Wie tickt Deutschland? Reporter radelt durch alle Bundesländer und besucht auch Bönen

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Radtour durch Deutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Martin Roos trifft Schüler der Klassen neun bis zwölf auf dem Schulhof des MCG, um mit ihnen über die Unterschiede zwischen Ost und West zu reden.

Bönen – Wie tickt Deutschland, 30 Jahre nach dem Fall der Mauer? Mit dieser Ausgangsfrage im Gepäck radelt der Journalist Martin Roos seit dem 30. Mai auf seinem Rennrad quer durch das vereinigte Deutschland. Am Dienstag traf er in Bönen Schüler des MCG.

Bis zum 2. Juli wird er alle 16 Bundesländer besucht und mehr als 2200 Kilometer hinter sich gebracht haben. Am fünften Etappentag machte er Dienstag in Bönen Halt. Er traf Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums, um mit ihnen über Deutschland zu sprechen. 

Einen ganzen Monat lang wird der freie Autor mit seinem 15 Jahre alten Rennrad, sieben Kilo Gepäck, Thermosflasche, Notizbuch und Smartphone in Deutschland unterwegs sein. Was ihn umtreibt, ist die Frage, wie die Menschen in Deutschland ihr Land selbst erleben. 

30 Jahre nach der Wiedervereinigung will Martin Roos wissen, wie die Leute ticken. Gibt es noch Unterschiede und Vorurteile zu Ost und West in den Köpfen? „Die Menschen in Deutschland sind zutiefst verunsichert, unzufrieden und pessimistisch, heißt es. Aber stimmt das?“, fragt Martin Roos. 

Tour de force durch die Provinz

Also plante er seine Radtour durchs Land, die ihn vor allem durch Kleinstädte führt, wo zwei Drittel der deutschen Bevölkerung leben. Für jede Etappe hat er Treffen mit ganz unterschiedlichen Menschen und Gruppen verabredet, mit denen er über ganz unterschiedliche Themen wie Umwelt und Gesundheit, Wohnen und Verkehr bis zu Kultur, Sport, Wirtschaft und Politik spricht. „Neben den fest verabredeten Terminen wird es aber auch zahlreiche Zufallsbegegnungen geben“, sagt Roos. 

Gestern traf der radelnde Reporter in Bönen ein und besuchte das Marie-Curie-Gymnasium. Der Kontakt fand über Lehrerin Heike Harlinghausen statt, die die Aktion spannend fand und den Reporter einlud. Zwar konnte sie gestern nicht anwesend sein, aber dennoch traf sich ein Kreis interessierter Schüler aus den Jahrgangsstufen neun bis zwölf, um dem radelnden Reporter Rede und Antwort zu stehen.

Nach dem Gespräch mit den MCG-Schülern radelte Martin Roos weiter nach Unna.

„Gibt es für euch überhaupt noch einen Unterschied zwischen alten und neuen Bundesländern?“, wollte Martin Roos wissen, der selbst nach eigener Aussage halber Sachse, ein viertel Thüringer und ein Viertel Baden-Württemberger ist. Er hat oft die DDR besucht und das geteilte Deutschland miterlebt. Für die 15- bis 18-Jährigen ist die DDR kein Thema mehr. Und auch in den meisten Familien sei das kein Thema. 

„Deutschland ist seit 30 Jahren eine Einheit, und das ist gut so.“ Da sind sich alle einig. Sie kennen ohnehin nur ein Deutschland und nehmen die Trennung zwischen Ost und West kaum noch wahr.

„Was verbindet ihr mit der DDR?“, will Roos wissen. Spontan fallen Stichworte wie „Überwachung“, „Kontrolle“, „Zensur“ und „totale Abschottung von der westlichen Welt“. Schnell sind die Schüler bei der Politik und bei der Bewertung der Wahlergebnisse der Europawahl. 

Frust und Rechtswähler

„Wahrscheinlich ist das vor allem Protest, dass so viele Menschen im Osten die AfD wählen. Bis 2014 wurde eher links gewählt im Osten. Seit der Flüchtlingswelle hat sich das umgekehrt. Da ist viel Frust dabei“, beobachtet ein Zehntklässler. „Die Menschen sind keine Nazis, sie wählen, weil sie Veränderungen wollen“, urteilen einige Schüler. 

Die Jugendlichen, die selbst noch gar nicht geboren waren, als die Mauer fiel, wissen schon, dass bei der Wiedervereinigung zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinanderprallten. Der leistungsorientierte Westen habe den Osten mit seiner Planwirtschaft teilweise einfach überrollt. Da sei bis heute viel Frust zu spüren. 

Martin Roos diskutiert lebhaft mit den MCG-Schülern und notiert sich immer wieder Einzelnes in sein Notizheft. Das wird am Ende in sein Buch eingehen, das er nach der Radreise durch Deutschland plant. Wie Deutschland im einzelnen tickt, das wird er darin am Ende zusammenfassen – eine aktuelle Wasserstandsmeldung der deutschen Befindlichkeiten. 

Nach dem Treffen schwingt sich Martin Roos auf sein Rad und fährt nach Unna. Dort ist sein Nachtquartier, bevor es Mittwoch weiter nach Hagen geht und dann Richtung Rheinland-Pfalz.

Mehr Infos zu dem Projekt gibt es hier.

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