Dirk Presch sieht eigentlich dem Ruhestand entgegen

SPD-Reservist hat laut Umfrage plötzlich Aussicht auf Sitz im Bundestag

„Unser Team für die Bundestagswahl steht“ heißt es auf der Website der SPD. Dirk Presch hat nicht im Traum daran gedacht, dass er gemeint sein könnte. Aber laut Prognose im Mandatsrechner könnte ihn der Ruf ereilen
+
„Unser Team für die Bundestagswahl steht“ heißt es auf der Website der SPD. Dirk Presch hat nicht im Traum daran gedacht, dass er gemeint sein könnte. Aber laut Prognose im Mandatsrechner könnte ihn der Ruf ereilen

Sitz im Parlament statt Rentnerbank – das könnte Dirk Presch (62) überraschend bei der Bundestagswahl widerfahren. Er hat Platz 60 der SPD-Reserve in NRW, das nannte man „ferner liefen“ - bis vergangene Woche. 

Bönen – Die Pflicht schien erfüllt, nachdem unsere Zeitung die hiesigen Kandidaten zur Bundeswahl am Mittwoch und Donnerstag vorgestellt hat. Neun Kurzportraits, Nummer zehn hat ja nicht geantwortet. So konnte jeder erfahren, wen er auf dem Stimmzettel vor sich hat. Aber es gibt noch einen Elften, den bis Mitte vergangener Woche keiner auf dem Zettel hatte, nicht mal der mögliche neue Abgeordnete aus Bönen und dem Wahlkreis 144 Hamm-Unna I: Dirk Friedrich Presch.

Plötzlich eine völlig neue Konstellation

„So etwas hat es noch nie gegeben“, sagt der 62-Jährige auf Listenplatz 60 der NRW-SPD. Und mit sicheren Listenplätzen kennt sich der ehrenamtliche Geschäftsführer des Bezirks Westliches Westfalen nun wirklich aus. Kandidaten ins Rennen zu schicken und Mandatsträger im Sattel zu halten war Teil seines Berufs. Und zwar, seit er 1986 den ersten bezahlten Job im Unterbezirk Unna antrat, damit Dr. Ulrich Böhme beim Wähler seine Fahrkarte ins Bonner Parlament lösen konnte.

Ein Polit-Profi vom alten Schlag

Also war der Politprofi in der Passivphase der Altersteilzeit auch überzeugt, in anderer Hinsicht „sicher“ auf der Reserveliste platziert zu sein. „Bis dahin hat die Liste nie gezogen. Wir haben sie aus Gewohnheit bis hinten aufgefüllt, weil wir schon mal weniger Leute als Sitze hatten“, erklärt der Genosse vom alten Schlag: Mit 15 Elektrikerlehre auf Bönens Pütt, sogleich Gewerkschaftsmitglied, Fach-Abi auf dem zweiten Bildungsweg, Einstieg ins Architekturstudium, dann dort der Ausstieg für den ersten Job in der Partei.

Die Aussicht auf den Ruhestand schien klar

Das war Preschs Weg mit weiteren Stationen in Coesfeld und Soest – und mit klarer Perspektive: Schlussstrich nach 23 Jahren im Nachbarkreis, das hiesige Engagement im Sportverband und bei der Tafeln behalten, zum Abgewöhnen noch ein bisschen im Bezirk mitmischen und ansonsten Familie genießen und das Faible für alte Autos ausleben.

Am Anfang war der Schreck

Doch vergangenen Mittwoch geriet diese vermeintliche Sicherheit für den Ruhestand ins Wanken. „Ich bekam plötzlich SMS und WhatsApp-Nachrichten wie „Haste schon ein Zimmer in Berlin? Haste schon einen Koffer? Ich hab’s gar nicht verstanden“, so Presch. Dann kam der Link auf die Plattform „mandatsrechner.de“ und der erste Schreck: Mit Platz 60 ist Dirk Presch – der Friedrich taucht außerhalb der Liste ja nicht auf – „drin“ im neuen Bundestag.

Auf mandatsrechner.de im Parlament

Jedenfalls nach der Prognose, die das Forsa-Institut aufgrund seiner Umfragen erstellt hat. Diese Meinungsforscher sagen eine üppige Zahl von Überhangmandaten voraus und schreiben den NRW-Genossen 69 Mandate zu. Fünf mehr, als es Direktmandate gibt. Und wenn es so kommt, dann wird der Bönener Rentner in spe tatsächlich seine Koffer packen.

„Eine Ehre und Krönung meiner Laufbahn“

„Zuerst hatte ich Angst vor der eigenen Courage. Ich kenne das Geschäft ja, aber ich bin plötzlich auf der anderen Seite als möglicher Abgeordneter“, spricht er über den kurzen, bangen Moment. „Aber im Bundestag zu sitzen ist eine große Ehre. Es wäre die Krönung meiner beruflichen und politischen Laufbahn“, lässt Presch Stolz anklingen. Und gibt sich doch wieder gelassen: „Wenn es nicht so kommt, ist es nicht schlimm. Es ist schon etwas ganz anderes, wenn man sich um das Direktmandat bewirbt. Für mich kommt es ja auf nichts mehr an.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare