Zu wenig Impfstoff

Wer noch die erste Impfung braucht, muss viel Geduld mitbringen

Apotheker Stefan Oyen mit Lieferbox für Impfstoff
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Der Bönener Apotheker Stefan Oyen liefert Impfstoff sowohl an Arztpraxen, als auch an das Impfzentrum in Unna. „Leider bekommen wir oft weniger, als die Praxen bestellt haben“, beklagt der Apotheker.

Wer jetzt noch nicht die erste Impfung erhalten hat, der braucht viel Geduld, sagen Bönener Ärzte. Die Impfpriorisierung ist aufgehoben, Kinder sollen ebenfalls demnächst geimpft werden – da drängeln immer mehr „Kunden“ bei den Arztpraxen und lassen die Telefone heiß laufen auf der Suche nach dem ersten Pieks.

Bönen – Die Ärzte würden gerne mehr impfen – aber womit? „Es wird eher schlechter“, bringt es Dr. Burkhard Simonis auf den Punkt. Hieß es noch vor wenigen Wochen, die Arztpraxen würden zumindest mit Astrazeneca unbegrenzt beliefert, um Impfwillige mit diesem Vakzin zu immunisieren, wurden die Lieferungen mittlerweile längst wieder reduziert. Dumm gelaufen, für die Patienten und die Praxismitarbeiter, die Impftermine wieder streichen müssen.

„Die Priorisierung ist aufgehoben und wir könnten jetzt alle Patienten impfen, bei denen es wichtig wäre“, erläutert Dr. Burkhard Simonis. „Aber womit? Wir bekommen nicht genug Impfstoff geliefert. Die Situation wird eher schlechter als besser.“

„Bringen Sie eine Impfdosis mit, dann bekommen Sie sofort eine Impfung“

Keine guten Nachrichten für alle, die noch auf der Suche nach dem ersten Impfangebot sind. Da die Priorisierung aufgehoben wurde, können sich theoretisch jetzt alle um einen Termin bemühen. Praktisch fehlt es an Impfstoff. „Bringen Sie eine Impfdosis mit, dann bekommen Sie sofort eine Impfung“, verdeutlicht der Bönener Mediziner die Lage. Denn derzeit müssen erst Mal die die anstehenden Zweitimpfungen durchgeführt werden. Bei den Hausärzten reißen dennoch die Anfragen nach Erstterminen gar nicht mehr ab. „Bei uns ist das Telefon permanent besetzt, ähnlich geht es den Kollegen in Bönen“, sagt Simonis.

In den Impfzentren in Unna und Umgebung werden zurzeit fast ausschließlich Zweitimpfungen durchgeführt.

Auch bei Dr. Christoph Middeldorf steht das Telefon nicht still. Gerade hat der Mediziner nach einem Urlaub die Praxis wieder geöffnet. „Für diese Woche haben wir tatsächlich alles erhalten, was wir zuvor bestellt hatten. Allerdings machen wir kaum Erstimpfungen, sondern müssen vor allem Zweitimpfungen nachholen. Dafür steht zurzeit ausreichend Impfstoff zur Verfügung. In den vergangenen zwei Wochen soll es aber eng geworden sein. Wir hätten gerne etwas mehr Impfstoff für die kommenden Wochen bestellt, das klappt aber nicht.“

Wer noch auf die erste Impfung wartet, der muss viel Geduld haben, bestätigt auch Middeldorf. „Zumindest, soweit man das im Moment abschätzen kann. Es ist schwer absehbar.“

Frühestens ab Mitte Juli wieder Erstimpfungen

Was tun Menschen – es sind nicht wenige – die nun endlich mal die erste Impfung erhalten wollen? Viele würden mittlerweile jeden Wirkstoff akzeptieren und nicht mehr länger auf Biontech warten. „Es hat wenig Sinn, jetzt die Telefone zu blockieren, um nach einem Termin zu fragen“, sagt Dr. Middeldorf.

