Totentanz in der Gastronomie - einige Lokale sind bereits geschlossen

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Volker und Christiane Damm vom Fischlokal haben zum Glück eine Versicherung, die im Katastrophenfall greift.

Bönen - Die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus wurden weiter verschärft. Die Gastronomie darf nur noch unter strengen Auflagen und bis 15 Uhr öffnen. Das bringt viele Inhaber von Restaurants und Gaststätten in Bönen an den Rand des Ruins. Einige Inhaber haben bereits geschlossen.

Seit Dienstag wurden die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus noch einmal verschärft. Bürgermeister Stephan Rotering folgte am Montag dem Erlass zu weiteren kontaktreduzierenden Maßnahmen, die ab sofort in Kraft treten und zunächst bis zum 4. Mai gültig sein sollen. 

Dazu gehört unter anderem auch die Verschärfung der Vorschriften für Gaststätten und Restaurants. Außerdem wurde die Öffnungszeit bis 18 Uhr reduziert. Gestern Mittag wurde die Öffnungszeit dann erneut eingeschränkt: Jetzt dürfen Restaurants und Gaststätten nur noch bis 15 Uhr geöffnet sein, das hat das Landeskabinett gestern Mittag entschieden.

Für die örtliche Gastronomie der Gau. Denn schon jetzt geht der Umsatz bei den Lokalen in der Gemeinde steil nach unten. Viele werden wohl zumachen müssen und fragen sich, wie sie die Durststrecke von zwei Monaten oder sogar länger finanziell überleben sollen. 

Zur Bekämpfung der Ausbreitung des Coronavirus hat die Gemeinde am Montag mit einer Allgemeinverfügung weitere Schutzmaßnahmen bekannt gemacht. Dazu gehören ab sofort unter anderem massive Einschränkungen für Restaurants und Gaststätten, die nur noch unter strengen Auflagen geöffnet werden dürfen: Die Besucher müssen mit ihren Kontaktdaten registriert werden, die Besucherzahl ist reglementiert, der Abstand zwischen Tischen muss mindestens zwei Meter betragen und es müssen Aushänge mit Hinweisen zu richtigen Hygienemaßnahmen angebracht werden. 

Die zwischenzeitlich verhängte Schließung auf 18 Uhr wurde vom Land NRW nun noch einmal auf 15 Uhr reduziert. Der zuständige Fachbereichsleiter der Gemeinde, Jörg-Andreas Otte, nahm gestern an einer Sitzung beim Kreis teil, in der es um die Abstimmung der einzelnen Kommunen ging – unter anderem um die Situation in der Gastronomie. 

Dabei wurde die Diskussion von dem neuerlichen Erlass der Landesregierung überholt. „Während wir noch von einer Öffnungszeit bis 18 Uhr ausgingen, hatte sich die Lage schon wieder verändert“, berichtet Otte. „Die stufenweise Verringerung der Öffnungszeiten wirkt ein bisschen wie eine Salami-Taktik, die möglicherweise den sozialen Frieden erhalten soll“, vermutet der Bönener Fachbereichsleiter. Unklar ist aber nach wie vor, ob der Erlass nur für Gaststätten und Restaurants gilt oder auch für Imbiss- und Dönerbuden sowie Pizzerien, wo Essen nur abgeholt oder an die Tür des Kunden geliefert wird. 

Mitarbeiter des Ordnungsamtes seien bereits unterwegs, um Gastrobetriebe zu informieren, so Otte. „Schließlich geht es darum, Infektionen zu vermeiden. Leider ändert sich die Lage gerade alle paar Stunden. Für die neue Lage liegt uns noch keine offizielle Weisung vor, die wir umsetzen können“, so Otte. Das sorgt auch für Unsicherheit bei den betroffenen Inhabern. Die Situation ist für viele inzwischen unüberschaubar.

