Waldohreulen finden am Bönener Haarenweg ein neues Zuhause

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Die Waldohreulen beäugen ihren "Vermieter" genauso neugierige wie diese die Wildvögel.

Bönen – Wir haben neue Nachbarn. Sie machen sich tagsüber kaum bemerkbar und sind offenbar im Nachtdienst aktiv. Seit mehr als einer Woche leben drei wunderschöne Waldohreulen mit braun-weiß-ocker-geflecktem Gefieder auf dem Baum vor unserem Haus – mitten in einer gewachsenen Wohnsiedlung in Bönen.

Mit ihren auffälligen leuchtend orangegelben Augen betrachten sie uns nun genauso neugierig wie wir sie. Und trotz der üppig vorhandenen Hinterlassenschaften auf den Pflastersteinen unserer Einfahrt freuen wir uns über ihre Gesellschaft. Und die ist in der Tat ungewöhnlich, wie Guido Dreier von der Auffangstation für Greifvögel und Eulen an der Biologischen Station des Kreises in Bergkamen sagt. Schließlich leben wir nicht direkt am Waldrand oder am offenen Feld, sondern in einem Kettenhaus mit kleinem Garten. 

„Zu dieser Zeit ist das wirklich verwunderlich. Im Winter, wenn die Eulen keine Jungen zu versorgen oder ein Revier zu verteidigen haben, dann kommt es schon mal vor, dass sie sich in einer Wohnsiedlung niederlassen und teils mit fünf, sechs Vögeln auf einem Baum hocken. Aber zu dieser Jahreszeit ist das eher selten“, sagt der Fachmann.

Dass auf dem Areal, wo heute unsere kleine Siedlung steht, früher ein großer Gutshof zu finden war, könnte tatsächlich ein Grund sein, warum sich die drei „Asio otuse“ aus der Familie der „Eigentlichen Eulen“ (Stringidae) bei uns niedergelassen haben. Der Baum war jedenfalls vor uns da. „Vielleicht kennen sie den Ort von früher. Solches Wissen wird bei Eulen von Generation zu Generation weitergegeben“, berichtet der Bergkamener. Er schätzt, dass es sich bei unseren Exemplaren um Jungvögel handelt. 

Bei Dämmerung beginnt die Jagd

Mir erscheinen sie zwar für Kinder oder Jugendliche schon ganz schön propper, doch erreichen junge Waldeulen laut Guido Dreier schnell die Größe von ausgewachsenen Tieren. Das sind etwa 30 bis 40 Zentimeter. „Sie werden nachts von den Alteulen gelockt, die in der Nähe warten und sie versorgen“, erklärt der ausgebildete Falkner aus Rünthe. 

Typisch für Teenager ist zumindest, dass sich das Trio den ganzen Tag über kaum bewegt und erst am Abend „aus den Federn“ kommt. Sobald die Dämmerung hereinbricht, machen sie sich jedoch auf den Weg, lautlos, majestätisch gleitend, mit einer imposanten Flügelspanne. Am nächsten Tag liegt dann das Gewölle auf den Steinen und im Blumenbeet, also herausgewürgte Klumpen von unverdaulichen Nahrungsresten. Ganze Mäuse-Skelette können darin enthalten sein, habe ich erfahren. Nachschauen werde ich aber sicher nicht. 

Per Ferndiagnose am Telefon kann Guido Dreier natürlich nicht sagen, ob es sich bei „unseren“ Eulen tatsächlich um Nachwuchs handelt. „Es könnten ebenso ältere, unverpaarte Vögel sein. Die sitzen gerne beieinander.“ Offensichtlich ist die Esche in unserem Vorgarten ein optimaler Schlafbaum, der sich möglicherweise im Zentrum ihres Reviers befindet. In luftiger Höhe sind die Wildvögel sicher vor Feinden wie Mardern oder Katzen, können sich im Blattwerk verstecken und haben trotzdem eine relativ freie Startbahn für die nächtliche Jagd. Das nächste Feld mit üppiger Mäusepopulation liegt nur wenige Flugminuten entfernt. 

In grün belaubter Höhe können sie ungestört den Tag verbringen. Das sollten wir ihnen auch unbedingt gönnen, rät Dreier: „Ganz in Ruhe lassen, dann bleiben sie vielleicht.“ Zumindest bis zum Herbst. Wenn der Baum die schützenden Blätter verliert, wird trotz größter Rücksichtnahme vermutlich der Abschied kommen. „Sie suchen sich eigene Reviere“, erklärt Dreier. Brüten werden sie dann sicher nicht bei uns. Dazu ziehen sich Waldeulen nämlich gerne in geschützte Gefilde zurück und suchen sich verlassene Nester von Greifvögeln oder Krähen als Nistmulde. 

Mäuse als Futter bevorzugt

Ob sich die Drei wenigstens den Sommer über bei uns wohlfühlen, liegt unter anderem am Futterangebot. Unser Vorgarten liegt zwar in einem Wohngebiet, Mäuse – Waldohreneules Lieblingsspeise – gibt es hier aber auf jeden Fall. Sogar Ratten, falls es mal etwas deftiger ausfallen soll. Unser Kater Joschi hat jedenfalls schon mehrfach solche herzlich gemeinten Mitbringsel ins Haus gelegt. Nun wird er wohl teilen müssen. An die Jungtauben und den Meisennachwuchs, deren Eltern ebenfalls Gefallen an unserer Esche gefunden haben, gehen sie dagegen wahrscheinlich nicht ran, schätzt Dreier. Eher müssten ein paar Maikäfer dran glauben. 

Zwar lassen sich Eulen nicht häufig so nah bei Menschen nieder, ganz so selten sind sie in dieser Region aber nicht. „Sie kommen regelmäßig bei uns vor, wenn auch nicht übermäßig viel“, weiß der Bergkamener. Die Waldohreule ist eine der häufigsten Eulen in Mitteleuropa und zudem ein echter „Globetrotter“: Die Art ist quer durch Eurasien einschließlich China, der Mongolei und Japan verbreitet. Sie ist im afrikanischen Atlasgebirge ebenso zu Hause wie in den Bergwäldern Äthiopiens, auf den Azoren, den Kanaren, in Kanada, der USA – und am Haarenweg in Bönen. „Das zeugt davon, dass der Lebensraum in Ordnung ist“, erklärt Vogelfachmann Guido Dreier.

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