Über 200 Besucher feiern Kirchschicht im Bönener Zechenturm

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Die Fahnenträger der einzelnen Vereine versammelten sich vor dem Einzug.

Bönen – Die Kirchschicht in Bönen ist Tradition. Zum zehnten Mal in Folge trafen sich am Donnerstag die Knappenvereine aus der Region zum Gottesdienst im Förderturm, zu dem auch in diesem Jahr wieder zahlreiche Besucher erschienen.

Auf der Bühne hatte sich das Werksorchester „Bergwerk Ost“ bereits in Stellung gebracht und stimmte die über 200 Besucher auf den bevorstehenden Nachmittag ein. 

Die Veranstaltung war gut besucht, auch wenn es schon mal mehr Teilnehmer waren, erinnert sich Thomas Schildmann, erster Vorsitzender des Knappenvereins „Glück Auf Bönen“: „Früher waren es mal bis zu 450 Menschen, die mit uns gefeiert haben.“ Wie die alle in das Erdgeschoss des Förderturms über dem alten Schacht IV gepasst haben, das könne sich Schildmann heute auch nicht mehr erklären. Trotz geringerer Zahlen ist er zufrieden mit der Anteilnahme aus der Bevölkerung. „Es gibt immer noch viele Menschen, denen das wichtig ist.“ 

Werner Kümmel von der IG BCE sprach zu den Gästen.

Schildmann selbst verdiente bis 1997 seine Brötchen unter Tage. Im Alter von 33 Jahren beendete er an der Zeche Westfalen seine Laufbahn als Bergmann, vier Jahre vor dem Ende der Steinkohleförderung dort. Seitdem arbeitet er in einem Bochumer Betrieb, dem Bönener Knappenverein mit seinen heute noch 36 Mitgliedern blieb er trotzdem immer treu: „Es ist ein besonderer Zusammenhalt, der unter den ehemaligen Bergleuten herrscht. Schließlich musste man sich auch unter Tage aufeinander verlassen können.“ 

Kohlereviere als "Vorbilder des Miteinanders"

Werner Kümmel, Vorsitzender der Bönener Ortsgruppe der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), sieht in dem Knappenverein heute vor allem die Aspekte von Geselligkeit und Kameradschaft. Dabei waren es ganz praktische Gründe, die die Bergleute einst zum Eintritt in die Vereine bewegten. „Früher gab es keine Krankenversicherungen“, berichtete er. „Deshalb waren die Vereine besonders für kranke und verunglückte Kumpel von größter Bedeutung. Denn mit den Mitgliederbeiträgen wurden diese Leute unterstützt.“ 

Auch in seiner Rede vor den Besuchern und angereisten Vereinen ging Kümmel auf die Werte und Tugenden ein, die die Reviere nicht nur zu wirtschaftlichen Gravitationszentren gemacht hätten, sondern zu Vorbildern: „Zu Vorbildern des Miteinanders und des Zusammenlebens von Menschen verschiedenster Herkunft und Kultur.“ Diese Werte und Tugenden sieht Kümmel als Teil des materiellen und kulturellen Erbes unserer Gesellschaft. 

Diakon Walter Schindler, der gemeinsam mit dem evangelischen Pfarrer Thomas Melloh den Gottesdienst gestaltet, sah im Bergbau auch eine Metapher für das Leben. Wie unter Tage sei auch der Werdegang der Menschen voll mit einem oft unübersichtlichen Netzwerk aus Wegen und Gängen. Einige davon ertragreich, andere abgebrochen oder verschüttet und nicht mehr zugänglich, sei Jesus Christus die sprichwörtliche Grubenlampe, die Licht in das Dunkel bringe und den Weg weise. 

Das Werksorchester „Bergwerk Ost“ sorgte für die musikalische Untermalung der Kirchschicht.

Manfred Kasper ist heute 59 Jahre alt, auch er war noch unter Tage und ist Mitglied im Knappenverein, vor zehn Jahren ging er in den Ruhestand. Dass die Zeit auf der Zeche für ihn vorbei ging, sei ihm schon etwas schwer gefallen, gibt er zu: „Erst sieht man es wie einen Urlaub, aber nach einigen Monaten kam bei mir der Einbruch.“ Seitdem hat er sich einen Nebenjob gesucht. 

Trotz des Endes der Steinkohleförderung in Deutschland – ganz in Vergessenheit geraten ist die Vergangenheit auch bei den jüngeren Teilnehmern der Kirchschicht noch nicht. Patrick Freitag ist rund 30 Jahre jünger als Kasper, ihn hat der Bergbau schon immer fasziniert. 

Am Donnerstag erschien er deshalb in typischer Arbeitskleidung der Kumpel und führte die Fahnenabordnungen der Vereine an, 2008 machte er ein Praktikum unter Tage. Als Mitglied in einem Knappenverein in seinem Heimatort Hamm Werries ist er eines der Bindeglieder, das die Generationen über die tradierten Werte und Tugenden miteinander verbindet.

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