So wurde auch Burim Neziri, Inhaber des italienischen Restaurants „Due-Elle“ an der Bahnhofstraße, von der neuerlichen Verschärfung der Öffnungszeiten überrascht, die er erst im Gespräch mit dem WA erfuhr. „Ich habe versucht, etwas zu erfahren beim Ordnungsamt und beim Land NRW, bin aber in der Warteschleife stecken geblieben.“ 

Wie es überhaupt weitergehen soll, weiß er nicht. Die Lage ist verzweifelt. „Nachdem wir das Restaurant vor eineinhalb Jahren eröffnet haben, brauchten wir viel Geduld, bis es endlich lief. Jetzt bricht das Geschäft komplett weg. Wir haben keine Rücklagen und können im Moment nicht mal die Miete zahlen.“ Ob es sich überhaupt noch lohnt, wenn die Restaurants bereits um 15 Uhr schließen müssen, weiß er nicht. „Da verdient man nicht mal den Strom.“ 

Selbst wenn Restaurantbesitzer die Auflagen erfüllen, die Frage ist, kommen überhaupt noch Gäste? Schon jetzt ist selbst die Bahnhofstraße wie ausgestorben. Die Menschen bleiben zu Hause und gehen nicht mehr im Restaurant essen. Der Umsatz, so klagen viele Wirte, geht rasant in den Keller. So, wie bei Senol Görkan, Inhaber der Pizzeria Pippo und vom Imbiss Bremsklotz: „Wir haben am Montag tagsüber einen Umsatz von 8 Euro gemacht. Wir werden aber versuchen weiter zu öffnen, so lange es geht. Aber wenn es nicht anders zu machen ist, dann müssen wir schließen. Corona muss man ernst nehmen.“ Dennoch hofft er, dass er zumindest die Laufkundschaft weiter bedienen kann. 

„Wir werden den Sitzbereich schließen. Aber Bestellungen können weiterhin abgeholt werden. Außerdem liefern wir Bestellungen an die Haustür, damit können wir die Zeit vielleicht überbrücken. Schließlich laufen die Kosten ja weiter.“ 

Karin Denninghaus und Kirsten Metzrath haben die Gaststätte Denninghaus bereits geschlossen.

Kirsten Metzrath, die zusammen mit ihrer Mutter Karin Denninghaus die Gaststätte Denninghaus an der Kampstraße führt, hat das Lokal bereits geschlossen. „Eine Öffnungszeit bis 15 Uhr hilft uns nicht. Bei uns fängt der Betrieb erst ab 18 Uhr an“, sagt Kirsten Metzrath. „Ich kann auch nicht die Menschen an der Theke zwei Meter auseinandersetzen. So viel Platz haben wir nicht. Da lohnt es sich nicht, weiter aufzumachen. Die Kosten sind höher als die Einnahmen. Ich habe mir erst mal eine Frist bis zum 1. April gesetzt und entscheide dann von Tag zu Tag, wie es weitergeht. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht, wie es weitergehen soll, denn Ende März kommen auch die Rechnungen der Lieferanten. Ob die Unterstützungen der Regierung dann wirklich ankommen? Ich hoffe es.“ 

Maßnahmen keine Einbahnstraße 

Katja Lohmann, Inhaberin von Haus Böinghoff in Flierich, wird ihr Haus weiterhin offen halten. „Weil das Wetter so schön ist, haben wir den Biergarten von 10 bis 15 Uhr geöffnet. Draußen mit dem nötigen Tischabstand ist es vielleicht nicht so gefährlich, sonst hätte ich vielleicht auch ganz zugemacht. So kommt vielleicht noch der eine oder andere Gast vorbei, wir sind hier ja auch ziemlich abgelegen. Viele werden es ohnehin nicht sein. Wir haben auch Stammgäste, die regelmäßig zum Essen kommen“, so Katja Lohmann. Die wolle sie nicht allein lassen. 

