Wonneberger vermittelt Einblick

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Jens Wonneberger ▪

BÖNEN ▪ Vor 77 Jahren fand in Berlin die sogenannte Bücherverbrennung statt. Leibhaftig mit dabei auf dem Berliner Opernplatz war als einziger der von den Nazis verfemten Autoren, dessen Werke auf dem Scheiterhaufen landeten, Erich Kästner. Der kam ebenso wie Jens Wonneberger, der anlässlich des Gedenktages am Montagabend in der Alten Mühle las, aus Dresden.

In allen 53 Kommunen, die im Rahmen der Kulturhauptstadt 2010 involviert sind, fanden am Montag Lesungen statt. Wer wo liest, wurde ausgelost. „Von Dresden nach Bönen ist nicht nur geografisch ein großer Schritt“, begrüßte Annemarie Berg Wonneberger in der guten Stube der Gemeinde. Der Angesprochene gab zwar freimütig zu, noch nie von Bönen gehört zu haben, machte aber sogleich Gemeinsamkeiten aus. „Ich komme ja ursprünglich nicht aus Dresden, sondern aus der Lausitz“, erklärte er, „und das ist ja wie das Ruhrgebiet eine ehemalige Bergbauregion.“

Der Wahl-Dresdener las anschließend aus seinen Erzählungen und Romanen: „Mein neuestes Manuskript, das ich morgen auch beim Verlag in Göttingen abliefere, heißt dem Ort entsprechend ‚Das Windmühlenhaus‘“, erläuterte Wonneberger den nur acht Besuchern. Anschließend schlug er seinen Erzählband „Die letzten Mohikaner“ auf, der eben in seinem Geburtsort spielt. Ob „Willi Kretschel, der das letzte Pferdefuhrwerk des Ortes bewegte“, oder „Wünschelrutengänger Plumpen Max“ – die Protagonisten Wonnebergers sind allesamt skurril. „Und die Geschichten enden alle tödlich“, bemerkte er. Die Aufgabe von Wünschelrutengänger Max ist es, Brunnen zu finden, oder eben trockene Orte, wo die Dorfbevölkerung bestattet werden kann. „Auch er hatte sich einen Platz für die ewige Ruhe selbst ausgesucht,“ zitierte er, „als das Grab dann ausgehoben war, lief es über Nacht voller Wasser. War halt ´nen Witzbold, scherzte das Dorf.“

Geschichten voller Ironie erzählte Wonneberger: „Davon steht gar nichts in den Kritiken“, bemerkte Berg. „Und wie sie die Spielplatzmütter beschreiben, ist schon treffend“, meinte eine Bönenerin im Publikum nach einem Auszug aus Wonnebergers Roman „Pflaumenallee“. Dort beobachtet ein Herr Bergheimer wie die satirische TV-Figur „Motzki“ seine Umgebung und lästert. „Ich beobachte meine Umgebung, übernehme aber die Vorbilder nicht eins zu eins“, berichtete der Dresdener, der als gelernter Bauingenieur spät zum Schreiben fand. „Verlegt wurde ich erst nach der Wende“, erzählte er. Und machte Unterschiede des Literaturbetriebs in Ost und West aus: „Heute ist es für die Autoren einfacher, ein Buch zu veröffentlichen, aber angesichts der Masse schwieriger, wahrgenommen zu werden.“ Aber es zähle, ob damals im Osten oder heute wiedervereint, für ihn die Qualität der Literatur, sagte das Mitglied der Autorenvereinigung PEN, die den Lesemarathon zum Tag der Bücherverbrennung veranstaltet hatte. „Die Verteidigung der Freiheit des Wortes ist schließlich vielerorts immer noch aktuell.“ ▪ ml

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