Viele Pflegerinnen bleiben aufgrund der Corona-Pandemie zu Hause

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Viele Senioren sind auf Betreuung angewiesen. Bleiben die osteuropäischen Pflegerinnen weg, klafft eine große Versorgungslücke.

Bönen/Kreis Unna – So lange wie möglich daheim bleiben: Diesen Wunsch haben viele ältere Menschen. Und da, wo Angehörige eine notwendige Betreuung nicht übernehmen können, springen häufig osteuropäische Pflegekräfte ein. Bis zu 300 000 solcher Betreuungspersonen aus Polen, Rumänien, Tschechien und weiteren Ländern sind in Deutschland tätig und wohnen in den Haushalten der Pflegebedürftigen, schätzen Experten. Doch die Corona-Pandemie sorgt dafür, dass viele in ihrer Heimat bleiben oder zurückkehren. Auch in Bönen und den Nachbarstädten werden sie vermisst.

Noch sind alle Kunden der Agentur „Zuhause leben und Pflege“ aus Unna versorgt. Wie lange das aber so bleibt, vermag der Geschäftsführer des Unternehmens, Olaf Nagel, nicht sagen. „Es ändert sich ständig etwas. Was gerade gilt, kann morgen ganz anders sein – oder schon in einer Stunde.“ Sein Unternehmen vermittelt Arbeitskräfte aus Polen, die Pflegebedürftigen und Senioren das Leben in den eigenen vier Wänden weiter ermöglichen sollen. Ein großer Teil seiner Kunden lebt im Kreis Unna, unter anderem in Bönen. Wie viele Kunden es genau sind, möchte Nagel nicht sagen, nur, dass sein Unternehmen nicht zu den Kleinen in der Branche zählt. 

Die Betreuerinnen, die er über Partnerunternehmen in Polen hierher holt und vermittelt, leben mit in der Wohnung oder dem Haus der Klienten, übernehmen deren Grundversorgung, führen den Haushalt und gestalten ihren Alltag. Viele der Pflegerinnen haben Erfahrungen. Sie kommen seit Jahren immer wieder zu den gleichen Familien und bleiben dort jeweils drei Monate lang. Dann steht ein Wechsel an, eine Kollegin übernimmt die nächsten zwölf Wochen. Normalerweise. 

Etliche der Betreuerinnen möchten nun nicht mehr in das von der Pandemie stark heimgesuchte Deutschland kommen. Sie fürchten um ihre Gesundheit, ihre Sicherheit. Einige sind deshalb nach Polen zurückgekehrt. „Wenn sie von ihren Familienangehörigen bearbeitet werden, die die Hysterie noch schüren, dann kann man mit ihnen nicht mehr diskutieren“, sagt Olaf Nagel. Dabei sei der Job bei den Senioren in der Regel sehr sicher, da sich die Kontakte dort gut beschränken ließen. „Wir geben unseren Kunden den Rat, den Kontakt zum Pflegedienst und überhaupt alle Außenkontakte so weit wie möglich zu reduzieren“, berichtet der Fachmann. Die Bundesrepublik habe ein Top-Gesundheitssystem, was sich gerade jetzt bezahlt macht. Dennoch bleibt bei etlichen Betreuungskräften die Angst. 

Einreise gestaltet sich schwierig

Zudem wird es für sie immer schwieriger, überhaupt nach Deutschland zu kommen. Zwar ist die Grenze zu Polen nicht komplett geschlossen, die Einreise aber erheblich schwerer. Die Kontrollen sind streng, die meisten Flüge gestrichen. Die großen Reisebusse, die die Polinnen häufig zu ihren Arbeitsstellen ins Nachbarland brachten, fahren nicht mehr. Die Kleinbusse, die bislang mit acht Passagieren besetzt wurden, dürfen nur noch mit maximal zwei bis drei Personen an Bord fahren. Die Anbieter legen die Kosten um, entsprechend sind die Fahrpreise massiv gestiegen. Als die ersten Corona-Fälle hierzulande auftraten, haben der Unnaer Agenturchef und sein Team sofort gehandelt. „Wir haben versucht, die Leute so schnell wie möglich in die Arbeitsstellen zu bekomme, damit sie frisch hier sind“, erklärt er. 

