Üben für die große Fahrt: Bönener absolviert Ausbildung zum Lokführer

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Bevor es auf eine echte Zugmaschine geht, lernt Thomas Blasius an einem Simulator. Der Bönener möchte Lokführer werden und muss dafür zunächst eine elfmonatige Ausbildung durchlaufen.

Bönen/Ahlen – Wenn ich groß bin, will ich Lokführer werden! Diesen Kindheitstraum hegen nur noch wenige. Auch den Bönener Thomas Blasius führte ein profaner Grund in die Ausbildungsstätte der SBH West an der Daimlerstraße 50 in Ahlen.

„Ich war Garten- und Landschaftsbauer und nach der Pleite meines Betriebes arbeitslos“, erzählt der 40-Jährige. Im Stadtanzeiger las er eine Anzeige des Bildungsträgers, bewarb sich telefonisch und bestand den Eignungstest. 

„Die Berufsaussichten sind sehr gut“, begründet er seine schnelle Entscheidung. Blasius sitzt am sogenannten Einheitsführerstand im Kursraum der angehenden Triebfahrzeugführer und lenkt seine Lok durch eine imaginäre Landschaft. Die zweieinhalb Wochen am Loksimulator gehören zur praktischen Ausbildung zum Triebfahrzeugführer. 

„Wir wollen die Leute nicht ins kalte Wasser werfen“, sagt Ausbilder René Märten. Ab Juni geht es nämlich auf den „Bock“. Die acht Teilnehmer des elfmonatigen Lehrgangs werden ein Praktikum auf einer echten Zugmaschine absolvieren. Es ist der Abschluss der elfmonatigen Ausbildung zum Triebfahrzeugführer. 

160 Signale sind zu lernen

Danach folgt die praktische Prüfung vor einem Beauftragten des Eisenbahnbundesamtes. Und für Blasius das Ende der Arbeitslosigkeit. Den ersten, theoretischen Teil des Lokführerscheins, die Grundkenntnisse im Betriebsdienst, haben alle Teilnehmer schon in der Tasche. 160 Signale gilt es zu kennen, außerdem die Technik von Schienenfahrzeugen kennenzulernen. 

Blasius lernte die zahlreichen Abkürzungen wie „Sifa“ für Sicherheitsfahrschaltung zu übersetzen, kann den elektronischen Fahrplan auf dem Display lesen. Dort werden die Geschwindigkeiten auf den einzelnen Streckenabschnitten und die Halts vorgegeben. Auf der virtuellen Strecke erscheinen die Kilometerangaben auf der einen, die zu erwartende Geschwindigkeit auf der anderen. „Du bist zu schnell“, ermahnt Märten den Bönener. 

Lokausbilder Rene Märten (links) im Seminarraum der SBH West in Ahlen.

Blasius hätte längst auf 80 km/h, wie es die Acht auf gelbem Dreieck ankündigte, herunter bremsen müssen. „Ein Kilometer zu schnell kann das Aus in der Prüfung bedeuten“, warnt der Ausbilder. Für seinen Schüler ist es die zehnte Fahrt im Simulator. Die Beobachtung und die Zwischenfragen machen ihn offensichtlich etwas nervös. Im echten Lokfahrerleben ist er allein in der Lok. 

Die nächste Prüfung steht für die 23- bis 53-jährigen Teilnehmer des Kurses am 17. Mai an. Es ist die so genannte Prüfung zur Zusatzbescheinigung wo Lokomotivbaureihen, Tätigkeiten und Signale abgefragt werden. Danach geht es in den realen Bahnverkehr. 40 Schichten unter Begleitung eines erfahrenen Lokführers stehen dann an. „Wo?“ Er sei noch im Bewerbungsverfahren, sagt Blasius. Das Problem ist das noch fehlende Papier, der Führerschein nach „Anlage 5“. Kein Problem ist der Praktikumsplatz. 

„Die Unternehmen versuchen, schon über das Anbieten von attraktiven Praktikumsplätzen zukünftige Mitarbeiter zu ködern“, weiß sein Ausbilder. Bis zu zehn Stunden gilt es für die Fahrschüler im Praktikum und später im Beruf die Konzentration zu wahren. „Ich versuche hier einen 45 Minutenrhythmus für jeden umzusetzen“, erklärt Märten. Und er packt diese Fahrzeit am Simulator voll mit Schwierigkeiten. „Ich will schon Stress erzeugen“, sagt er. 

Keine "Personenschäden" im Simulator

Die Fahrt von Obervellmar, einer von nur zwei echten Bahnhöfen im Programm, bis Unteraden geht durch eine Fantasielandschaft. Eingleisige Abschnitte wechseln mit Gegenverkehr, Bahnhofseinfahrten mit unbeschrankten Bahnübergängen. „Sifa, Sifa!“ Immer wieder diese Stimme aus Off, die Blasius ermahnt, mit dem Fuß das entsprechende Pedal zu betätigen, um die Zwangsbremsung zu vermeiden. 

Der Bönener übersieht einen Container auf der Strecke. Doch der Simulator gewährt mehrere Leben. „Personenschäden“ durch Menschen auf den Gleisen sind im Programm ausgeschlossen, aber im Hinterkopf der Schüler. Der Lehrer, früher Lokführer im Personenverkehr, verschweigt sie nicht. 

Unregelmäßige Arbeitszeiten und Wochenendarbeit thematisiert er ebenso: „Der Job ist schön, hat aber nicht nur Sonnenseiten.“ Aufmerksam ist Blasius derweil bei der Zufahrt auf einen Bahnübergang. Das Signal gibt ihm freie Fahrt, die Schranken sind aber noch offen. Blasius muss den Zug vor der querenden Straße stoppen. Die ins Gleisbett eingebaute Induktionsschleife schließt die Schranke, die Fahrt wird fortgesetzt. Der Lokführer informiert den Fahrdienstleiter. 

Verspätung wie im echten Bahnleben

„Sehr schön“, lobt Märtens. Es ist nicht einfach, die Strecke mit ihren Unwegsamkeiten und Signalen sowie die maßgeblichen Instrumente gleichzeitig im Auge zu haben. Durch den elektronischen Fahrplan auf dem Display ist die Geschwindigkeit pro Streckenabschnitt zwar genau vorgegeben. Warum dann keine Automatik? „Einen Autopiloten gibt es zwar, aber die Schüler sollen ja ein Gefühl für die Geschwindigkeit bekommen.“ 

Der Lokführer muss schließlich immer richtig reagieren. Blasius fliegt gerade wegen zu hoher Geschwindigkeit aus der Kurve, vielmehr erfolgt eine Zwangsbremsung. Dann beendet er sein Reise in Unteraden, perfekte Einfahrt, Zug- und Waggonbremse betätigt, Türen auf der rechten Seite geöffnet. Schicht zuende. 

Allerdings ist er sieben Minuten nach Ankunftszeit eingefahren – sechs gelten noch nicht als Verspätung. Alles also wie im echten Bahnleben. „Dieses Zusammenspiel der verschiedenen Elemente überfordert am Anfang“, gibt der angehende Lokführer zu. 

Er wird aber dranbleiben und lernen. Schließlich sind die beruflichen Perspektiven mehr als gut. „Personenverkehr“, gibt Blasius als Einsatzziel an. „Die Arbeitszeiten sind geregelter“, erklärt er, „im Güterverkehr ist man tagelang unterwegs, schläft im Hotel.“ Und Blasius möchte seine sozialen Kontakte nicht aufgeben.

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