Gefahr bei jedem Sturm:

Fliericher streitet mit Bönener Verwaltung um eine Weide auf dem Nachbargrundstück

Ulf Kasischke aus Flierich streitet sich seit Jahren mit der Gemeinde Bönen um eine Korkenzieherweide
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Ulf Kasischke befürchtet, dass die Weide seiner Nachbarin auf seine Garage oder sein Hausdach stürzen könnte.

Der Baum in Nachbars Garten ist nur allzu oft Anlass für eine Fehde. Im Fall einer Korkenzieherweide am Schattweg liegt Ulf Kasischke allerdings nicht mit seiner Nachbarin im Clinch, sondern mit der Gemeindeverwaltung. Seit fünf Jahren schwelt der Streit und obwohl zwischenzeitlich das Gericht eingeschaltet wurde, herrscht noch immer keine Einigkeit.

eschätzt mehr als 50 Jahren von Lilli Stemper als Triebling in die Erde gesetzt und wächst seitdem in einer Ecke ihres Gartens auf der Grenze zum Grundstück von Ulf Kasischke. Als dieser 1983 an den Schattweg zog und seine Garage baute, war der Baum auf jeden Fall schon haushoch, erinnert sich der Fliericher. „Damals haben wir einen dicken Ast abgesägt, als wir einen Säulentaxus an die Grenze pflanzten.“

Vor etwa 17 Jahren stellte dann die Gemeinde ein Bushaltestellenhäuschen vor den Garten von Lilli Stemper, knapp 80 Zentimeter von der Einfahrt zu Ulf Kasischkes Grundstück entfernt – und unmittelbar vor die Weide. „Ich wurde vorher nicht gefragt oder darüber informiert“, bemängelt der Pensionär. Das Problem: Die Wartehalle steht so nah an der Weide, dass diese inzwischen direkt an die Glaswand herangewachsen ist. Ihre Zweige ragen weit über das Dach hinaus. Der Baum ist dabei inzwischen alles andere als gesund. Er hat knapp über dem Wurzelwerk einen V-förmigen Zwiesel ausgebildet, sein Stamm besteht also aus zwei großen Trieben. In der Mitte greifen Regen und Frost den Stamm an, mittlerweile ist er nachweislich faul. Mit einer kleinen Blumenkelle lässt sich das vermoderte Holz aus dem Stamm kratzen. Es besteht die Gefahr, dass die Weide eines Tages auseinanderbricht.

Dicke Äste fallen vor die Bushaltestelle

Dem will Ulf Kasischke vorgreifen. Fällt die Weide nämlich unkontrolliert, etwa bei einem Sturm, könnte ein Teil davon auf seine Garage oder auf sein Haus krachen. Die andere Hälfte bedroht die Bushaltestelle. Seit einigen Jahren fallen außerdem immer dickere Äste von der Krone herab. „Die könnten die Schulkinder treffen, die an der Bushaltestelle warten“, gibt Kasischke zu bedenken. „Und die öffentliche Sicherheit ist nun mal Sache der Gemeinde“, verweist er auf die Verkehrssicherungspflicht der Kommune.

Deshalb hat er sich vor einigen Jahren an die zuständigen Mitarbeiter im Bönener Rathaus gewandt mit der Bitte, sie möchten den Baum fachgerecht fällen. Seine inzwischen hochbetagte Nachbarin hatte ihm zuvor die Erlaubnis gegeben, die Weide selbst zu beseitigen. „Doch das ist mir zu gefährlich“, sagt der 79-Jährige. Der zuständige Sachbearbeiter bei der Gemeindeverwaltung hatte der Fällung zwar zugestimmt, ihn aber darauf hingewiesen, dass er dann für eventuelle Schäden an der Bushaltestelle haften müsse. Und diese Verantwortung will Ulf Kasischke nicht übernehmen.

„Für die Gemeinde wäre es doch einfach, mit einem Hubsteiger an den Baum heranzukommen und die Krone Stück für Sück abzutragen. Wir würden dann in Nachbarschaftshilfe den Rest herausholen“, appelliert er an den guten Willen der Verantwortlichen.

Gutachter bescheinigt Verfall

Darauf will sich die Gemeinde aber nicht einlassen. Deshalb wählte Kasischke den juristischen Weg. Erörtert wurde der Fall im September 2017 vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. „Ich hatte darum gebeten, dass ein unabhängiger Gutachter beauftragt wird“, berichtet der Fliericher. Erst vor Gericht habe dann der damals zuständige Sachbearbeiter, Uwe Flunkert, für ihn völlig überraschend ein Gutachten aus der Tasche gezogen. „Das war für mich eindeutig ein Gefälligkeitsgutachten“, zweifelt der ehemalige Stadtoberamtsrat die Neutralität der Beurteilung an. Allein das Alter des Baums hätte der von der Gemeinde beauftragte Sachverständige mit 35 Jahren mindestens zehn Jahre zu jung angegeben.

Immerhin kommt der Experte darin aber auch zu dem Urteil, dass die Weide aufgrund ihrer Schäden im Stammbereich – Druckzwiesel, Einfaulungen und Pilzbefall – keine langfristige Erhaltungsperspektive hat. Für den Richter spielte das offenbar keine Rolle. Er entschied zugunsten der Gemeinde und schloss eine Anfechtung seines Urteils oder einen Widerruf aus. Der Baum wurde sogar unter besonderen Schutz gestellt, laut Gemeinde prägt er das Ortsbild.

In Ruhe schlafen kann Ulf Kasischke seither nicht mehr – zumindest nicht in stürmischen Nächten. „Bei Sturm arbeiten die beiden Stämme gegeneinander. Ich sitze dann aufrecht im Bett.“

Immer größere Äste musste er in den vergangenen Jahren aus seiner Einfahrt klauben. Die Belaubung des Baumes wird schütterer, Trockenbruch und weitere Alterserscheinungen treten deutlich zutage. Lange geht es nicht mehr gut mit der Weide, befürchtet Kasischke. Er hat Angst, dass eine Baumhälfte demnächst in sein Hausdach schlägt. Einfach so aufgeben will er deshalb nicht und setzt bei den Verantwortlichen im Bönener Rathaus weiter nach. Angeblich hätten einige Mitarbeiter die Weide auch nochmals in Augenschein genommen. „Bei mir geklingelt und mit mir vor Ort gesprochen hat aber keiner“, sagt Kasischke.

Eigentümerin in der Pflicht

Die Verwaltung sieht sich indes nach wie vor nicht zuständig, wie Fachbereichsleiter Robert Eisler angibt. „Bereits zum damaligen Verfahren vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen, bei dem ich auch persönlich anwesend war, wurde gutachterlich bestätigt, dass von dem Baum keine Gefährdung ausgeht. Selbst wenn man heute zu einer anderen Einschätzung käme, wäre in erster Linie die Eigentümerin des Grundstückes, auf dem der Baum steht, in der Verpflichtung, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. Herr Kasischke war und ist scheinbar immer noch der Auffassung, dass die Gemeinde verpflichtet sei, diesen Baum zu fällen“, so Eisler.

Nach aktuellen Sichtkontrollen vor Ort zeige sich jedoch kein neues Bild gegenüber der damaligen Entscheidung des Gerichtes. „Dass eine Weide kleine Äste, Blätter und die bekannten ‘Kätzchen’ abwirft, ist aus unserer Sicht kein Grund zur Fällung eines gesunden Baumes.“

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