Alle wollen einen Termin

Vor der Wiedereröffnung: die Freude und der Frust der Friseure

Mario Filler hofft, bald wieder so in seinem Friseursalon stehen zu können. Der Frust bleibt aber.
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Mario Filler hofft, bald wieder so in seinem Friseursalon stehen zu können. Der Frust bleibt aber.

Die Zeit zwischen zwei Anrufen reichte kaum zum Luftholen. Fast ununterbrochen klingelte am Donnerstag das Telefon bei Mario Filler. Nach rund einer Stunde hatte der Friseurmeister seinen Kalender bereits für die erste März-Woche mit Terminen gefüllt. Der Bönener ist mindestens ebenso erleichtert wie seine Kunden, die offenbar nach einem Haarschnitt lechzen, seinen Friseursalon nach dem aktuellen Beschluss von Bund und Ländern am 1. März wieder öffnen zu dürfen. Ungetrübt ist seine Freude allerdings nicht.

Bönen – „Ich finde es eine Farce, wie der sogenannte harte Lockdown gelaufen ist“, macht Filler seinem Ärger Luft. Während in seinem Bekanntenkreis alle Menschen in ihren Berufen arbeiten durften, war der selbstständige Friseurmeister zum „Däumchendrehen“ verurteilt – mit der Konsequenz, wochenlang keinerlei Einkommen zu haben.

Erst Ende Januar kam die „Dezemberhilfe“ bei ihm an, für die zwei Wochen am Jahresende, die normalerweise die wichtigsten in „Susannes und Marios Haarstudio“ überhaupt sind. Kurzarbeitsgeld für die Mitarbeiter gab es hingegen bislang nicht. „Die Steuerberaterin hat als Grund ‘coronabedingt’ in den Antrag eingetragen und das hat dem Amt nicht gereicht“, erklärt er, warum dieser Antrag bislang nicht bearbeitet wurde. Überhaupt musste der Handwerksmeister mit allerhand Anträgen und Formularen kämpfen, ohne dadurch echte Hilfe erhalten zu haben.

Ab Januar soll Mario Filler nun lediglich die Fixkosten für seinen Salon an der Dürerstraße gelten machen können. „Die sind bei uns gering. Das Haus, in dem der Laden ist, ist unser Eigentum. Zwar müssen wir es noch abbezahlen, aber den Abtrag dürfen wir nicht geltend machen.“ Das funktioniere nur bei Mietkosten.

Acht Wochen ohne einen Cent in der Ladenkasse

Natürlich ist er daher nun total erleichtert, dass es in rund zweieinhalb Wochen endlich weiter gehen kann mit seinem Geschäft. „Wenn die Schließung noch länger gedauert hätte, dann wäre ich wohl auch gezwungen gewesen, schwarz zu arbeiten“, sagt er. Und davon sei er eigentlich ein strikter Gegner. „Aber ich kann es keinem meiner Kollegen verübeln, der jetzt im Lockdown trotzdem arbeitet. Sie sind ja zum Teil gezwungen dazu, irgendwo muss das Geld schließlich herkommen“, weiß er, dass vielen Friseuren das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals steht und sie kurz vor der Pleite stehen – nach rund acht Wochen ohne einen Cent in der Ladenkasse.

„Das ist alles sehr, sehr schlecht gelaufen“, stellt Filler fest. Ihm wäre ein echter Lockdown lieber gewesen – einer, bei dem wirklich alle hätten zu Hause bleiben müssen – auch die Beschäftigten in der Industrie. „Nach vier Wochen hätten wir es dann durchgestanden“, schätzt er. Dieser Wechsel von Schließen und Öffnen würde hingegen vieles kaputt machen, nicht zuletzt die Menschen.

Der Friseurmeister hofft, ab kommenden Monat auf ein Stück Normalität. Zumindest am Anfang wird er allerdings mehr als alle Hände voll zu tun haben, wie ein Blick auf den vollen Terminkalender ihm deutlich macht. „Aber ich hatte ja leider lange genug Zeit, mich auszuruhen“, so Mario Filler.

Auch bei Ute Sroka steht das Telefon nicht still

Seine Kollegin Ute Sroka traut dem Braten nicht so recht, wie sie sagt. „Man ist skeptisch geworden“, stellt sie fest. „Immer wieder hieß es, wir könnten wieder aufmachen, etwa am 15. Februar, dann wurde der Lockdown doch verlängert. Ich freue mich erst, wenn es wirklich dabei bleibt“, gibt sie mit Blick auf die Ankündigung der Bund-Länder-Konferenz an.

Ab 1. März darf auch Ute Sroka ihren Friseursalon wieder öffnen. Am Donnerstag meldeten sich bereits etliche ihrer Kunden, um einen Termin für die ersten Tage zu vereinbaren.

Ihre Kunden haben offensichtlich mehr Vertrauen. Bei der Bönener Friseurmeisterin klingelte am Donnerstag das Telefon ebenfalls ununterbrochen. „Ich habe ihnen vor der Schließung gesagt, dass sie mich anrufen können, sobald sie hören, dass wir wieder öffnen dürfen.“ Und so stand am Donnerstagmorgen die Rufumleitung von ihrem Salon an der Bahnhofstraße in die eigene Wohnung. „Es wird schon Zeit, dass es wieder losgeht“, findet Ute Sroka. Den Kunden fehle ohne Friseurbesuch durchaus ein Stück Wohlbefinden. „Und wenn man dann die Fußballspieler und Politiker mit ihren frischen Haarschnitten sieht, ist das schon ungerecht“, ist sie keineswegs zufrieden mit den Regelungen im Lockdown.

Bislang keine Hilfen vom Bund

Auch sie steht seit Wochen ohne Einkommen da. „Ich habe Rücklagen, die ich jetzt aufbrauche. Aber irgendwann ist der Sparstrumpf leer.“ Eine Finanzhilfe vom Land oder Bund hat sie bislang nicht bekommen. Nur für ihre Mitarbeiterin hat sie Kurzarbeitergeld beantragt. Damit die mit dem gestutzten Gehalt über die Runden kommt, stockt Sroka den Betrag aus der eigenen Tasche auf. Das geht an die Reserven.

Die vergangenen Wochen seit der Schließung im Dezember hat die Bönenerin damit verbracht, ihr Haus und den Laden zu putzen oder lange spazieren zu gehen. Um etwas wirklich Sinnvolles zu tun, hat sie außerdem bei der Tafel geholfen. Doch die hat inzwischen ihre Ausgabe eingestellt – dieses Mal wegen des Wetters.

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