Dennoch sei das Geschäft schon jetzt praktisch auf Null runtergegangen. „Es herrscht Totentanz. Aber auch wir müssen ja irgendwie leben, deshalb bieten wir jetzt auch Essen zum Mitnehmen an.“ Die Zahl der Mitarbeiter sei bereits reduziert. Die Tische wurden weiter auseinander gestellt und Desinfektionsmittel aufgestellt. Außerdem werde regelmäßig alles desinfiziert, womit Gäste in Berührung kommen. 

Das sei ja keine Einbahnstraße, sagt die Wirtin, schließlich diene das nicht nur dem Schutz der Gäste, sondern auch der Mitarbeiter. „Wir stellen uns jetzt erst mal auf die Zeit bis zum 19. April ein. Das heißt, dass das Ostergeschäft wahrscheinlich auch wegfällt. Wenn es länger dauert, dann weiß ich nicht, wie wir das durchhalten sollen – so viele Reserven hat niemand. Ich fühle mich in einer absoluten Zwickmühle zwischen wirtschaftlichem Nutzen und Gesundheit.“ 

"Bis 15 Uhr öffnen ist nichts Halbes und nicht Ganzes"

Immerhin fünf Gäste sind gestern in Das Fischlokal an der Rhynerner Straße gekommen, zeigt sich selbst Inhaber Volker Damm erstaunt. „Und das waren alles ältere Leute, die zur Risikogruppe gehören. Ansonsten bestätigt er, was auch die Kollegen in der Gastronomie sagen: „Es hagelt Absagen. Die Gäste sind verunsichert.“ Bis zu unserem Gespräch am Dienstagmittag hatte das Restaurant von 11.30 bis 18 Uhr geöffnet. 

Dann platzte die Nachricht mittenrein: Restaurants müssen bereits ab 15 Uhr schließen. „Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Da lohnt sich das Öffnen eigentlich nicht mehr. Wir bieten ab sofort eine Lieferung außer Haus zwischen 17 und 21 Uhr an. Das ist eine Alternative für alle, die nicht im Restaurant sitzen wollen.“ 

Dabei kann Volker Damm im Gegensatz zu vielen Kollegen noch gelassen in die Zukunft blicken: „Wir haben eine Betriebsausfall-Versicherung, die auch im Fall von Corona greift – allerdings nur dann, wenn eine Ausgangssperre angeordnet wird oder wir das Lokal schließen müssen. Wir hatten Glück, dass unser Versicherungsmann das Kreuz an der richtigen Stelle markiert hat.“ 

Geschlossen bleibt ab sofort die Gaststätte Dörnemann in Nordbögge – jedenfalls unter der Woche. Das bestätigt Juniorchef Torsten Nüsken. „Private Feiern sind schon abgesagt. Es ergibt keinen Sinn bis 15 Uhr zu öffnen. Wir haben jetzt Stammgäste angeschrieben, dass wir am kommenden Sonntag das Restaurant öffnen und Essen anbieten, wenn sich Gäste anmelden. Wir werden die Tische weiter auseinanderstellen und alle vorgeschriebenen Maßnahmen einhalten.“ 

Der Koch rechnet damit, dass Einschränkungen mindestens bis Mai dauern werden. „In China hat es mindestens acht Wochen gedauert, bis die Maßnahmen gegriffen haben und die Neuerkrankungen zurückgingen.“ 

Klaus und Renate Timmering haben ihr Restaurant bis auf Weiteres geschlossen.

Die Gaststätte Timmering bleibt bis auf weiteres geschlossen, so Inhaberin Renate Timmering. Ihr Mann Klaus gehört mit über 80 Jahren zu den gefährdeten Personengruppen. Deshalb wollen die Inhaber kein Risiko eingehen. „Im Moment haben wir noch Übernachtungsgäste, aber das Restaurant ist geschlossen.“ Wie lange der Ausnahmezustand dauern wird, sei nicht abzusehen. „Schon jetzt ist es erschreckend, wie leer die Bahnhofstraße ist. Aber man darf den Kopf nicht hängen lassen.“

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