Kein Nachfolger für Dr. Sander

Patienten müssen einen neuen Hausarzt suchen, aber Bönener Praxen sind bereits am Limit

Praxis Team Dr Sander MVZ St Damian
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Staffelübergabe im MVZ St. Damian: Basel Alhalami (rechts) übernimmt die kardiologische Praxis von Dr. Ulrike Hoppius-Sander (3. von rechts). Thorsten Roy (links), Prokurist im Hospitalverbund, sucht noch einen Nachfolger für die Hausarztpraxis von Dr. Eugen Sander (2. von rechts).

Ab 1. Oktober wird sich die medizinische Versorgung in der Gemeinde Bönen spürbar verschlechtern. Denn dann gehen Allgemeinmediziner Dr. Eugen Sander und seine Frau, die Internistin Dr. Ulrike Hoppius-Sander, in den Ruhestand. Ein Internist ist gefunden, ein Nachfolger für die allgemeinmedizinische Versorgung nicht. Das hat Konsequenzen.

Bönen – Ihre Praxis an der Bahnhofstraße 46 b hatten das Mediziner-Ehepaar bereits zum 1. April an das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Sankt Damian übergeben. Geplant war, die Praxis mit einem Hausarzt und einem Kardiologen weiter zu führen. Daraus wird vorerst nichts. Das Medizinische Versorgungszentrum wird zunächst als kardiologische Praxis weitergeführt, die Stelle eines Allgemeinmediziners bleibt weiter unbesetzt, teilt eine Sprecherin des Trägers, des Katholischen Hospitalverbunds Hellweg, mit.

Höhere Patientenquote

In Bönen sorgten bisher sechs Hausarztpraxen für die allgemeine medizinische Versorgung der 18 604 Einwohner (Stand 31.12. 2019) vor Ort. Das bedeutet rechnerisch 3100 Einwohner pro Praxis. Mit dem Wegfall der hausärztlichen Praxis unter dem Dach des MVZ Sankt Damian kommen künftig 3720 Einwohner auf eine Praxis.

Der Hospitalverbund hatte in den vergangenen Monaten bereits Gespräche mit interessierten Ärzten für die Nachfolge im MVZ Sankt Damian in Bönen geführt. Ab 1. Oktober gibt es zunächst aber nur eine kardiologische Praxis unter dem Dach des MVZ Sankt Damian. Nachfolger von Dr. Ulrike Hoppius-Sander wird der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie Basel Alhalabi (siehe Infokasten).

Keine Nachfolge

Für die Nachfolge in der allgemeinmedizinischen Praxis von Dr. Eugen Sander habe sich bis jetzt kein Nachfolger finden lassen, bestätigt Thorsten Roy, Prokurist im Katholischen Hospitalverbund Hellweg. „Es gibt momentan sehr wenig Kandidaten generell für eine Niederlassung als Allgemeinmediziner. Das ist nicht ein Problem speziell in Bönen, sondern im Kreis, in Westfalen und bundesweit, vor allem im ländlichen Raum. Wir sind aber weiterhin aktiv auf der Suche nach einer Kollegin oder einem Kollegen, der die Stelle übernimmt.“

Ob die Suche am Ende erfolgreich sein wird und wann möglicherweise die Praxis für Allgemeinmedizin wieder besetzt wird, sei noch nicht absehbar. „Wir hätten auch gerne eine nahtlose Weiterversorgung der Patienten gewährleistet“, betont Roy. „Wir sind dankbar, dass die Doktores Sander schon länger in der Praxis geblieben sind, als ursprünglich geplant.“

Nicht nur für weitere Impfungen ist der Hausarzt der Ansprechpartner, sondern auch für alle anderen Erkrankungen ist er die erste Adresse, bevor ein Facharzt hinzugezogen wird. Bönener Patienten, die bisher von Dr. Eugen Sander betreut wurden, müssen sich jetzt auf die Suche nach einem neuen Arzt begeben, notfalls auch in umliegenden Kommunen.

