Umweltberaterin Jutta Eickelpasch: So kann jeder Plastikmüll vermeiden 

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Trotz aller Warnungen werden in Deutschland die Berge an Plastikmüll immer größer.

Bönen/Kamen – Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Immer mehr Menschen beschäftigen sich damit. Und doch ändert sich noch immer zu wenig. Umweltberaterin Jutta Eickelpasch sagt, was jeder einzelne für die Umwelt tun kann. 

Jahr für Jahr steigt die Menge an Verpackungsmüll hierzulande weiter an. Gerade Deutschland gehört zu den größten Verpackungsmüll-Produzenten weltweit. 2017 waren es 18,7 Millionen Tonnen, knapp 230 Kilo pro Person. 

Jutta Eickelpasch ist Umweltberaterin bei der Verbraucherzentrale NRW in Kamen und zugleich Sprecherin des Aktionsbündnisses gegen Plastik. Im Gespräch mit WA-Redakteurin Sabine Pinger zeigt sie auf, was jeder von uns gegen die Müllberge tun kann. 

Nicht nur junge Menschen fordern inzwischen einen sorgsameren Umgang mit Ressourcen. Spüren Sie das in Ihrer täglichen Arbeit in der Beratungsstelle oder bei den Veranstaltungen, die Sie unter anderem bei der Volkshochschule Kamen-Bönen oder in den Schulen organisieren, das sich in der Gesellschaft etwas ändert?
Es gibt einen Trend zu mehr Umweltschutz. Man merkt deutlich, dass sich etwas verändert hat. Zurzeit kann ich mich vor Anfragen kaum retten. Das liegt sicher zum einen an der Fridays-for-future-Bewegung, aber auch an den zunehmenden Naturkatastrophen. Jeder hat die heißen Sommer erlebt, der Sommer im vergangenen Jahr war der zweitwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnung, der im Jahr zuvor der wärmste. Und der Januar war jetzt ebenfalls der wärmste Januar seit Beginn der Aufzeichnung. 

Jutta Eickelpasch rät zu Mehr- statt Einweg. Alternativen gibt es genug.

Warum ist es überhaupt so wichtig, Plastikmüll zu vermeiden? Wir haben doch eine Wertstofftonne. Wird der Kunststoff daraus nicht recycelt?
Viele Dinge landen leider in der falschen oder gar nicht in der Mülltonne. Das beweisen der viele wilde Müll, der überall herumliegt und auch der Abfall im Meer. Wer sich zum Beispiel mal auf einem Pendlerparkplatz umschaut, der wird dort eine fiese Umweltverschmutzung feststellen. Da liegt ein Coffee-to-go-Becher neben dem anderen. Und das ist eigentlich an jeder Ecke so. Dabei handelt es sich oft um wertvolle Werkstoffe. Doch auch wenn die total verdreckt oder in der falschen Tonne landen, können sie nicht recycelt werden. Und leider sind wir auch in Deutschland noch nicht soweit. Aus einem Reißverschluss wird kein neuer Reißverschluss, aus einer Regenjacke keine Regenjacke. Nach der Wiederverarbeitung ist der Kunststoff nicht mehr so hochwertig. Daraus können dann vielleicht noch Müllbehälter oder Parkbänke gemacht werden. 

Worin liegt denn das Problem?
Der beste Abfall ist der, der gar nicht erst entsteht. Müll war vorher immer ein Produkt, das mit viel Energie, Chemie und Wasser hergestellt wurde. Und manche landen dann bereits nach fünf Minuten wieder im Abfall, wie eben die Coffee-to-go-Becher oder auch die Hemdchentüten, die am Gemüseregal hängen. Mir geht es vor allem um diesen Einwegmüll. Und das Problem ist nicht die Plastikpuppe, die 25 Jahre lieb gehabt wird. Die Frage ist, warum muss etwas hergestellt werden, dass nur fünf Minuten lebt. Dem kann ich vorsorgen, indem ich Mehrwegbehälter oder -flaschen benutze. Im Grunde kann ich aus jeder Flasche eine Mehrwegflasche machen, indem ich sie auswasche und wieder neu befülle. Auch Brotdosen aus Plastik sind sinnvoll, weil ich sie ja immer wieder verwende. 

Es gibt inzwischen so viele Alternativen zu den Einmalartikeln, doch hat das offenbar kaum Auswirkungen auf den Konsum. Ist es nicht manchmal wie der Kampf gegen Windmühlen, wenn Sie die Menschen beraten?
Es gibt viele kleine Schrauben, an denen man drehen kann. Wir sollten uns bei allen Sachen fragen, ob sie überhaupt verpackt sein müssen und auch selbst zu Hause nicht alles verpacken. Wir können Brotdosen benutzen – und zwar ohne zusätzliche Folie oder Papier, Mehrwegflaschen, Einkaufstaschen und Obstnetze. Alles was länger lebt, ist umweltfreundlich. 

Und dann kann ich beim Einkaufen darauf achten, was ich kaufe. Mineralwasser in Glasflaschen ist zum Beispiel viel umweltfreundlicher als Wasser in Plastikflaschen, die dann auch noch mit Folie umwickelt sind. Am besten achtet man zudem darauf, wo es herkommt, etwa, ob es in der Region abgefüllt wurde. Das spart Transportwege, ist dadurch umweltfreundlicher – und meistens sogar noch günstiger. Am allerbesten für die Umwelt ist es natürlich, das Wasser aus dem Wasserhahn zu trinken. Das hat eine hervorragende Qualität und zählt zu den am besten kontrollierten Lebensmitteln überhaupt. 

Helfen gesetzliche Regelungen?
Demnächst werden nach EU-Beschluss Plastiktüten, Wattestäbchen und Strohhalme aus Plastik verboten. Das ist gut, und es muss keiner der Letzte sein, der noch Plastikstrohhalme besitzt. Also sollte niemand Hamsterkäufe unternehmen wie etwa damals, als die normalen Glühbirnen abgeschafft wurden. Es gibt Mehrwegstrohhalme aus Glas, Kunststoff oder Edelstahl. Die lassen sich übrigens auch gut verschenken, ebenso wie Mehrwegbecher. So lassen sich vielleicht auch Leute aus dem eigenen Umfeld für mehr Nachhaltigkeit begeistern. 

Muss denn jeder Einzelne nach Lösungen suchen?
Es gibt viele Ideen, bei denen es sich lohnt, sie nachzumachen. Mit dem Aktionsbündnis gegen Plastik war ich zum Beispiel kürzlich in einem Unverpackt-Laden in Bochum. Dort standen in einem Regal unzählige Gläser, ehemalige Marmeladengläser etwa, die sich die Kunden einfach nehmen konnten, um sich darin ihre Sachen abfüllen zu lassen. Beim nächsten Einkauf konnten sie wieder neue Gläser mitbringen. Allein dieses Tauschen finde ich super. 

Sie haben ja auch einige Ideen, bei denen es sich lohnt, sie nachzumachen. So zeigen Sie zum Beispiel in einem VHS-Kursus in Bönen, wie sich Bienenwachstücher anfertigen lassen. Soll das die Menschen motivieren, aktiver zu werden?
Nach Handlungsalternativen zu suchen, schließt den Spaß ja nicht aus. Der Workshop ist eine nette Sache, die ich zum Beispiel mit einer Freundin unternehmen kann. Und am Ende nehmen alle etwas Neues mit nach Hause. Wir sind an diesem Abend aber nicht nur kreativ, sondern beschäftigen uns auch mit dem Thema.

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