Anstieg der Arbeitslosigkeit: Fast überall im Kreis zweistellig

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Mit nichts zu vergleichen, sei die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt. Allein für 60 000 Beschäftigte wurde Kurzarbeit beantragt.

Kreis Unna/Hamm – Deutlich mehr Arbeitslose, kaum Einstellungen, Kurzarbeit auf Rekordniveau: Wegen der Corona-Krise ist der Arbeitsmarkt in Hamm und im Kreis Unna in weiten Teilen zum Erliegen gekommen. Das ist eine historisch einmalige Entwicklung in der Nachkriegszeit.

Die Auswirkungen von Corona übersteigen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die der Wirtschafts- und Finanzkrise von 2008/09 um ein Vielfaches. Eine Prognose, wie sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Monaten entwickeln wird, sei schwierig, sagt Agentur-Geschäftsführer Thomas Keyen. Die aktuelle Situation sei mit nichts vergleichbar. Man fahre auch bei der Bundesagentur nur „auf Sicht“.

Kurzarbeit

Über 3000 Betriebe haben im Kreis Unna seit März Kurzarbeit angemeldet. Betroffen sind über 60 000 Beschäftigte. Bei der Agentur für Arbeit wird davon ausgegangen, dass viele Unternehmen Anträge erst rückwirkend einreichen – das geht jeweils für drei Monate. „Da wird noch einiges auf uns zukommen“, glaubt Keyen. Erst im Juni oder Juli könne deshalb seriös gesagt werden, wie viele Beschäftigte tatsächlich von Kurzarbeit betroffen sind oder waren. „Die Betriebe tun gut daran, das Kurzarbeitergeld zu nutzen. Wer Mitarbeiter entlässt, kann nicht sicher sein, dass diese Kräfte ein paar Monate später – nach der Krise – wieder zur Verfügung stehen. Dann hat man Einstellungskosten und muss die neuen Mitarbeiter auch erst einarbeiten“, erklärt Keyen.

Aufstockung

Es gibt Betriebe, die das Kurzarbeitergeld in Höhe von 60 oder 67 Prozent des letzten Netto-Gehalts aufstocken – teilweise auf bis zu 100 Prozent. Genaue Zahlen liegen der BA dazu nicht vor. Solche Unternehmen seien allerdings nicht der Regelfall, betont Keyen. „Das können sich nur Firmen leisten, die Rücklagen gebildet haben. Das war für viele Unternehmen wegen ohnehin geringer Einnahmen – wie bei den Friseuren oder in der Gastronomie – gar nicht erst möglich“, erklärt Keyen.

Betroffene Branchen

Die Corona-Krise sorgt in beinahe allen Branchen für massive Umsatzeinbußen. Nur im Lebensmittelhandel gibt es eine Ausnahme davon. Auch nach den Lockerungen der Schutzmaßnahmen und der Wiederöffnung der Geschäfte ist noch ungewiss, inwieweit die Menschen wieder einkaufen gehen. „Im Einzelhandel wirken sich Käuferverhalten und Kaufkraftverluste durch Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit direkt aus“, erklärt Keyen und fügt hinzu. „Die Leute halten in Krisen ihr Geld zusammen.“ Deswegen sind Einzelhandelsbetriebe und das Gastgewerbe auch am stärksten von Kurzarbeit betroffen.

Offene Stellen

Ein Großteil der Arbeitgeber, die vor der Krise offene Stellen gemeldet hatten, ist mittlerweile sehr zurückhaltend. Im April kamen im Kreis Unna nur 327 offene Stellen hinzu. Das bedeutete einen Rückgang um 50,2 Prozent zum März und sogar um 66,8 Prozent zum April 2019. Im Bestand hat die Bundesagentur noch 2530 offene Arbeitsstellen (minus 14,4 Prozent). „Fast die gesamte Wirtschaft ist zwischenzeitlich auf Null gefahren worden. Deshalb gibt es im Moment einfach kaum Bedarfe“, sagt Keyen. „Die Unsicherheit darüber, wie es weitergeht, ist zudem sehr groß.“

Probleme mit Anträgen

Die Bearbeitung der zahlreichen Kurzarbeitergeld-Anträge ist für die Beschäftigten der Bundesagentur nach wie vor eine immense Herausforderung und gelingt nur durch Überstunden – etwa am Wochenende. In Hamm sind inzwischen 55 Mitarbeiter dauerhaft für die Bearbeitung von Anträgen aus Hamm und umliegenden Kommunen und Kreisen zuständig. Die Bearbeitung durch die umgeschulte Mitarbeiter, die zuvor etwa in der Vermittlung der Berufsberatung saßen, klappe immer effizienter, lobt Keyen. Aktuell werde das Kurzarbeitergeld wenige Tage nach Eingang des Antrages überwiesen. Was lähmt: Eine große Anzahl der Anzeigen und Anträge sei nicht vollständig – und damit nicht zu bearbeiten, sagt Keyen. Mal fehle die Vollmacht für den Steuerberater, mal seien Kreuzchen vergessen worden.

Ausbildung

Klassische Berufsberatung finde im Moment nicht statt, weil die Berater nicht in die Schulen gehen könnten. „Da geht der Gesundheitsschutz vor“, so Keyen. Vieles laufe jetzt per Mail oder Telefon. Aber: Viele kommende Azubis glaubten offenbar, dass sie sich im Moment nicht bewerben könnten. Ein Trugschluss, so Keyen: „Die Ausbildungsbetriebe melden uns in einer überwältigend großen Zahl zurück, dass sie weiter auf der Suche sind. Deshalb wollen wir junge Leute ermutigen, sich weiterhin zu bewerben. Das geht auch digital.“ Die BA bietet zudem einen besonderen Service an: Die Unterlagen können an die Agentur gemailt werden, dort werden sie einem Check unterzogen und zurückgeschickt. Die Berufsberater sind zudem telefonisch unter der 02381/910 1111 von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr erreichbar.

Die Zahlen

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie machen sich nun auch deutlich in den Arbeitsmarktzahlen bemerkbar. Die Arbeitslosigkeit stieg im April im Vergleich zum Vorjahr um 11,4 Prozent. Insgesamt sind damit im Kreisgebiet 15 931 Menschen ohne Job, etwa 1600 Personen mehr als im März. Die Quote stieg auf 7,5 Prozent. Über 3000 Betriebe haben seit März Kurzarbeit angemeldet. Betroffen sind über 60 000 Beschäftigte.

Die meisten, die sich neu arbeitslos meldeten, übten zuvor eine Tätigkeit in der Arbeitnehmerüberlassung, im Handel, im Verarbeitenden Gewerbe, in Verkehr und Lagerei, in sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistungen sowie im Gastgewerbe aus.

In Bönen sind 685 Personen arbeitssuchend gemeldet. 64 sind neu hinzugekommen. Das sind 10,1 Prozent mehr als im Vormonat. Bis auf Lünen (8,8 %) verzeichnen alle anderen Städte und Gemeinden im Kreis zweistellige Zuwachszahlen. Vor einem Jahr waren es in Bönen nur 606, vor einem Monat 621. Männer sind mit 394 Personen weiter mehr von Arbeitslosigkeit betroffen als Frauen (291). 223 Menschen zählen zu den Langzeitarbeitslosen.

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