„Telefonterror“ zum Impfstart

Arztpraxen appellieren: Rufen Sie uns nicht an, wir rufen Sie an!

Junge Frau impft ältere Frau
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In dieser Woche starten die Bönener Hausärzte mit den ersten Impfungen in ihren Praxen.

Bönen – Die Telefone stehen nicht mehr still in den Bönener Arztpraxen. Seit bekannt ist, dass in dieser Woche die Hausärzte mit den Impfungen starten, reißen die Anfragen nicht ab. „Alle wollen wissen, wann sie an die Reihe kommen“, bestätigt der Hausarzt Christoph Middeldorf. Er appelliert an die Patienten, nicht in den Praxen anzurufen. Das blockiere die Arbeit des Teams nur unnötig. „Rufen Sie bitte nicht an, um nach einem Termin zu fragen – wir rufen Sie an!“

Zusätzlich zu ihren normalen Sprechstundenterminen impfen die Hausärzte seit Donnerstag auch noch die ersten Patienten. In dieser Woche erhielt Middeldorf 36 Dosen des Impfstoffs Biontech, die er am Donnerstag komplett an die Patienten verimpft hat, die das Vakzin aufgrund ihres Gesundheitszustands am dringendsten benötigen, um vor einer Infektion mit Covid-19 oder den noch gefährlicheren Mutationen geschützt zu sein. „Wir kennen unsere Patienten gut und haben im Blick, wer aufgrund seiner Erkrankungen am dringendsten eine Impfung benötigt“, erläutert der Mediziner.

36 Dosen – das ist nicht viel, aber ein Anfang. Der Wunsch, endlich geimpft zu werden, sei aber riesig, das stellt auch Dr. Karsten Weikamp fest. Dabei sei in der Prioritätenliste des Gesundheitsministeriums ganz klar festgelegt, in welcher Reihenfolge geimpft wird. „Schwer Krebskranke etwa müssen jetzt in der Gruppe 2 zuerst geimpft werden“, stellt er klar, „jemand, der einen Herzinfarkt hatte, muss sich aber noch gedulden. Er wird erst in der Priorität 3 geimpft.“

Mediziner bitten um Geduld

Dennoch gehen täglich in allen Bönener Arztpraxen unzählige Anrufe ein mit der Frage: Wann bin ich an der Reihe, wann bekomme ich eine Impfung? Warum ist meine Schwägerin schon geimpft, ich aber noch nicht? Das jedem Einzelnen detailliert zu erklären, sei derzeit weder von den Sprechstundenhelferinnen noch von den Ärzten zu leisten.

„Bitte gedulden Sie sich noch einen Monat, bis mehr Impfstoff ankommt“, lautet die Botschaft der Bönener Hausärzte an ihre Patienten. „Lassen Sie die Arztpraxen zunächst einmal in Ruhe die Termine nach Dringlichkeit machen. Es wäre viel geholfen, wenn nicht jeder nach einem Impftermin fragt. Wir kommen auf Sie zu und melden uns bei Ihnen, wenn Sie an der Reihe sind.“

Middeldorf und seine Kollegen schauen sich gewissenhaft ihre Patientenkartei an und kennen die Betroffenen, die jetzt auf der Impfliste nach oben gesetzt werden müssen. Das sei ein großer logistischer Aufwand für die Praxen, sagt Middeldorf. „Wir müssen alle Patienten anrufen, um einen Termin zu vereinbaren – teilweise mehrfach, weil wir nicht jeden sofort erreichen. Dann müssen wir sie über den Ablauf aufklären. Das dauert alles.“

Termine nur kurzfristig planbar

Im Vorfeld konnten die Hausärzte dennoch nicht exakt die Termine vorplanen. „Es war überhaupt nicht klar, wie viel Impfstoff wir tatsächlich in der ersten Woche erhalten“, berichtet Weikamp. „Benachrichtigen wir zu viele Patienten und erhalten zu wenig Impfstoff, müssten wir den Menschen wieder absagen. Geben wir zu wenige Termine raus, müssten wir kurzfristig zusätzliche Patienten einladen. Termine können wir erst machen, wenn wir die exakte Zahl der Impfdosen wissen.“

