Tag der deutschen Einheit

Bönener flüchtete aus der DDR und unterstützt heute selber Flüchtlinge

Wolfgang Werner Zuflucht.Bönen
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Der Vorsitzende des Vereins Zuflucht.Bönen flüchtete als Kind mit seiner Familie aus der DDR.

Die deutsche Wiedervereinigung jährt sich am 3. Oktober zum 30. Mal. Dieser Feiertag der deutschen Einheit hat auch für Wolfgang Werner eine besondere Bedeutung. Denn der Bönener verließ als Kind mit seinen Eltern die DDR. „Wir waren deutsche Flüchtlinge in Deutschland“, sagt er. Eine Erfahrung, die den Vorsitzenden der Flüchtlingshilfe Zuflucht.Bönen maßgeblich prägte und sein Engagement für geflüchtete Menschen bis heute bestimmt.

Bönen – Geboren ist Wolfgang Werner 1947 im sächsischen Kamenz, östlich von Dresden, und dort aufgewachsen. „Mein Vater arbeitete zehn Jahre lang 1946 bis 1956 im Erzgebirge als Bergmann im Uranabbau für einen russischen Konzern“, erzählt er. „Als der Standort geschlossen wurde, war er arbeitslos.“ Die Eltern entschlossen sich 1956, in den Westen zu gehen, um dort ein besseres Leben zu finden. „Viele sind in diesen Jahren abgehauen, weil sie für sich keine Zukunft gesehen haben in der DDR“, sagt Wolfgang Werner, der damals gerade neun Jahre alt war. Das habe schließlich 1961 zum Bau der Mauer geführt. Der Arbeiter- und Bauernstaat schottete sich ab, um die Abwanderung seiner Bürger zu verhindern.

Aber 1956 war eine Flucht noch möglich, aber auch damals mit dem Risiko, entdeckt und verhaftet zu werden. „Deshalb musste alles heimlich geschehen“, erinnert sich Wolfgang Werner. Er, sein zwei Jahre jüngerer Bruder Holger und der einjährige Reinhard wurden in Dresden in den Zug Richtung Berlin gesetzt, wo sie ihre Mutter in Empfang nahm, die zu Hause bereits in den Zug gestiegen war. So sollte möglichst wenig Aufmerksamkeit erregt werden.

Flucht aus der DDR mit drei Kindern

Abschied von Nachbarn und Freunden durften sie nicht nehmen, damit die Flucht nicht aufflog. Mitnehmen konnten sie nicht viel, auch das wäre aufgefallen. „Nur die wichtigsten Papiere hatte meine Mutter im Kinderwagen meines kleinsten Bruders versteckt. Wir Kinder hatten genaue Anweisungen, damit wir nichts Falsches sagen.“ Denn der Zug wurde in Königs Wusterhausen vor Berlin kontrolliert. Die Mutter mit den drei Kindern ohne Gepäck löste keinen Verdacht bei den Kontrolleuren aus, und sie konnten nach Berlin fahren. „Mein Vater hatte die DDR bereits vorher verlassen und arbeitete im Westen“, berichtet Wolfgang Werner. Um so brenzliger wäre die Lage der nachkommenden Familie gewesen, wenn ihre Flucht entdeckt worden wäre.

Familienunterbringung im ehemaligen KZ

„In Berlin ging es mit der S-Bahn in den Westsektor der geteilten Stadt. Dort meldeten wir uns im Durchgangslager Marienfelde und wurden dort als deutsch-deutsche Flüchtlinge aufgenommen.“ Wochen später ging es mit einem Flugzeug von British Airways nach Hamburg. Für die Kinder ein besonderes Erlebnis. „An diesen Flug erinnere ich mich noch gut“, erzählt Werner. Nach ein paar Nächten in einer alten Fabrik wurden sie schließlich ins Emsland verlegt und in den Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers Esterwegen untergebracht. „Hier trafen wir auch unseren Vater wieder.“ Heute ist das einstige KZ eine Gedenkstätte. „Ich bin vor 15 Jahren hingefahren, um den Ort noch einmal zu sehen, aber die Baracken waren längst verfallen.“

Später wurden die ostdeutschen Flüchtlinge auf die Bundesländer verteilt. Die Familie Werner landete in der Aufnahmestelle Unna-Massen, in der noch heute Flüchtlinge betreut werden.

