Trügerische Sicherheit

Corona-Selbsttests: Mediziner aus Bönen sehen Freigabe kritisch

Es wird einige Überwindung kosten, Teststäbchen in die eigene Nase einzuführen. Daher wird auch über die Freigabe von Spucktests nachgedacht, die einfacher zu handhaben sind.
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Es wird einige Überwindung kosten, Teststäbchen in die eigene Nase einzuführen. Daher wird auch über die Freigabe von Spucktests nachgedacht, die einfacher zu handhaben sind.

Das Bundesgesundheitsministerium möchte Corona-Schnelltests für den Hausgebrauch zulassen. Was sinnvoll erscheinen mag, überzeugt aber nicht jeden. Auch Bönener Ärzte sprechen sich gegen die Möglichkeit des Selbsttests aus – es sei denn, die Art des Tests ändert sich.

Bönen – „Die Selbsttests sind grober Unfug“, sagt Internist Karsten Weikamp. Zumindest, wenn es um die aktuellen Schnelltests geht. Sollten, wie es angedacht ist, Tests zugelassen werden, bei denen gurgeln oder spucken reicht, um an das Probenmaterial zu kommen, sehe das anders aus. „Dann wäre das machbar.“ Zwei Studenten aus Hamm planen derzeit, einen Vertrieb für einen solchen Spuck-Test aufzubauen.

Selbsttests per Nase-Rachen-Abstrich würde Karsten Weikamp, der inzwischen weit über 5000 Tests unter anderem an Kindertagesstätten und in Seniorenheimen durchgeführt hat, dagegen nicht vertrauen. „Es ist schlicht so: Diese Tests sind unangenehm, man muss den Abstrich tief in Rachen und Nase machen.“ Weikamp glaubt nicht, dass die meisten, die sich oder einen Angehörigen selbst testen, das Wattestäbchen tief genug in die Nase einführen und lange genug dort belassen. „Da wird schnell geschummelt.“

Wer soll das kontrollieren, dass positive Tests ans Gesundheitsamt gemeldet werden und die Infizierten in Quarantäne gehen?“

Karsten Weikamp, Internist 

Hinzu komme, dass eine neutrale Instanz fehle, die ein Auge auf das Ergebnis habe. „Wer soll das kontrollieren, dass positive Tests ans Gesundheitsamt gemeldet werden und die Infizierten in Quarantäne gehen?“

Dr. Eugen Sander teilt die Einschätzung seines Kollegen. „Eines der Probleme bei den Selbsttests ist, dass man natürlich nicht positiv sein möchte“, sagt er. Des Weiteren glaubt auch er, dass kaum jemand für den Nasen-Rachen-Abstrich mit dem Wattestäbchen tief genug vordringen werde. Die Schnelltests seien eine gute Sache, wenn jemand Geschultes sie durchführe. Dann seien die Ergebnisse – was Studien auch belegten – zuverlässig, so Sander. Wagen sich Laien an diese Tests, könnten sie ihre Zuverlässigkeit verlieren. Spuck- oder Gurgeltests dagegen könnten Corona-Selbsttests möglich machen. Eins gibt der Mediziner aber zu bedenken: Ein Schnelltest ist eine möglicherweise verfälschte Momentaufnahme, die falsche Sicherheit vorgaukle.

Warnung vor falscher Durchführung

Diese trügerische Sicherheit sieht Bettina Siegert, Inhaberin der Bären-Apotheke auch. Vor allem, wenn die Tests eben nicht richtig durchgeführt werden. „Die Selbsttests haben Vor- und Nachteile“, sagt sie. Einerseits habe sich gezeigt, dass es wichtig sei, so viel wie möglich zu testen. Andererseits bleibe das Risiko der falschen Durchführung. „Da wären Spuck- und Speicheltests von Vorteil, oder Tests, bei denen ein Abstrich aus dem vorderen Nasenflügel reicht.“

Auch in Eigenregie durchgeführte Schnelltests in Kindergärten sieht Karsten Weikamp kritisch. Weil seine Erfahrung zeige, dass die meisten Erzieherinnen nicht selbst tätig werden wollten. „Sie trauen sich das nicht zu.“

„Wir testen jeden, der das Haus betritt“

Claudia Meininghaus, Leiterin der Kindertagesstätte Nordlicht, bestätigt das. „Es ist sinnvoll, für einen Test auf eine Fachkraft zu warten“, betont sie. Die Verantwortung sei sehr groß, wenn es um Kinder gehe, da wolle sie Fachleute in der Kita haben.

Genau solche Fachkräfte hat das Awo-Seniorenheim seit mehreren Monaten in den eigenen Reihen. Und die geschulten Mitarbeiter haben gut zu tun. „Wir testen jeden, der das Haus betritt“, betont Einrichtungsleiter Ralf Degenhardt-Ruhoff. Und das soll so bleiben, auch wenn Selbsttests möglich werden. „Das Ergebnis der Selbsttests wäre uns zu unsicher.“ Wie effektiv die durchgeführten Schnelltests Infizierte erkennen, lässt sich übrigens schwer sagen. Degenhardt-Ruhoff meldet zwar jeden positiven Test an das Gesundheitsamt. Eine separate Statistik über die durch Schnelltests ermittelten Infektionen führt der Kreis laut Sprecher Max Rolke allerdings nicht.

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