Zwei Bönener Frauen kämpfen gegen Lipödeme

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Eine krankhafte Fettverteilungsstörung sorgt für Ablagerungen an Beinen und Armen.

Bönen – Rund 140 Kilogramm brachte Sabina Donkiewicz in ihren schwersten Zeiten auf die Waage. Dann nahm sie den Kampf gegen die Kilos auf. Heute lebt die 48-Jährige mit einem halben Zentner Gewicht weniger. Dennoch verfolgen sie noch immer die spöttischen Blicke einiger unbedachter Mitmenschen. Der Grund dafür ist ein ausgeprägtes Lipödem, das sich an beiden Oberschenkeln deutlich bemerkbar macht.

Die Figur der Lenningserin wirkt dadurch unproportional, während sie in Blusen und Pullovern Konfektionsgröße 40 trägt, benötigt sie bei Hosen Größe 44 oder gar 46. Die einzige Möglichkeit, etwas gegen die Krankheit zu unternehmen, ist eine Operation. „Wenn ich in den Spiegel schaue, passt es einfach nicht“, sagt Sabina Donkiewicz. Der Oberkörper ist schlank, die Oberschenkel stark ausladend. 

Lange dachte sie, dass ihr starkes Übergewicht auch der Grund für die „Reiterhose“ an ihren Beinen ist. „Ich war ja überall dick“, sagt sie. Doch inzwischen hat sie ihr Leben radikal verändert. Sie hat ihre Ernährung umgestellt, eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Adipositas besucht und treibt sehr viel Sport. 

Seit Jahren läuft Sabina Donkiewicz regelmäßig. Ihre Beine lässt das unbeeindruckt.

Nach Monaten, die viel Disziplin und Durchhaltevermögen von ihr abverlangten, wagte sie schließlich vor neun Jahren einen großen Schritt: Sie unterzog sich einer aufwendigen Magenoperation. Was sich für viele nach einer leichten Lösung anhört, war genau das Gegenteil. Die Operation bringt nämlich äußerst unangenehme Begleiterscheinungen mit sich, die die Betroffenen erst mal aushalten müssen. 

Auch das „richtige“ Essen musste Sabina Donkiewicz anschließend wieder lernen. Schließlich ist der Kalorienumsatz bei den Operierten anschließend so niedrig, dass sie sofort wieder zunehmen, sobald sie normal essen. Die Lenningserin beschäftigte sich seitdem mit dem Weight-Watcher-Ernährungskonzept und begann zudem mit dem Lauftraining bei den Lauffreunden Bönen. 

„Es ist, als ob man mit Zementsäcken an den Beinen läuft“

Inzwischen ist die Gebietsverkaufsleiterin sicher etliche hundert Kilometer gelaufen und ihr Gewicht hat sich auf einem normalen Level stabilisiert. Doch die auffälligen „Beulen“ an den Oberschenkeln sind geblieben. Hartnäckig. Es ist dabei nicht vorrangig die Optik, die die 48-Jährige verzweifeln lässt. Das Lipödem schränkt ihre Bewegung massiv ein. „Es ist, als ob man mit Zementsäcken an den Beinen läuft“, versucht sie, ihr Empfinden zu beschreiben. Schwimmen kann sie gar nicht, die Polster an den Beinen treiben ihren Unterkörper nach oben. „Ich möchte einfach ganz normal laufen können“, wünscht sie sich sehnlichst. Und auch die verletzenden Blicke ihrer Mitmenschen möchte sie nicht mehr ertragen müssen. 

Zwei Fachärzte haben ihr mittlerweile ein Lipödem, eine krankhafte Fettstoffwechselstörung bescheinigt. Obwohl es sich um eine Krankheit handelt, zahlen die gesetzlichen Krankenkassen den Eingriff ungern und nur in Einzelfällen. Erst seit dem 1. Januar ist für das Lipödem Stadium III die sogenannte Liposuktion an Armen und Beinen Kassenleistung. Bei Sabina Donkiewicz wurde Studium II diagnostiziert.

Der medizinische Dienst hat bei ihr aber bereits 2011 festgestellt, dass sie nach der Magenoperation weitere Anpassungsoperationen benötigen werde. Damit gemeint war die Straffung der Oberschenkel, des Bauches und der Arme. Bauch und Arme hat die 48-Jährige dank ihres strammen Sportprogrammes recht gut in Form bekommen. Doch die „Beulen“ an den Beinen lassen sich davon nicht beeindrucken. Laut der Fachärzte hätte eine Straffung der Oberschenkel bei der Lenningserin jedoch nur einen Sinn, wenn die Lipödeme zuvor beseitigt werden. 

Sabina Donkiewicz hofft nun, dass ihr schwerer Weg, den sie vor neun Jahren beschritten hat, bald ein gutes Ende findet. Das hat Melissa Kahn aus Nordbögge bereits fest im Blick. Die 20-Jährige leidet ebenfalls unter dem Lipödem, bei ihr sind neben den Oberschenkeln zudem die Oberarme und das Gesäß betroffen. Für die junge Frau eine Qual: Sie kann sich kaum noch ohne Schmerzen bewegen. Auf Dauer kann die Störung der Fettverteilung außerdem für weitere gesundheitliche Schäden sorgen: für Arthrosen in den Gelenken, offene Beine, Lymphödeme oder eine Schilddrüsenunterfunktion. 

Junge Nordböggerin sammelt Spenden für den Eingriff

Dass Melissa Kahn bereits in jungen Jahren so stark von der Krankheit betroffen ist, ist ungewöhnlich. Für die Krankenkasse spielt das aber keine Rolle: Auch in ihrem Fall will sie die Operationskosten nicht übernehmen. Vor lauter Verzweiflung hat die 20-Jährige einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Sie hat Ende vergangene Jahres im Internet bei Paypal den Spendenaufruf Melissa Liposuktionen gestartet. Mittlerweile hat sie damit viele Menschen erreicht, und die bisher gespendete Summe ermöglicht ihr nun die erste Operation.

Bei diesem Eingriff in einer Spezialklinik in Darmstadt werden zunächst die Innenseiten der Oberschenkel behandelt. Anschließend müssen allerdings noch die Außenseiten, die Oberarme und das Gesäß operiert werden. Mit mindestens drei weiteren Operationen rechnet die Nordböggerin. Sie hofft, auch dafür das Geld zusammenzubekommen, denn noch hat sie kein eigenes Einkommen, um die Kosten in Höhe von insgesamt etwa 18 000 Euro zusammenzusparen.

Melissa Kahn leidet schon in jungen Jahren an der Krankheit.

Bei einem Lipödem ist das Unterhautfettgewebe vermehrt. Betroffen von der chronischen Fettverteilungsstörung sind fast ausschließlich Frauen, oft nach einer hormonellen Umstellung wie der Pubertät oder einer Schwangerschaft. Auch eine erbliche Veranlagung kann eine Rolle spielen. Die Fettanlagerungen treten häufig an den Beinen, seltener auch an den Armen auf. Sie verursachen Schmerzen und eine erhöhte Druckempfindlichkeit der Haut, unbehandelt können sie zu Folgekrankheiten wie Arthrose, vorzeitigem Gelenkverschleiß, offenen Beinen und Weiterem führen. Ein Lipödem kann nicht ursächlich geheilt werden, Therapien zielen daher darauf ab, die Symptome zu verbessern. Je nach Erscheinungsbild und Ausmaß der Fettansammlungen werden drei Stadien der Erkrankung unterschieden, lediglich ab Stadium III springen die gesetzlichen Krankenkassen bei der operativen Reduzierung, der Liposuktion, ein.

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