Veranstaltung der Grünen

Weniger Schärfe im persönlichen Umgang: Online-Diskussion zur Erweiterung der Putenmast in Bönen

Erdwall Putenmast Baustelle Familie Ryba
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Angrenzend an das Grundstück der Familie Ryba ist bereits ein Wall angehäuft worden. Daneben sollen neue Putenställe gebaut werden, gegen die das Ehepaar Ryba gerichtlich vorgeht.

Seit November 2020 gibt es ein großes Thema in Bönens Süden: Die geplante, genehmigte und schon im Bau befindliche Erweiterung der Putenmastanlage der Familie Engels. Am Mittwochabend hatten die Grünen zu einer öffentlichen Expertenrunde mit dem Bundestagsabgeordneten und agrarpolitischen Sprecher der Partei, dem Bergkamener Landwirt Friedrich Ostendorff, geladen.

Bönen - Unterstützt wurde Ostendorff dieser von der Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Landwirtschaft der Grünen, Dr. Ophelia Nick. Im Zoom-Videochat saßen viele Parteimitglieder, Anwohner aus Lenningsen und Hemmerde, einige Bauern und die direkte Nachbarin Monika Ryba, die gemeinsam mit ihrem Mann Werner eine Nachbarschaftsklage vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen eingereicht hat. Insgesamt diskutierten, moderiert von der Beisitzerin im Ortsverband Unna, Ronja Kossack, 58 Teilnehmer.

Wichtigster Punkt neben der Ablehnung der Massentierhaltung: Warum wird so ein Großprojekt nicht schon im Genehmigungsverfahren öffentlich gemacht? „Das kenne ich so nur aus Unna“, meinte Ostendorff, „auch wenn sich der Kreis ja einen grünen Anstrich gibt. Sogar im „tiefschwarzen“ Soest-Berlingsen wäre eine Anlage für 80 000 Hühner vor dem Bau in einer Bürgerbeteiligung vorgestellt worden.

Gefahr der Radikalisierung

Ostendorff machte zudem eine Rechnung auf. Es gebe Grenzen in der Tierhaltung. „Das sind 40000 Puten und 2000 Schweine, um das so genannte landwirtschaftliche Privileg halten zu können.“ Landwirte dürfen in Außenbereichen erweitern, gewerbliche Betriebe nicht. Die beiden Tierhaltungen der Engels würden zusammengenommen die Grenze überschreiten.

„Auch bei uns gibt es Befürworter und Gegner der Massentierhaltung“, erklärte Thomas Döring, Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins Unna und persönlich bekannt mit Dr. Alexandra Engels. „Ich kann und will das Vorhaben moralisch nicht beurteilen“, bekannte er, „aber es geht gar nicht, dass die Kinder in der Schule und auf dem Privatgrund der Engels angegangen werden.“ Er sehe die Gefahr einer Radikalisierung. „Wir sollten in der Sache ruhig Schärfe in der Diskussion zulassen, aber nicht im persönlichen Umgang.“

Die Grünen haben zusammen mit dem BUND und dem Nabu ein Banner aufgestellt, um gegen die Massentierhaltung in Bönen und Unna zu demonstrieren.

Zwei Parteien suchten an diesem Abend tatsächlich den Dialog. Thomas Döring, der sich zunächst über das plakative Banner an der Fröndenberger Straße aufgeregt hatte, sah ein, dass solche Wege, Öffentlichkeit zu erreichen, manchmal nötig seien. Ostendorff und Nick sahen auch bei den konventionellen Bauern ein verstärktes, oft besorgtes Nachdenken, wie sie ihre Betriebe zukunftsfähig gestalten könnten. Mit Massentierhaltung und kaum die Kosten deckenden Marktpreisen gebe es keine Zukunft. Da waren sich die Kontrahenten einig.

BUND will Spendenkonto einrichten

„Für die Rybas ist das Heimat“, verwies Manfred Hartmann (Grüne) auf einen weiteren Aspekt und den Auslöser der Diskussion. „Und für das Ansehen der Landwirtschaft ist so eine Genehmigung in einer Nacht- und Nebelaktion verheerend.“

Anwohnerin Monika Ryba hatte ausgerechnet am Mittwochabend Internetprobleme. Ihre abschließende Wortmeldung nach zwei Stunden fairer Diskussion war nicht zu verstehen. Beim Telefonat am Morgen darauf betonte sie, dass sie „an der Sache dran bleiben werden. Unsere Nachbarschaftsklage liegt weiter beim Verwaltungsgericht Gelsenkirchen“ , betonte sie. Es gebe noch Punkte, die man näher beleuchten müsste, spielte sie auf die Einordnung des Betriebs als landwirtschaftlich an. Richtig gut tun würde die Unterstützung durch die Grünen und den BUND.

Genau auf der Grenze zwischen Bönen und Unna-Stockum sollen die neuen Putenmastställe errichtet werden.

Letzterer werde die Familie Ryba weiter juristisch unterstützen, erklärte Mitglied Edwin Illian am Donnerstagmorgen. Der BUND erwäge auch die Einrichtung eines Spendenkontos, falls den Rybas von Engels die Kosten des erneut bestellten Gutachters in Rechnung gestellt würden. „Die Sache hat doch ein Geschmäckle“, meint das langjährige Mitglied des Naturschutzbeirats im Kreis. Engels würde die Tierhaltung auf zwei Betriebe aufteilen. Einer läuft auf den Namen des Ehemanns Ulrich Spielhoff, die Puten laufen auf Alexandra Engels.

Keine Stellungnahme von den Bauherren

„Was passiert, wenn die Landwirte den Engels die Pachtflächen kündigen?“, fragt Illian. 50 Prozent Futteranbau auf eigenem Grund seien auch Grundlage für die Klassifizierung des Betriebs in landwirtschaftlich oder gewerblich. Er wüsste von Bauern, die ebenfalls nicht einverstanden seien mit solchen Großprojekten. „Gewerblich“ bedeute höhere Auflagen. „In jedem Fall werden wir dafür sorgen, dass es ab Betrieb ein Monitoring bezüglich der Emissionen der Ställe gibt“, schließt Illian.

Eine Partei hält sich weiterhin bedeckt. Die Grünen hätten Dr. Alexandra Engels mehrmals Gesprächsangebote gemacht, erklärte Ronja Kossack. Keine Resonanz.

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