Weikamp wird erst in der kommenden Woche mit den Impfungen starten. „Ich habe für Kollegen Urlaubsvertretung gemacht, da war das gar nicht möglich, noch Impfungen durchzuführen. Wir starten am Dienstag mit den ersten Impfterminen.“

Christoph Middeldorf hat am Donnerstag die ersten Patienten geimpft. „Wir konnten 50 Impfdosen bestellen, erhalten haben wir 36. Es hätten aber auch weniger sein können. So konnten wir die Impftermine erst kurzfristig planen.“

Die Impftermine teilte Middeldorf am Donnerstag in zwei Blöcke auf: Vormittags und nachmittags wurde in der Sprechstundenzeit geimpft. „Die Sprechstundentermine sind teilweise schon länger vergeben, die wollten wir nicht absagen“, so der Hausarzt. Also reservierte er den ersten Teil des Nachmittags für Impftermine, danach ging die Sprechstunde weiter. Hört sich nach Überstunden an. „Momentan gibt es in der Praxis eigentlich jeden Tag Überstunden“, bestätigt er. Mit der Zeit werde sich da sicher eine Routine einspielen, wie die Impfungen am besten laufen. Aber jetzt sei es das erste Mal, dass Impfungen in der Praxis stattfinden.

Wunschtermine sind derzeit nicht möglich

In den ersten Wochen, wo der Impfstoff noch knapp ist, werden die Impfberechtigten erst kurz vor dem Termin benachrichtigt. „Wir können deshalb auch keine Wunschtermine vergeben“, betont Middeldorf. „Wir müssen versuchen, die Termine zeitnah hintereinanderzulegen, um weiterhin die Sprechstunden durchführen zu können.“

Auch in der Praxis von Dr. Eugen Sander wurden am Donnerstagnachmittag die ersten Patienten geimpft. 30 Dosen Biontech hatte die Praxis erhalten. „Was wir in den nächsten Wochen erhalten, wie viele Dosen und welchen Impfstoff, wissen wir nicht“, sagt Sander. So können auch hier erst wenige Tage vorher die impfberechtigten Patienten benachrichtigt werden. Ob Biontech oder Astrazeneca ankommt, das spiele keine große Rolle bei der Auswahl der Patienten. Bis auf wenige Ausnahmen seien die meisten Impfberechtigten ohnehin über 60 und kämen für beide Impfstoffe in Frage.

Wie bei seinen Kollegen steht auch bei ihm das Telefon nicht mehr still. Anfragen zu Impfterminen blockieren alle anderen Anrufe. „Wir müssen ja auch noch andere Patienten versorgen.“ Ein Problem sei auch, dass die Anrufer seine Mitarbeiterinnen mit Fragen überschütten, die sie oft gar nicht beantworten könnten.

Termine nicht ausfallen lassen und pünktlich sein

Die dringende Bitte aller Ärzte: Wer von seiner Hausarztpraxis einen Impftermin erhält, sollte diesen auf alle Fälle wahrnehmen und nicht verfallen lassen. Wer tatsächlich nicht kommen kann, weil er zum Beispiel kurzfristig erkrankt ist, sollte die Praxis informieren, damit ein anderer nachrücken kann.

„Wichtig ist auch, dass die Patienten pünktlich zum Termin erscheinen und lieber ein paar Minuten früher vor dem Haus warten“, so Dr. Eugen Sander. „Wir holen die Patienten dann einzeln in die Praxis.“ Wer zu spät kommt, verpasst sein Zeitfenster. „Das ist eine logistische Herausforderung“, wirbt er um Verständnis, „damit auch bei der Nachbeobachtung die Abstände eingehalten werden können.“

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