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Bönener Wirtinnen feiern 30 Jahre „Glucken-Stammtisch“: „Wir waren nie Konkurrentinnen“

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Von: Kira Presch

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Renate Timmering, Edith Heckmann, Ingrid Claus, Anke Kaufmann, Christa Haupt, Elsbeth Kreutz, Marlies Middendorf und Karin Denninghaus (von links)
Seit 30 Jahren treffen sich die Bönener Wirtinnen regelmäßig zum „Glucken-Stammtisch“: Renate Timmering, Edith Heckmann, Ingrid Claus, Anke Kaufmann, Christa Haupt, Elsbeth Kreutz, Marlies Middendorf und Karin Denninghaus (von links). © Presch Kira

Einen Stammtisch wie den „Gluckentisch“ gibt es wohl nicht so häufig: Seit 30 Jahren treffen sich Bönener Wirtinnen einmal im Monat zum Gedankenaustausch, Quatschen und ja, auch um das eine oder andere Glas zu trinken. Das ungewöhnliche an dieser Runde: Eigentlich waren alle Frauen früher mal Konkurrentinnen mit ihren gastronomischen Betrieben in der Gemeinde. Aber die Freundschaft und der Zusammenhalt standen immer Vordergrund.

Bönen – Am Donnerstag haben die gestandenen Wirtsfrauen ihr Jubiläum in der Gaststätte Denninghaus gefeiert. Gastgeberin Karin Denninghaus gehört auch zum Stammtisch und ist mittlerweile die einzige, die noch aktiv ist. Gemeinsam bringen die neun Stammtischmitglieder ein stolzes Alter von 655 Jahren zusammen, aber das merkt man ihnen überhaupt nicht an. Die Jüngste ist 57, die Älteste – Brigitte Köhling – bereits 90. Sie fehlte aus gesundheitlichen Gründen bei der Jubiläumsfeier, an der ausnahmsweise auch mal die Herren teilnehmen durften. „Normalerweise dürfen uns die Männer nur zum Stammtisch bringen und später wieder abholen“, stellt Edith Heckmann gleich mal kar. Denn das ist ein Weiberstammtisch und da will man auch mal unter sich sein. So haben sie es immer gehalten, bis heute.

Der silberne „Schluckspecht“ ist immer dabei

Entstanden sei die Idee mit dem Wirtinnen-Stammtisch auf dem 40. Geburtstag von Marlies Middendorf. „Die Ehemänner haben uns nicht mal ein Jahr gegeben, dann schläft das wieder ein“, erinnert sich Marlies Middendorf. Von wegen. Zum 5. Geburtstag des „Gluckentischs“ fertigte Goldschmied Fritz Degenhardt für alle einen silbernen Anstecker mit einem kleinen „Schluckspecht“, der seinen Schnabel ins Glas taucht, weil die Damen in ihrer Stammtischrunde gerne das eine oder andere Glas leerten.

Den Anstecker haben sie bis heute bei allen Treffen dabei. „Und spät ist es auch oft geworden – oder früh, wie man’s nimmt“, erzählt Marlies Middendorf lachend. „Aber das lag auch an unseren Arbeitszeiten. Manchmal sind wir vor 22 Uhr nicht aus dem Laden gekommen. Aber getroffen haben wir uns trotzdem immer.“

Mitglieder vom Glucken-Stammtisch der Bönener Wirtinnen 1996.
Vor 25 Jahren feierte der „Gluckentisch“ seinen 5. Geburtstag. Seitdem haben alle einen Anstecker mit einem Schluckspecht. © Privat

Seit 30 Jahren treffen sie sich jeden Monat, und einmal im Jahr fahren sie gemeinsam weg. Am Anfang war das nur ein Tagesausflug, später gönnten sich die Damen auch mal eine Woche Auszeit von Familie und Betrieb. Das musste sein. Schließlich war allen gemeinsam, dass sie auch das ganze Jahr hinter der Theke oder in der Küche standen, abends, sonn- und feiertags, wenn andere frei haben.

Mit Psychologie und Fingerspitzengefühl

Wir haben uns nie als Konkurrenten gesehen“, sagt Christa Haupt, die früher mit ihrem Mann Haus Höing betrieb, und alle stimmen zu. Im Gegenteil, die Gemeinsamkeiten haben sie zusammengeschweißt. Wenn sie vom Alltag, von Problemen erzählten, mussten sie nicht viel erklären – die Kolleginnen kannten die Arbeit in der Gastronomie, die nicht immer einfach war.

„Oft war man bis spät in der Nacht im Lokal, weil die Gäste kein Ende fanden und einfach nicht nach Hause wollten“, sagt Marlies Middendorf. Da war auch immer ein bisschen Psychologie und Fingerspitzengefühl gefragt. Etwa, wenn der Gast am nächsten Tag unter totalem Gedächtnisverlust litt angesichts der vielen Striche auf seinem Deckel und erklärte, das habe er niemals getrunken, daran könne er sich gar nicht erinnern. Alle nicken, solche Situationen kennen sie zur Genüge aus ihrem langen Berufsleben.

Jede Menge Anekdoten

Manchmal ging es aber auch nur mit klaren Ansagen. So wie Ingrid Claus, zwei Gästen, die partout das Lokal nicht verlassen wollten, irgendwann androhte, dann müssten sie eben im Gastraum übernachten, sie würde jetzt abschließen. „Die beiden wollten bleiben und ich hab abgeschlossen“, erzählt sie lachend. „Als mein Mann von der Nachtschicht nach Hause kam, fand er jedoch nur noch einen schlafenden Mann vor, der andere war verschwunden. Wir wissen bis heute nicht, wie er sich durch das schmale Toilettenfenster gezwängt hat.“

Mit den Jahren haben sie alle schon so einiges erlebt und können viele Anekdoten erzählen. So wie die Geschichte von dem Gast, der regelmäßig kam, eine Frikadelle und ein Taxi bestellte, die Frikadelle schon mal vor die Haustür liefern ließ, selbst aber noch blieb auf ein paar Bier, die Marlies Middendorf erzählt.

Egal, wie wunderlich die Gäste manchmal waren: „Wir haben uns immer gegenseitig geholfen“, berichtet Ingrid Claus, die mit ihrem Mann lange das Tennisheim führte. Inzwischen lebt die 70-Jährige in Osnabrück, kommt aber zu jedem Treffen.

Die Wohnung ist künftig da, wo früher die Theke war

„Ich erinnere mich, wenn uns das Bier ausging oder man zu wenig Fleisch eingekauft hatte, dann rief man einen Kollegen an und der half einem aus“, erzählt sie. Selbst Rezepte, sonst gut gehütete Geheimnisse, habe man ausgetauscht. Und auch, wenn ein fremder Gast auftauchte, der die Zeche prellte, informierte man sich gegenseitig.

Wenn sie zurückblicken, würden sie noch einmal ein Leben in der Gastronomie anstreben? „Auf jeden Fall“, sagen alle wie aus einem Mund. Sie sind eben Wirtinnen mit Leib und Seele. Ob sie heute allerdings ein Lokal eröffnen würden, da sind sie skeptisch. Es sei heute alles viel komplizierter. Deshalb finden sich auch keine Nachfolger mehr. Das ehemalige Haus Kreutz etwa wird jetzt in ein Wohnhaus umgewandelt, berichtet Elsbeth Kreutz. „Meine Wohnung ist dann künftig da, wo früher die Theke war.“

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