Kaum Kapazitäten

Was bedeutet das für die medizinische Versorgung in der Gemeinde? Ab 1. Oktober wird es nur noch fünf Hausarztpraxen in Bönen geben, die Patienten von Dr. Eugen Sander müssen sich einen neuen Hausarzt suchen. „Das ist eine Katastrophe“, kommentiert Andrea Zenke, medizinische Fachangestellte in der Praxis von Regina Kopmane. „Bei uns steht das Telefon nicht mehr still, wir bekommen viele Anfragen, ob wir noch Patienten aufnehmen können, aber vor November haben wir gar keine Kapazitäten, und auch dann nur vereinzelt. Wenn dann noch Hausbesuche dazukommen, dann wird es richtig eng. Aber man kann doch älteren Leuten nicht zumuten, einen Hausarzt in einer anderen Stadt zu suchen“, findet sie. „Wann wird endlich etwas unternommen, um junge Mediziner zu motivieren, sich hier niederzulassen?“

Dr. Jürgen Wimpelberg dagegen sieht gar keine Kapazitäten mehr für neue Patienten. In seiner Praxis gilt ein genereller Aufnahmestopp.

Anfang vom Ende

„Als ich vor 33 Jahren hier anfing, waren wir die achte Praxis in Bönen“, erinnert sich Dr. Burkhard Simonis, der mittlerweile Verstärkung durch seine Tochter und zwei weitere Ärztinnen in der Praxis hat. Dennoch bewege sich das Arbeitspensum oft am Limit. „Wir haben zwar eigentlich auch keine Kapazitäten, dennoch werden wir wohl noch Patienten aufnehmen“, sagt er.

Aber man müsse sich auch vor Augen halten, jede Minute, die man zusätzlichen Patienten widme, würden den langjährigen Patienten weggenommen, gibt Simonis zu bedenken. „Wenn man sich dann noch die Altersstruktur der Ärzte am Ort ansieht, dann ist das der Anfang vom Ende, die Situation wird in den kommenden Jahren eher noch schlimmer.“ Denn der Nachwuchs fehle. „Es entscheiden sich zu wenig Medizinstudenten für die Fachausbildung, um sich als Allgemeinmediziner niederzulassen. Wenn man jetzt gegensteuert, dauert es vom Abitur bis zum fertigen Facharzt immerhin zwölf Jahre.“

Nachwuchs fehlt

Auch die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) räumt ein, dass die Aussicht auf die Arbeit als Hausarzt vielen jungen Medizinern wenig attraktiv erscheine. Einen Nachfolger für Hausarztpraxen gerade in ländlicheren Gebieten zu finden, sei entsprechend schwierig. Gleichzeitig sei jeder dritte Hausarzt mittlerweile über 60. „Wir versuchen, frühzeitig einer Unterversorgung gegenzusteuern“, sagt Andreas Daniel, Sprecher der KVWL. Davon spreche man aber erst unter einer Quote von 75 Prozent.

Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung drohe ein Unterversorgung in der Gemeinde noch nicht, denn Bönen gehört mit Unna, Fröndenberg und Holzwickede zum Mittelbereich Unna mit einem Versorgungsgrad von 95,7 Prozent – und das sei durchaus noch im grünen Bereich. Nach dem Wegfall der Praxis Sander falle der Versorgungsgrad auf 94,6 Prozent. Statistisch kaum relevant im Bezirk. Vor Ort dürften die betroffenen Patienten das Fehlen einer von sechs Praxen aber durchaus spüren, wenn sie plötzlich ohne ärztliche Versorgung dastehen. Das spüren auch die verbliebenen Praxen, die zwischen Aufnahme und Überlastung schwanken.

Hilfe durch Stipendien

Die KVWL hält es aber durchaus für zumutbar, in Nachbarorten nach einem Arzt zu suchen, wenn es am Ort keine Kapazitäten mehr gibt. In Notfällen seien aber auch die Ärzte vor Ort verpflichtet zu behandeln. Der KVWL-Sprecher verweist auf insgesamt 61 Hausärzte allein im Mittelbereich Unna, verschweigt aber auch nicht, dass mittlerweile zehn Praxisstellen unbesetzt bleiben müssen, weil sich kein Nachfolger findet.

Der Kreis Unna versucht seit einiger Zeit, mit einem Medizinstipendium junge Mediziner zu locken. Die können sich nach dem Physikum bewerben und werden mit 500 Euro im Monat unterstützt, wenn sie sich verpflichten, sich nach ihrer Ausbildung im Kreis niederzulassen.

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