Zechenturm feiert 90. Geburtstag, sein Förderverein 20-jähriges Bestehen

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Förderturm im Sonnenuntergang: Inzwischen können sich die Bönener ihre Gemeinde ohne Turm kaum mehr vorstellen.

Bönen - Nicht erst, seit er gelbe Leuchtstreifen erhalten und eine Karriere als Landmarke gemacht hat, ist der Bönener Förderturm das herausragende Wahrzeichen der Gemeinde. In diesem Jahr feiert der lange Lulatsch 90. Geburtstag – nicht zuletzt dank der unermüdlichen Arbeit seines Fördervereins seit genau 20 Jahren.

Fast wäre er gesprengt worden, der Turm, der Bönen so prominent überragt und schon von Weitem sichtbar ist. Er war in die Jahre gekommen und die Zeche, wo er viele Jahre seinen „Arbeitsplatz“ hatte, längst Geschichte und abgetragen. So stand er ziemlich einsam und etwas heruntergekommen auf einem unbrauchbaren Gelände mit Altlasten im Boden – ohne Aufgabe. 

So richtig konnte niemand etwas mit einem alten Förderturm anfangen. Obwohl – das stimmt nicht ganz. Es gab schon Bönener, die das Potenzial des Turms erkannten und die sich stark dafür machten, dass dieses Relikt der Kohleindustrie, die die Gemeinde nachhaltig in ihrer Geschichte geprägt hat, nicht einfach sang- und klanglos verschwindet.

 „Das waren die Männer der ersten Stunde, die den Turm nicht untergehen lassen wollten“, erinnert sich Günter Wagner, der zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins gehört und seit 1999 17 Jahre lang das Amt des ersten Vorsitzenden innehatte. Er hatte sich bereits als Ratsmitglied (1984 bis 1994) für den Erhalt des Turms eingesetzt. 

Günter Wagner hat – wie seine Fördervereinskollegen – unzählige Arbeitsstunden im Turm geleistet.

Als Betreiber war die Ruhrkohle AG verpflichtet, die Gebäude auf dem Zechengelände auf ihre Kosten abzureißen. Weil die Gemeinde keine Verwendung für die Gebäude auf dem kontaminierten Gelände hatte, kam das Unternehmen dieser Verpflichtung nach Schließung der Zeche auch nach. Einzig der Turm blieb stehen. „Bis 1996 wurde hier noch Wasser gepumpt, denn der Bönener Förderturm diente der Wasserhaltung für die Zeche Heinrich Robert in Hamm“, so Günter Wagner. „Sonst wäre wahrscheinlich auch der Turm bereits abgerissen worden. Anschließend wurde ein Pfropfen gesetzt und der Turm verlor seine Funktion.“ 

Nun galt es zu entscheiden: Der Ruhrkohle grünes Licht zu geben, das Industriedenkmal auf ihre Kosten zu beseitigen, oder den Turm in eigener Regie zu übernehmen. Alfred Schmiedel, damals Gemeindedirektor von Bönen, machte deutlich, dass mögliche spätere Abrisskosten zulasten des Gemeindehaushaltes gehen würden, wenn die Ruhrkohle erstmal aus der Verantwortung raus wäre. „Die kommunalen Kassen waren leer, denn der größte Arbeitgeber vor Ort mit zeitweise bis zu 4000 Mitarbeitern, existierte nicht mehr, der Strukturwandel in Bönen war noch lange nicht geschafft“, erinnert sich Wagner. 

Keine leichte Entscheidung. Denn es gab zunächst viele Unbekannte in der Rechnung: Was soll man mit einem alten Förderturm anfangen? Wer soll sich darum kümmern? Was wird das kosten? Wie ist der Zustand des Gebäudes? Auf den ersten Blick sprach erst einmal nicht so viel dafür, den etwas verwahrlosten Senior, der damals schon auf die 70 zuging, weiter zu betreuen. Das ließ für die Zukunft viel Arbeit erahnen. 

Vom Balkon des Turms haben Besucher eine tolle Aussicht. 

Deshalb organisierten Wagner und seine Mitstreiter für Interessierte Führungen durch den Turm. Was die zu sehen bekamen, war allerdings nicht gerade ermutigend. „Der Turm war in einem schrecklichen Zustand“, erinnert sich Wagner. „Keine Scheibe war heile, alles war verdreckt, die Bausubstanz war in einem schlechten Zustand, es gab weder Strom noch Wasser.“ Ein neuer Aufzug wurde erst 2006 eingebaut. Bis dahin ging es mühsam 55 Meter hoch zu Fuß über die Treppe. 