Er hofft inständig, dass sich die Situation bis zur nächsten Wechsel-Welle wieder verbessert hat. „Die Wirtschaft wird das nicht lange mitmachen. Und auch wir werden Schwierigkeiten haben, wenn die Leute nur tröpfchenweise kommen.“ Die nächste Welle erwartet er nach Ostern. Momentan können Nagel und seine Mitarbeiter Lücken in der Betreuung noch weitestgehend kompensieren. Allerdings nicht so, wie es sich der Geschäftsführer wünscht. Ihm ist es nämlich wichtig, stets eine individuell passende Betreuung zu gewährleisten. „Wenn jemand blind ist, dann ist es wichtig, dass seine Betreuungsperson gute Kommunikationsfähigkeiten hat. Sonst kommen die beiden ja nie zu einander“, macht er an einem Beispiel deutlich. 

Vor allem aber müsse es menschlich passen. „Ist jemand intellektuell, naturverbunden oder gesellig? Redet er gerne viel oder lieber wenig? Ist er gesundheitlich eingeschränkt? All diese Fragen klären wir vorher, um eine passende Pflegerin zu finden.“ Deshalb steht bei „Zuhause leben und Pflege“ vor jeder Vermittlung ein Hausbesuch mit einem ausführlichen Gespräch an. Für beide Seiten, für die Pflegebedürftigen und die Pflegekräfte, soll das Zusammenleben schließlich funktionieren. Mit zwölf Firmen in Polen arbeitet die Agentur aus Unna zusammen, die über ein entsprechendes Personalportfolio verfügen. Jetzt muss Olaf Nagel improvisieren, Betreuerinnen in Stellen vermitteln, die nicht optimal für sie sind – einfach, um überhaupt eine Versorgung möglich zu machen.

 Im Augenblick arbeiten er und seine Mitarbeiter am Limit – immer so lange wie es geht, auch am Wochenende. „Wir ringen um Personal, nehmen sogar Kräfte, die ganz neu dabei sind.“ Helfen würde ihm, vor allem aber seinen Kunden, weniger Hysterie – und wieder bessere Reisebedingungen, sagt er. 

Pflegedienste nehmen kaum noch Klienten an

Doch was ist, wenn die Polinnen gar nicht mehr kommen? „Dann wird es eng“, so Olaf Nagel. Pflegeeinrichtungen, die bisher Überbrückungen durch Kurzzeitpflege übernommen haben, nehmen inzwischen keine Klienten mehr auf. Und auch die ambulanten Pflegedienste machen mehr und mehr dicht. In erster Linie fehlt es ihnen an Schutzmaterial, an Kitteln, Masken und Desinfektionsmitteln, um weitere Menschen sicher pflegen zu können. „In der Pflege kann man schlecht auf Abstand gehen, beim Waschen etwa oder der Inkontinenzversorgung“, stellt der Fachmann fest. 

Mit Sorge sieht er die Preisentwicklung des Materials, an dem sich in der Krise offenbar einige Hersteller und Vertriebler bereichern. Etwas Ähnliches kann demnächst in seiner Branche geschehen. „Mangelsituationen führen immer dazu, dass die Preise steigen“, befürchtet Olaf Nagel. „Es kann also gut sein, dass die eine oder andere Pflegkraft sagt: ‘Für das Geld komme ich nicht.’ Ich hoffe, dass ich unrecht habe und das die Preise nicht einen Schub nach oben machen. Dann können sich viele die Betreuung zu Hause nicht mehr leisten.“ Und es würde seiner Ansicht nach die Schwarzarbeit in diesem Sektor fördern – eine gefährliche Sache für alle Beteiligten. „Wenn sich eine Pflegerin, die schwarz hier beschäftigt wird, in den Bus setzt und nach Hause fährt, ist sie weg. Die Leute stehen dann ganz plötzlich ohne Betreuung da. Das Gleiche gilt für Krankheit.“

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