Zehn Jahre Bildungsinitiative Bönen

Durch Corona wird der Bedarf an Unterstützung durch Lernpaten größer

Lernpaten der Bildungsinitiative Bönen sitzen um runden Tisch im Go in
+
Die Lernpaten der Bildungsinitiative Bönen treffen sich sonst regelmäßig in den Räumen des Treffpunkts Go in. Hier ist Bürgermeister Stephan Rotering (3. von links) zu Gast.

Bönen – Genau vor zehn Jahren gründete sich die Bildungsinitiative Bönen, deren Mitglieder vielen in der Gemeinde durch ihre Arbeit als Lernpaten bekannt sind. Ihre Mission: Grundschulkinder mit Migrationshintergrund, Flüchtlingskinder und Kinder aus bildungsfernen Familien bei ihrem Weg durch die Schule zu unterstützen.

Corona macht ihre Arbeit derzeit unmöglich. „Dabei brennt es uns auf den Nägeln wieder anzufangen“, sagt die Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins, Inge Thomas. „Denn durch Corona nehmen die Schwierigkeiten zu und die Zahl der betroffenen Kinder, die Hilfe benötigen.“

Die Lernpaten haben mittlerweile schon so manches Kind durch den Schulalltag gebracht, das einfach etwas mehr Unterstützung braucht, die im normalen Klassenbetrieb so nicht leistbar wäre. Seit Ausbruch der Coronapandemie sind die 17 aktiven Mitglieder allerdings komplett ausgebremst. „Das ist auch dem Alter der Lernpaten geschuldet“, sagt Inge Thomas, „die alle bis auf eine Ausnahme im Rentenalter sind. Wir wollen da auch kein Risiko eingehen.“

Angefangen hat alles am 11. März 2011 mit der Gründungsversammlung, an der sieben Mitglieder teilnahmen, erinnert sich Inge Reiners-Woch, die die ersten vier Jahre den Verein führte und dann den Stab an Inge Thomas weiter gab.

Nicht alle Familien können die nötige Unterstützung geben

„Wir Gründungsmitglieder – am Anfang ausschließlich Frauen – kannten uns aus langen Jahren des Engagements für mehr Bildungsgerechtigkeit in Bönen. Die ehemaligen Lehrerinnen unter uns wussten um die Bedeutung der Elternhäuser für den Übergang zu den weiterführenden Schulen am Ende der Grundschulzeit“, berichtet Inge Reiners-Woch. „Mit unserer Initiative wollten wir Kinder unterstützen, die zuhause nicht die notwendige Hilfe bekommen konnten. An den Grundschulen wurden wir mit offenen Armen aufgenommen, da alle Lehrkräfte Kinder in ihren Klassen hatten, für die mehr Unterstützung nötig war, als die Schule leisten kann.“

Bürokratische Hürden konnte Inge Reiners-Woch als ehemalige Schulleiterin und Schuldezernentin gemeinsam mit den Schulen überwinden. „Wir arbeiteten einen Plan aus, wie Kinder und Lernpaten zusammen kommen können unter Beachtung aller rechtlichen Vorgaben“, berichtet sie. „Unsere Mitglieder, die nicht aus dem Schuldienst kamen, hatten zunächst Zweifel, ob sie der Aufgabe gewachsen wären. Aber die Praxiserfahrung zeigte sehr schnell, dass Zugewandtheit, Empathie und Freude am gemeinsamen Lernen den Kindern sehr gut taten. Wir bekamen von Anfang an positive Rückmeldungen.“

Lernen und Freizeitaktivitäten

Der Verein erstellte einen Flyer, um seine Arbeit in der Öffentlichkeit bekannter zu machen, um weitere Lernpaten und Sponsoren zu gewinnen. Der damalige Bürgermeister Rainer Eßkuchen übernahm die Schirmherrschaft und stellte den Kontakt zu Sponsoren her. „So hatten wir die Mittel, über die schulische Betreuung hinaus von Anfang an in jedem Schulhalbjahr den Kindern auch kulturelle Angebote machen zu können“, so Inge Reiners-Woch. Dazu gehörte zum Beispiel der Besuch des Zirkus Travados, der DASA in Dortmund mit pädagogischem Programm, des Planetariums in Münster und des Zoos in Hamm. In Kooperation mit einer Künstlerin konnte die Bildungsinitiative auch kreative Angebote machen. Auch beim Ferienspaß sind die Lernpaten mit ihren Spielenachmittagen in der Bücherei seit Jahren ein fester Bestandteil des Sommerangebots für daheimgebliebene Kinder.

Nicht nur lernen steht auf dem Stundenplan der Lernpaten, sondern auch Freizeitaktivitäten wie der Spielenachmittag beim Ferienspaß mit Inge Thomas (2. von rechts).

„Durch konstante Öffentlichkeitsarbeit, aber auch über private Initiativen haben wir immer wieder Sponsoren gefunden, sodass wir Lernpatinnen verschiedene Fortbildungen in Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Integrationszentrum wahrnehmen konnten. Für unsere Lernpatenkinder in den beiden Grundschulen konnten wir jeweils eine große Kiste mit Lernspielen anschaffen“, berichtet Inge Reiners-Woch. Unterstützung erhielt der Verein auch immer vom Treffpunkt Go in, der von Anfang an für die monatliche Mitgliederversammlung einen Raum zur Verfügung stellte.

Corona hinterlässt große Defizite

Seit die Corona-Pandemie das Leben beherrscht, mussten die Lernpaten ihre wichtige Arbeit einstellen. „Es findet ja über lange Strecken kein Präsenzunterricht mehr statt“, erläutert die aktuelle Vorsitzende, Inge Thomas. Deshalb denkt sie über andere Wege nach, um die Kinder auch in diesen schwierigen Zeiten zu erreichen. „Wir planen eine Vorleseaktion über Youtube“, erzählt sie. Allerdings sei es nicht so einfach, lizenzfreie Texte zu finden. „Erst 70 Jahre nach dem Tod eines Autors dürfen die Texte kostenfrei genutzt werden, aber wir haben eine junge Kinderbuchautorin gefunden, deren Geschichten wir lizenzfrei verwenden dürfen.“

Gerade jetzt sei Hilfe besonders wichtig, wenn der reguläre Schulbetrieb wieder startet, denn Corona habe große Defizite hinterlassen und viele Kinder im Homeschooling allein gelassen, die ohnehin weniger Unterstützung bekommen. Da müsse viel aufgearbeitet werden.

„Wir hoffen, uns bald impfen lassen zu können, da ja Schul- und Kita-Personal jetzt geimpft wird“, sagt Inge Thomas. „Dann könnten wir kurzfristig an die Schulen zurückkehren. Viele Kinder sehnen sich danach, wieder in die Schule zu gehen und Unterstützung zu bekommen.“

Die Zahl der Helfer reicht nicht

Obwohl mittlerweile 17 Lernpaten im Verein aktiv sind – eine 18. Patin hat ihre Mitarbeit in Aussicht gestellt, wenn das wieder möglich ist – reiche die Zahl nicht aus, um alle Kinder zu fördern, bei denen Bedarf besteht, wirbt Inge Thomas um neue Mitglieder. Zuletzt hatte die Bildungsinitiative 29 Kinder betreut. Lernpate werden könne jeder, der Interesse an Kindern und Empathie mitbringt, sagt sie. „Man muss nicht aus dem Lehrerberuf kommen oder studiert haben.“

Kontakt aufnehmen können Interessierte, die die Arbeit der Lernpaten unterstützen möchten, mit Inge Thomas unter Telefon 7594.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare