Winzig, aber unverzichtbar: Die "Kleine Seseke" ist Bönens kleinstes Fließgewässer

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Nur 800 Meter ist die „Kleine Seseke“, hier nach einem Regenguss, lang. Sie hat aber großen Anteil an der Artenvielfalt in der Gemeinde.

Bönen – Sie ist so etwas wie eine kleine Schwester der Seseke, und deshalb heißt sie auch so: „Kleine Seseke“. Zu einem wirklich eigenständigen Namen hat es also nicht einmal gereicht, als das winzige Gewässer in erste Karten eingetragen wurde. Gerade mal 800 Meter lang ist sie – wirklich kein Vergleich mit der „richtigen“ Seseke. Aber wie das eben mitunter bei Geschwistern so ist: Die Kleine hat mehr Tiefgang! Und das macht sie so unverzichtbar.

Die „Kleine Seseke“ ist Bönens kleinstes Fließgewässer, das überhaupt einen Namen hat und vom Lippeverband betreut wird. Ihr bisschen Wasser muss sie tagaus tagein an die große Schwester weiterleiten. Was andererseits ja nicht wirklich etwas Besonderes ist. Alle Bäche und Flüsse fließen schließlich ins Meer. Aber fast alle fließen immer in die gleiche Richtung – und diese eintönige Eigenschaft hat die „Kleine Seseke“ mitten im 20. Jahrhundert aufgegeben. 

Nicht freiwillig natürlich. Wie so Vieles im inneren wie äußeren Erscheinungsbild der Gemeinde ist auch die gespaltene Fließrichtung der Kleinen Seseke einer Bodensenkung und damit dem Bergbau zuzuschreiben. Ebenso wie viele weitere Eigenschaften des kleinen Bachs, durch die er sich deutlich von der „großen“ Seseke unterscheidet. Die musste den Niveauveränderungen der Landschaft im vergangenen Jahrhundert immer wieder angepasst werden, damit ihr Wasser weiter in Richtung Lippe fließt. Ohne diese Eingriffe hätte es immer wieder Überflutungen gegeben. 

Tiefster Punkt in der Mitte

Der Flusslauf selbst und die schützenden Deiche wuchsen im Lauf der Jahrzehnte immer mehr, um die Senkungen des Bodens ausgleichen zu können. Äcker und Wiesen aber konnten diese Veränderungen natürlich nicht mitmachen – und lagen über kurz oder lang deutlich unterhalb des Niveaus der Seseke. Die konnte daher ihre Aufgabe der Entwässerung der umgebenden Nutzflächen nicht mehr erfüllen. Das Land um die Seseke herum wäre schlicht untergegangen – hätte es nicht die kleine Schwester gegeben. 

Wenig idyllisch: Das Ende der Pumpstrecke kennzeichnen zwei dicke Rohre.

Die wurde den Bergsenkungen nicht angepasst, sondern sie sackte mit ab. Natürlich unterschiedlich stark. Je nach dem, was durch den Steinkohleabbau tief unter ihr gerade ausgelöst wurde. Mit der kuriosen Folge, dass sich ihr tiefster Punkt nicht mehr an der Mündung in die große Seseke zeigte, sondern etwa in der Mitte des Bachlaufs. Dort, wo heute das „Pumpwerk Kleine Seseke“ steht. Von hier aus musste und muss also das Wasser gepumpt werden, um wieder ins System der Seseke einmünden zu können. 

Brutplatz für viele Vögel

Idyllisch mutet es nun gerade nicht an: das Ende der Pumpstrecke, das durch zwei gewaltige Rohre im Deich des heutigen Regenrückhaltebeckens gekennzeichnet wird. Es ist aber auch ein Punkt der Verwandlung: Aus der eher unscheinbaren, begradigten, nur durch technische Bauwerke lebensfähigen Kleinen Seseke wird in dem großen Becken ein unglaublich vielfältiger Lebensraum. Viele, teilweise seltene Vögel brüten hier: Unter anderem Dorngrasmücke, Kiebitz oder Teichrohrsänger. 

Zum kleinen, stets erfolgversprechenden Jagdausflug kommen Eisvogel, Mäusebussard, Turmfalke und Steinkauz vorbei. Zug-, beziehungsweise Rastvögel wie Bekassine, Bergpieper oder Bruchwasserläufer werden immer wieder gesichtet. Insgesamt ergab eine vom Lippeverband initiierte Untersuchung den Nachweis von 90 verschiedenen Vogelarten in dem umzäunten aber weiträumigen Gelände, in dem sich große und kleine Seseke vereinigen – und das neben dem Artenreichtum natürlich auch noch einen funktionierenden Hochwasserschutz ermöglicht, der vor allem der Kamener Innenstadt zu Gute kommt. 

Schutz vor Überschwemmungen

Dass das alles so gut funktioniert, daran hat die nach wie vor eher unscheinbare Kleine Seseke großen Anteil. Sie sammelt das Wasser aus den Entwässerungsgräben und sichert die umgebenden landwirtschaftlichen Flächen vor Überschwemmungen. Sie entwässert und sichert sogar die Deiche der großen Seseke, deren Basis an vielen Stellen längst deutlich unterhalb des Flusses liegt. 

Vier Düker – Rohrleitungen unterhalb der Flussbetts – sorgen dafür, dass das Regenwasser auch auf der nördlichen Seite der Kleinen Seseke zugeleitet wird. Eindrucksvolle Zusammenhänge, die sich auf den ersten Blick wirklich nicht erschließen, dafür aber umso mehr, je intensiver man sich mit dem System des kleinsten mit einem eigenen Namen versehenen Bönener Fließgewässers beschäftigt. 

„Sie ist nicht das schönste Gewässer“, räumt Anne-Kathrin Lappe vom Lippeverband ein, „sie hat aber eine große Bedeutung für das Regenrückhaltebecken mit seinen attraktiven Lebensräumen.“ Und sie erfüllt – im Verborgenen – eine wichtige Aufgabe für die umgebenden Flächen; eine Aufgabe, die ihre große Schwester schon längst nicht mehr und auch in Zukunft wohl nie mehr stemmen kann.

Die Serie

Wir möchten die Serie über Bönener Superlative gern fortsetzen. Mit Berichten über größte und kleinste, jüngste und älteste, längste und kürzeste Phänomene im Erscheinungsbild oder in der Geschichte der Gemeinde. Schön wäre es, wenn Sie uns dabei mithelfen würden. Wir sind sicher, dass auf diese Weise so mancher neue, vielleicht überraschende Blick auf Bönen ermöglicht wird. In einer der nächsten Folgen möchten wir übrigens einigen Superlativen aus dem Vereinsleben nachgehen. Welcher ist der älteste Verein der Gemeinde, wie heißt der jüngste? Wer ist der größte und wer vielleicht der exklusivste Club? Über Hinweise – vielleicht auch Vermutungen – würden wir uns jedenfalls sehr freuen. Sprechen Sie uns an, wir gehen Ihren Tipps gern nach und gestalten mit Ihrer Hilfe neue Superlativ-Geschichten für Bönen.

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