Frühestens ab Mitte Juli sieht er eine Chance, dass neue Ersttermine gemacht werden können. Denn es mache keinen Sinn, viele Termine auf Verdacht zu vereinbaren, die später wieder abgesagt werden müssen. Das bedeutet viel Zeitaufwand für das Team und Frust für den Patienten. „Wenn wir mehr Impfstoff bekommen oder Dosen übrig sind, dann rufen wir kurzfristig Patienten von unserer Liste an.“

Impfstatistik

Auch wenn der Impfstart holprig war, hat sich das Impftempo inzwischen erhöht. Wenn mehr Impfstoffe zugelassen und verfügbar sind, könnte das Tempo sich steigern, so dass voraussichtlich im September 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sein könnten, so die derzeitigen Schätzungen. Für einen vollständigen Schutz sind bei den zugelassenen Impfstoffen zwei Injektionen nötig. Beim Vakzin von Johnson & Johnson reicht eine Impfung.

Deutschlandweit haben 21,9 Prozent der Bevölkerung bereits den vollen Impfschutz – das entspricht 18 187 186 Personen, 46 Prozent (38 245 152 Personen) sind einmal geimpft.

In NRW leben 17,9 Millionen Menschen. Davon haben aktuell 22,3 Prozent (3 999 109) den vollen Impfschutz, 48,6 Prozent sind einmal geimpft (8.722 892).

Im Kreis Unna (396 000 Einwohner) haben im Impfzentrum 81 026 Personen eine Impfung erhalten, 45 501 sind bereits ein zweites Mal geimpft. 70637 Menschen haben die erste Impfung in einer Arztpraxis erhalten und 22 865 Personen haben dort bereits den vollständigen Impfschutz erhalten. Mobile Impfdienste haben 27455 Menschen geimpft, 15 379 sind vollständig immunisiert.

Eine Alternative zu den Arztpraxen ist das Impfzentrum in Unna. Termine für das Impfzentrum, in dem ausschließlich Biontech verimpft wird, müssen auf dem Buchungsportal der Kassenärtzlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) gemacht werden. Aber auch hier sieht es derzeit düster aus. „Das Impfzentrum Unna ist komplett ausgebucht“, bestätigt ein Sprecher des Kreises Unna. Erst-Termine, die bereits bestätigt sind, würden natürlich beibehalten, aber neue Termine für Erstimpfungen seien in absehbarer Zeit nicht möglich.

„Die KVWL wird nach und nach wieder Termine freischalten, aber Erstimpfungen sind voraussichtlich erst ab Juli wieder buchbar“, bestätigt der Sprecher. Denn genau wie in den Praxen stehen jetzt erst einmal die Zweitimpfen ganz oben auf der Liste. Schließlich gibt es ein Zeitfenster, das eingehalten werden muss, damit die Erstimpfung nicht verfällt.

In der vergangenen Woche sind 7100 Impfungen im Impfzentrum Unna durchgeführt worden – bis auf wenige Ausnahmen ausschließlich Zweitimpfungen.

Apotheker können oft weniger liefern als bestellt

„Momentan gibt es kaum Impfstoff“, bestätigt der Bönener Apotheker Stefan Oyen. Er liefert Impfstoff sowohl an die Bönener Arztpraxen als auch an das Impfzentrum in Unna. „Ob es schlauer gewesen wäre, wie in Großbritannien erst allen Menschen eine Erstimpfung zu verabreichen und sie gegen schwere Verläufe zu schützen oder wie wir es in Deutschland machen, die Impfungen erst zu vollenden? Nachher ist man immer klüger. Aber die Lage entspannt sich jetzt.“

Und: „Die Organisation ist momentan sehr herausfordernd. Die Praxen sind sehr betroffen, wenn sie für ihre Termine nicht genügend Dosen bekommen. Ich kann da wenig tun, ich kann nur versuchen, soviel vorzubestellen wie möglich.“

Wenn der Bönener Apotheker den begehrten Stoff in den erforderlichen Kühlboxen ausliefert, dann muss er die Praxen oft enttäuschen, die mit mehr Einheiten gerechnet haben und schon vergebene Impftermine wieder absagen müssen. Der Frust setzt sich fort beim Patienten, der erfährt, dass es mit dem ersehnten Impftermin so kurz vor der Ziellinie nun doch nichts wird. Verschoben auf später. Auf genaue Termine will sich im Moment niemand gerne festlegen. Die Lage ist zu unüberschaubar – und ändert sich von Woche zu Woche.

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