Ehemaliger Schulleiter berichtet

Unerwartete Post: Brieffreundschaft zwischen Bönen und England lebt nach fast 50 Jahren wieder auf

Mann Briefumschlag Post
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Günther Dieckmann zeigt den entscheidenden Briefumschlag, der den ehemaligen Rektor der Ermelingschule über den Umweg der Hellwegschule erreichte.

Der ehemalige Leiter der Ermelingschule Günther Dieckmann hat unerwartet Post bekommen. Der Brief führt ihn nicht nur in seine eigene Vergangenheit zurück, sondern lässt auch ein Wiedersehen nach fast 50 Jahren in greifbare Nähe rücken.

Bönen – Vor einigen Monaten muss Christa Hümmeke im Sekretariat der Hellweg- Grundschule in Bönen ziemlich überrascht gewesen sein. Ein Brief aus England war eingetroffen. Aber neben der Schulanschrift gab es noch einen weiteren Adressaten: Herr Günther Dieckmann, vor einigen Jahren noch Leiter der Ermeling-Grundschule für Bramey, Lenningsen und Flierich.

Schnell weitergeleitet an dessen Privatadresse, erwartete Dieckmann etwas Unerwartetes: Er hielt ein Schreiben in Händen, von dessen Absenderin er auch nach geraumer Zeit nicht mehr zu träumen gewagt hatte – eine frühere Brieffreundin, zu der er fast 50 Jahre keinen Kontakt mehr hatte.

„Als ich den Namen der Absenderin las, glaubte ich zunächst an eine Verwechslung. Doch schnell wurde mir klar: Hier ist wieder etwas wach geworden, das seit Jahren zurückliegt.“ Günther Dieckmann ist noch immer völlig perplex. Freude und innere Bewegung prägen den Moment, der weit in das private Leben des heute 71-Jährigen zurückreicht.

Alter WA-Artikel führt auf die richtige Fährte

Das macht an dieser Stelle eine Rückblende erforderlich: Mit dem Ende der Ermeling-Grundschule 2015 endete auch die pädagogische Arbeit des Rektors Dieckmann. Er ging in den Ruhestand. Nahezu 20 Jahre hatte er als Chef dieser Schule im ländlichen Raum gewirkt, die bis zu ihrer Schließung auf eine 175-jährige Tradition zurückblicken konnte. Grund genug für den Westfälischen Anzeiger, dieses Ereignis aufzugreifen und Dieckmanns Lebensweg nachzuzeichnen. Und eben jener Artikel aus dem Jahr 2015 geriet auf den geheimnisvollen Routen der digitalen Wege in die Hände einer Frau mit heutigem Wohnort in der Nähe von Liverpool in England.

Günther Dieckmann hat wieder Kontakt zu Margaret Faye Johnson, zu der er Mitte der 60er-Jahre eine Brieffreundschaft aufgebaut hatte.

Ihre jahrelangen vergeblichen Recherchen nach der richtigen Adresse mit dem Namen Günther Dieckmann hatten sie endlich auf die richtige Fährte gebracht. Die Ermelingschule gab es nicht mehr, also kam die Adresse der Hellwegschule als Übernahme-Institution gerade richtig. Die Suche nach dem Adressaten hatte im Juni letzten Jahres endlich Erfolg.

Briefkontakt mindestens einmal im Monat

Und hier beginnt das nächste Kapitel der fast unglaublichen Geschichte mit dem Ursprung einer wahren Beziehungsodyssee. Das besondere Interesse an der englischen Sprache brachte den Mitte der 60er-Jahre 15-jährigen Gymnasiasten Dieckmann am Pestalozzi-Gymnasium in Unna auf die Idee einer Brieffreundschaft.

Eine Agentur vermittelte ihm den Kontakt zu einer etwa gleichaltrigen jungen Dame. Margaret Faye Johnson besuchte die Highschool in Costa Mesa, Orange County, in der Nähe von Los Angeles in den Vereinigten Staaten. Es entwickelte sich eine intensive, immer auf Englisch geführte Korrespondenz bis in die 70er-Jahre.

Mindestens einmal im Monat ging Post hin und her, Kosten für Günther Dieckmann: 1,40 Mark pro Brief, damals eine erhebliche Summe für einen Schüler. Vielfältig waren die Themen: Schule, Familie, Freundschaften, Freizeit, Musik. Auch Fotos wurden beigefügt.

Nach ihrem Highschool- Abschluss 1969 besuchte Margaret gemeinsam mit ihrem Bruder und der Schwägerin den Brieffreund in Holzwickede. 1973 startete Dieckmann seine „Ente“ (2 CV) und reiste mit seiner Freundin zu einem Gegenbesuch nach Liverpool. Inzwischen nämlich war die Amerikanerin nach dort umgezogen, um Psychologie zu studieren.

In den 70ern riss der Kontakt ab

Nach Abschluss des Studiums promovierte sie, heiratete einen Mr. Hammond und bekam drei Kinder. Was immer der Anlass war – etwa ab 1975 riss der Kontakt zur nun verheirateten Mrs. Hammond ab. Aber ein Vergessen hat es auf beiden Seiten wohl nie gegeben.

Jetzt, nach fast 50 Jahren, kann und soll der sicherlich unfreiwilligen Trennung ein Ende gesetzt werden. Wieder sind Briefe und Bilder unterwegs, dieses Mal natürlich auf digitalen Pfaden. Noch steht Corona im Weg. Aber so bald wie möglich soll es wieder persönliche Treffen geben. Vor allem fiebert die engagierte Fußballfrau aus England einem Besuch beim BVB entgegen, hat sie doch selber mit gut 60 Jahren noch Fußball in ihrem Heimatverein gekickt.

Und für Günther Dieckmann kann der lang gehegte Traum weitergeträumt werden: die Brieffreundschaft wieder zu beleben und seinem Interesse an Menschen und Kulturen neue Impulse zu verleihen.

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