Zwischenbilanz

Über 1000 Infizierte, 9000 Tests: Landrat warnt vor Sorglosigkeit

Coronavirus - Test an Rastanlage
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Landrat Makiolla warnt vor Sorglosigkeit im Zusammenhang mit dem Coronavirus

Kreis Unna – Anfang März meldete der Kreis Unna die erste Corona-Patientin. Ein halbes Jahr später hat Landrat Michael Makiolla (SPD) in seiner letzten Sitzung des Kreistages vorläufig Bilanz gezogen. Er erwartet, dass die Pandemie die Menschen auch in den kommenden Monaten stark beschäftigen wird. Der WA hat die wichtigsten Aussagen des Landrats zusammengefasst.

Wie viele Personen sind bisher erkrankt? 

Seit dem 1. März haben sich im Kreis insgesamt 1173 Menschen infiziert, von denen die Kreisverwaltung Kenntnis hat. 42 dieser Personen sind gestorben. 1027 sind genesen, sodass es aktuell 104 aktuell infizierte Personen im Kreis Unna verzeichnen. Landrat Makiolla geht aber davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer an Infizierten gibt.

Wie hat sich das Infektionsgeschehen entwickelt?

Im Juni hielt der Ausbruch in der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück ganz Deutschland in Atem. Von den über 30 im Kreis Unna lebenden Tönnies-Mitarbeitern hatten sich neun Personen mit Sars-Cov-2 infiziert. In den Familien der Tönnies-Mitarbeiter steckten sich weitere zwölf Menschen an. Nachdem die Infektionsketten im Zusammenhang mit der Firma Tönnies erfolgreich unterbrochen wurden, war das Infektionsgeschehen im Kreis Unna bis in die dritte Juli-Woche eher unauffällig. 

Landrat Michael Makiolla

Danach dynamisierte sich das Infektionsgeschehen wieder erheblich. Mitte August hatte der Kreis sogar eine Spitzenposition bei der sogenannten „Sieben-Tages-Inzidenz“, also der Anzahl der Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen je 100 000 Einwohner. Am 13. August lag der Wert laut Robert-Koch-Institut bei 27,4. Nur in zwei Bezirken in ganz Deutschland war der Wert noch höher. Derzeit hat sich die Lage wieder etwas beruhigt. „Auch wenn die Corona-Lage insgesamt fragil ist und sicherlich auch bleiben wird, ist der aktuelle Wert der Sieben-Tages-Inzidenz von 9,6 ein kleiner Lichtblick“, erklärte Makiolla. 

Wie lassen sich die steigenenden Infektionszahlen im Juli und August erklären? 

Eine einzelne Ursache für den drastischen Anstieg an Neuinfektionen im Juli und August gibt es nach Angaben von Makiolla nicht. Aus der Dokumentation und den Statistiken des Gesundheitsamtes ergebe sich jedoch, dass infizierte Reiserückkehrer zwischenzeitlich rund 20 bis 25 Prozent der aktuell infizierten Personen ausmachten. Hinzu seien Ausbrüche in einer Altenpflegeeinrichtung in Werne und in einer Fußballmannschaft in Bergkamen gekommen. Auch Infektionsketten im Zusammenhang mit verschiedensten Feiern und gemeinsamen Freizeitaktivitäten hätten eine Rolle gespielt. 

Wie alt sind die Infizierten im Schnitt?

Das Virus ist in der „Mitte der Gesellschaft“ oder auch in der „Mitte des Lebens“ angekommen, meint Makiolla. Das Durchschnittsalter habe in den ersten drei Monaten der Pandemie (März, April, Mai) noch bei 54 Jahren gelegen, in den in den vergangenen drei Monaten (Juni, Juli, August) sei es auf 34,4 Jahre gesunken. Bei den infizierten Reiserückkehrern, die in den vergangenen zwei Monaten registriert wurden, liege das Durchschnittsalter sogar nur bei 27,8 Jahren. 

Wie viele Reiserückkehrer hat der Kreis registriert? 

Rund 2500 Reiserückkehrer mit Wohnsitz im Kreis Unna sind dem Gesundheitsamt bekannt. 78 von ihnen hatten sich mit dem Coronavirus infiziert, 285 Personen mussten sich in Quarantäne begeben. Infizierte Reiserückkehrer kamen vor allem aus der Türkei, dem Kosovo, Kroatien und Bosnien. 

Wie viele Personen wurden bis jetzt getestet? 

Allein das Gesundheitsamt des Kreises habe seit Anfang März rund 9000 Tests durchgeführt. 65 Prozent aller Personen, die im Zeitraum von Mitte Juli bis Mitte August durch das Gesundheitsamt positiv auf Sars-Cov-2 getestet wurden, sind zuvor schon als enge Kontaktpersonen eingestuft und damit bereits unter Quarantäne gestellt worden. Das zeige, dass es richtig sei, auch Personen ohne Symptome zu testen, wenn sie engen Kontakt mit Infizierten hatten. 

Wie klappt die Kontaktverfolgung? 

Vor den Sommerferien wurde begonnen rund 50 zusätzliche Mitarbeiter aus der Verwaltung für die Kontaktnachverfolgung zu qualifizieren. Das sei, meint Makiolla, auch dringend notwendig gewesen. Die Lockerungen der Kontaktbeschränkungen hätten dazu geführt, dass die Menschen wieder ein ganz anderes Freizeitverhalten an den Tag legen – mit der Folge, dass fast jeder Infizierte wieder deutlich mehr und engere Kontakte im Familien-, Freundes-, und Bekanntenkreis, auf Partys, bei Feiern, beim Sport sowie bei anderen Zusammenkünften habe. 

Was wünscht sich Makiolla? 

„Von Seiten der Landesregierung wünsche ich mir mehr konkrete Unterstützung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie“, sagt Makiolla. Beispielsweise hätte es sehr viel früher ein landesweites Präventions- und Eskalationskonzept wie in Hessen geben müssen. Zudem sei man immer noch weit entfernt von einer einheitlichen, landesweiten und vor allem plausiblen Teststrategie. Mitarbeiter von Pflegezentren und - dienstleistern müssten sich regelmäßig testen lassen können. Der öffentliche Gesundheitsdienst, also die Gesundheitsämter der Kreise und Städte sowie die entsprechenden Dienststellen der Landes- und Bundesverwaltung in Deutschland, sollten personell, materiell und durch zusätzliche gesetzliche Kompetenzen in die Lage versetzt werden, um als vollwertige dritte Säule des Gesundheitswesens.

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