"Verlieren Zeit ohne Ende" - Rettungskräfte über die Wartezeit vor der Schranke

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Warten an der Schranke: Was für Autofahrer nur ärgerlich ist, kostet Rettungskräfte entscheidende Minuten.

Bönen – Die Bahnschranke in Bönen wird nicht grundlos von vielen etwas ironisch „Glück-auf-Schranke“ genannt: Da hat man Glück, wenn sie mal auf ist, sagen viele. Alle Nase lang sind die Schranken unten und bremsen den Verkehr aus. Was für normale Verkehrsteilnehmer einfach nur ärgerlich ist, sorgt bei Rettungskräften für echten Stress.

Das ist wahrscheinlich die Horrorvorstellung, die alle plagt, die vor der geschlossenen Schranke stehen: Was passiert eigentlich im Notfall, wenn Rettungskräfte dringend über die Bahngleise in den anderen Ortsteil wechseln müssen und es um jede Minute geht?  Was, wenn ich mit einem Herzinfarkt im Rettungswagen liege und dieser minutenlang vor der Schranke warten muss? 

Das haben wir diejenigen gefragt, die bei Einsätzen mit dem Brems-Faktor Schranke leben müssen. 

Rettungswagen 

Für die Besatzung des Rettungswagens, der an der Bachstraße stationiert ist und die Einsätze in Bönen übernimmt, ist die Schranke ein unkalkulierbarer Faktor. „Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich am Einsatzort zu sein. Aber es passiert oft genug, dass wir vor der geschlossenen Schranke stehen und wertvolle Zeit verlieren“, räumt Andreas Schultze, stellvertretender Leiter der Feuer- und Rettungswache Kamen, die unter anderem zuständig für die Rettungswache an der Bachstraße in Bönen ist, ein. 

„Wir sind immer über Funk mit der Rettungsleitstelle verbunden und melden, wenn sich die Fahrt verzögert.“ Ist der Einsatz ein Notfall in Nordbögge oder am Ortseingang Altenbögge, dann führt der schnellere Weg manchmal über die Rhynerner Straße. 

„Nachts, wenn weniger Züge verkehren, haben wir gute Chancen, schnell über die Bahngleise zu kommen“, sagt Schultze. Der Schrankenwärter oben im Stellwerk sieht zwar den Rettungswagen mit Blaulicht vor dem geschlossenen Bahnübergang, darf aber die Schranke auch im Notfall nicht öffnen. 

Im Rettungswagen zählt oft jede Minute.

„Das wäre auch ein zu großes Risiko, das in keinem Verhältnis steht.“ Schließlich wollen die Besatzungen ja Menschenleben retten und nicht riskieren. „Von der Schranke lassen wir uns aber nicht stressen, das wäre unprofessionell“, sagt Schultze. 

„Wir sind ganz auf den Patienten fokussiert. Wenn die Situation so kritisch ist, dass der Zustand des Patienten tatsächlich lebensbedrohlich ist, dann haben wir auch einen Notarzt an Bord, der uns bis in die Klinik begleitet und unterwegs einiges unternehmen kann.“ 

Die geschlossene Schranke sei in dem Moment ebenso wenig zu ändern wie etwa Glatteis oder höhere Gewalt. Da helfe es nicht, sich aufzuregen. „Was uns aber wirklich stresst, das sind Verkehrsteilnehmer, die nicht an die Seite fahren, um uns durchzulassen, und die unsere Arbeit am Unfallort als Gaffer behindern. Das ist ärgerlich!“ 

Strategisch könne man dem Problem Schranke begegnen mit Rettungsstationen auf beiden Seiten der Bahnlinie, sagt Schultze, „aber das ist wirtschaftlich nicht darstellbar.“

Feuerwehr 

Für die Bönener Feuerwehr im Einsatz ist die Schranke Zeitkiller Nummer eins. „Da wird man zu einem Einsatz gerufen, weiß noch nicht genau, was einen erwartet, und steht vor der Schranke – und jede Minute zählt. Das ist purer Stress für die Besatzung“, sagt Matthias Niggemeier, Zugführer des Löschzugs 2 an der Poilstraße. 

„Die Mannschaft steht bei Alarmierung eh schon unter Stress, die geschlossene Schranke bremst uns dann aus. Das ist eine echte Zusatzbelastung. Da verlieren wir manchmal Zeit ohne Ende.“ 

Natürlich haben die Fahrer der Einsatzfahrzeuge den Zugfahrplan nicht im Kopf, dass sie vorab wissen, wann sie den Bahnübergang besser meiden sollten. Außerdem fahren ja auch viele Güterzüge außerhalb des regulären Fahrplans. 

„Der Leidensdruck vor der Schranke ist so groß, dass man jedes Mal überlegt, ob man die Schranke besser weiträumig umfährt und einen anderen Weg nimmt“, bringt es Niggemeier auf den Punkt. 

Manchmal sei es dann tatsächlicher schneller, etwa über die Rexestraße zu fahren, die allerdings viele Hindernisse für die breiten Feuerwehrfahrzeuge hat, oder über die Hammer Straße auszuweichen, um von Osterbönen nach Altenbögge zu gelangen. Hier wirke sich positiv aus, dass die Feuerwehr auf beiden Seiten der Bahnlinie ihre Standorte hat. 

„So ist eigentlich immer gewährleistet, dass die ersten Wagen am Einsatzort eintreffen, selbst wenn die Kollegen vom anderen Standort noch an der Schranke warten müssen.“ 

Busverkehr 

Die Busse der Verkehrsgesellschaft Kreis Unna (VKU) müssen auf ihren Routen mehrmals täglich die Bahngleise in der Ortsmitte kreuzen. Sie sind zwar in einen engen Fahrplan eingebunden, dennoch verursache die geschlossene Schranke nur selten Verspätungen, sagt eine VKU-Sprecherin. Kurze Wartezeiten seien einkalkuliert. 

Den Fahrlan der VKU-Busse bringen Wartezeiten an der Schranke nur selten durcheinander.

Das sagt die Bahn 

In Bönen sitzt der Schrankenwärter oben im Stellwerk und überblickt die Straße vor dem Bahnübergang und sieht auch Rettungsfahrzeuge im Einsatz. „Kann der nicht im Notfall die Schranken öffnen und einen Rettungswagen passieren lassen, wenn genug Zeit zwischen zwei Zügen ist?“ Das fragen Bürger immer wieder.

 „Auf gar keinen Fall“, betont eine Bahnsprecherin. „Die Schrankenanlage ist ein geschlossenes Sicherheitssystem, das, nachdem es geschlossen ist, nicht wieder geöffnet werden kann.  Der Grund liegt auf der Hand: Die Schranken schließen, um den sonstigen Verkehr vom durchfahrenden Zug abzuschirmen und zu schützen. Die Schließzeiten der Schranken sind auf die Dauer der Durchfahrt des Zuges abgestimmt, daher ist es aus Sicherheitsgründen nicht möglich, sie erneut zu öffnen. Diese Regelung gilt auch für Rettungsfahrzeuge.“

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