Nach der Besichtigung winkten viele Bönener zunächst ab: Dreht den Helm um – Feierabend! Reißt den Turm ab! Aber es war auch Interesse geweckt worden, das Industriedenkmal zu erhalten für die Nachwelt. „Am 24. November 1999 gründete sich schließlich der Förderverein Zeche Königsborn 3/4“, erzählt Wagner. „Am 4. Dezember beleuchteten wir den Turm mit drei Scheinwerfern, um den Bönenern zu zeigen, der Turm steht noch. Ein Jahr lang konnten alle, die Interesse hatten, zu ihrem Geburtstag oder zu einem anderen Anlass den Turm jeweils für eine Woche mieten und beleuchten.“ Das Denkmal rückte so wieder in das Bewusstsein der Bürger.

Mit Unterstützung des Kreises Unna, der Bezirksregierung Arnsberg und des Landes NRW sollte das Projekt Zechenturm anrollen. Die Landesentwicklungsgesellschaft LEG richtete eine Bauhütte ein und rüstete den Turm komplett für die Sanierungsarbeiten ein. Für viele Arbeiten mussten aber auch die ehrenamtlichen Helfer kräftig in die Hände spucken. „Wir haben zum Beispiel die Löcher im Mauerwerk zugeschmiert“, berichtet Wagner. 

Kunst: Der Turm erleuchtet die Nacht als „Yellow Marker“.

Dann machte der Turm Karriere als Kunstwerk. Der Lichtkünstler Mischa Kuball installierte seine Lichtleiste und machte ihn zum „Yellow Marker“ – zur weithin sichtbaren Landmarke im Ruhrgebiet. Aber nicht nur außen ist Kunst, auch innen finden mittlerweile viele kulturelle Veranstaltungen statt, denn die Gemeinde hat neben Aula und Alter Mühle einen weiteren Veranstaltungsort gewonnen. Ob Vofi-Fete der Abiturienten, Schlagerparty oder die regelmäßigen musikalischen Leckerbissen, die Fischers Friends servieren, ohne Turm läuft nichts in Bönen. 

Und wer nicht feiern will, der lässt sich von den Förderern durch den Turm führen, die Geschichte des 90-Jährigen erzählen und genießt am Ende den fantastischen Ausblick vom Balkon über die Gemeinde. 

Was die ehrenamtlichen Helfer in den vergangenen 20 Jahren bewegt haben, ist eine echte Leistung und ein Grund zum Feiern. Wie viele tausend Stunden Günter Wagner und seine Mitstreiter malocht und geschwitzt haben, um das Projekt Förderturm zu einem Erfolg zu machen, das kann heute keiner der Ehrenamtlichen mehr sagen. 

Auch wenn sie erst rückblickend wissen, wie viel Arbeit es am Ende wirklich wurde, den Turm zum Leben zu erwecken, spricht Wagner wohl für alle, wenn er sagt: „Ich würde es noch einmal machen.“

Hier wird gefeiert

Der Förderturm wird 90, der Förderverein besteht seit 20 Jahren. Das ist gleich ein doppelter Grund zu feiern. Deshalb laden die Förderer am Sonntag, 18. August, ab 11 Uhr alle Bönener zu einem fröhlichen Familienfest ein im und am Industriedenkmal. 

Los geht es mit einer Matinee des Shantychors Unna, der vor dem Turm das Fernweh der Gäste heraufbeschwören möchte. Stärken können sich die Besucher mit Fischbrötchen, aber auch Herzhaftem vom Grill. Außerdem wird ein großes Kuchenbüffet angeboten.

 Musikalisch geht es im Bönener Wahrzeichen weiter mit der Bergwerkskapelle Ost aus Hamm. Die kleinen Besucher können zusammen mit der Bönener Künstlerin Kerstin Donkervoort Bilder mit Kohle malen. Aber es geht auch bunt: Die Förderer bauen eine Farbschleuder auf, an der individuelle Kunstwerke entstehen können. Die Mitglieder des Origami-Stammtisches helfen den Gästen dabei, aus einem Blatt Papier Tiere, Blumen oder Figuren zu zaubern. Außerdem soll eine Seifenblasenmaschine vor dem Turm stehen, eine Hüpfburg, ein riesiges Vier-gewinnt-Spiel und ein Glücksrad. Schließlich sorgt DJ Ben für die musikalische Unterhaltung. 

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