugendliche – und sie hatten alle keine Masken auf. „Wenn wir sie darauf angesprochen haben, haben sie sie zwar hochgezogen, doch sobald wir uns umgedreht haben, waren die Masken wieder unten“, so Hoffmann. Sie versteht durchaus, dass der Stoff im Gesicht beim Sport stört. Ohne gehe es aber derzeit leider nicht. Und das gilt genauso auf Spielplätzen. „Kinder ab schulpflichtigem Alter müssen dort Masken tragen“, erinnert sie an eine der neueren Corona-Auflagen. Ab und zu muss sie die Kleinen und deren Eltern darauf hinweisen. „Die meisten wissen es einfach nicht.“

Auch Quarantäne wird überprüft

Vorsichtig sind in der Regel diejenigen, die bereits mit Corona infiziert sind. Für weitere rund 400 Bewohner der Gemeinde hat das Gesundheitsamt des Kreises eine häusliche Quarantäne verhängt, weil sie zu den engen Kontaktpersonen von Infizierten zählen. Die Gemeinde stellt ihnen nicht nur die Quarantäneanordnung zu, sondern kontrolliert darüber hinaus, ob sich die Betroffenen daran halten. „Wir bekommen die Listen von denjenigen, die in Quarantäne sind, vom Innendienst. Wir führen dann stichprobenartig Kontrollen durch“, erläutert Claudia Hoffmann – so wie jetzt Yasmin Deppner und Frederick Papies.

Die beiden stehen vor einem Einfamilienheim. Dessen vier Bewohner sind positiv auf Corona getestet worden und müssen zu Hause bleiben. Papies klingelt, der Vater öffnet die Haustür. Die beiden Gemeindemitarbeiter stellen sich und ihr Anliegen vor. Der Ton ist auf beiden Seiten freundlich. „Die meisten sind froh, dass wir uns darum kümmern“, hat Yasmin Deppner beobachtet. Sie erkundigt sich, wie es den Familienangehörigen geht. Alle vier müssen sich kurz in der Tür zeigen. „Uns geht es gut“, erzählt der Mann. Nur seine Frau sei schwer angeschlagen gewesen. „Jetzt geht es ihr aber wieder besser. Sie ist zu 75 Prozent wieder fit. Der Kreislauf spielt noch nicht richtig mit.“ Er hat noch ein paar Fragen zum Quarantäne-Formular, dann verabschieden sich die Deppner und Papies. „Weiterhin gute Besserung.“

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