„Danach erhielten wir eine Unterkunft in Castrop Rauxel in einem umfunktionierten ehemaligen Tanzsaal einer Gaststätte. „Es war eng, und die Wände waren aus Pappe, und wir waren mit vielen Familien zusammengepfercht“, erinnert sich Wolfgang Werner. „Damals herrschte ja noch Wohnungsnot. Es war nicht so, dass wir in den Westen kamen und sofort ein gutes Leben hatten. Im Gegenteil, die Nachkriegszeit war schwierig für alle. Da waren schon die vielen Flüchtlinge nach Kriegsende aus den Ostgebieten. Man musste sehen, wie man durchkommt. Und dann kamen wir auch noch aus der DDR, dem konkurrierenden politischen System. Wir waren nicht gut angesehen, weil wir hier auch noch unseren Platz forderten. Der einzige Vorteil, den wir hatten im Gegensatz zu Flüchtlingen, die jetzt aus der ganzen Welt zu uns kommen, war, dass wir auch deutsch sprachen und uns leichter zurechtfanden.“

Das hat mich geprägt, anderen zu helfen

Er habe genau das erlebt, was Flüchtlinge heute auch wieder erleben, nur eben aus Kindersicht – obwohl er Deutscher in Deutschland war. „Das hat mich geprägt. Es ist meine Intention, Menschen zu helfen, die ihr Land verlassen müssen aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen. Ich kann mich da hineinversetzen, wie sich das von innen anfühlt, aufgrund meiner Erfahrungen.“

Flüchtlinge sollten zunächst mal als Menschen anerkannt werden. „Die meisten wollen arbeiten und ein neues Leben aufbauen – so wie wir damals“, ist er überzeugt. Geschichte wiederholt sich. „Menschen mussten immer wieder ihre Heimat verlassen aus verschiedenen Gründen.“ Ob sie den Überwachungsstaat der DDR verlassen wollten und dafür ihr Leben riskierten, oder dem Krieg in Syrien entkommen wollten – die Gründe seien vielfältig.

Aufbruchstimmung und Euphorie herrschte am 3. Oktober 1990, als rund eine Million Menschen vor dem Brandenburger Tor die wiedergewonnene deutsche Einheit feierten.

Er selbst sei immer wieder zu Besuchen in die DDR zurückgekehrt – vor allem in den 1970er Jahren. „Viele Verwandte hatten zwar inzwischen die DDR verlassen, aber wir hatten auch noch Familie dort.“ Um sie zu besuchen, musste Wolfgang Werner einen Antrag stellen und brauchte eine offizielle Einladung. Erstaunlicherweise habe das ohne Probleme geklappt. Er reiste mit seinem jüngeren Bruder in die ehemalige Heimat. Seine Eltern sind allerdings nie mehr zurückgekehrt.

Bei Besuchen in der DDR unter Beobachtung

„Die Besuche fand ich immer bedrückend. Man fühlte sich immer überwacht. Wir wurden angesprochen von Leuten in Lederjacken, die nicht zur Polizei gehörten, die uns ausfragten, woher wir kommen, was wir hier machen. Ich habe niemals Antwort erhalten, wer die waren. Wahrscheinlich gehörten sie zur Stasi. Vielleicht haben die uns abgecheckt, ob wir für eine Mitarbeit in Frage kommen.“

Es sei möglich, dass es eine Stasi-Akte über ihn gibt, das weiß er nicht. Er habe aber auch niemals einen Antrag bei der Gauck-Behörde gestellt, um Einsicht zu erlangen. „Das wollte ich gar nicht wissen. Ich habe als Kind das Land verlassen und über Familienbesuche hinaus keine Kontakte gehabt.“

Rechte Parolen in Hoyerswerda

Bedrückend sei aber auch damals schon gewesen, dass rechte Gruppen in Sachsen offen ihre Parolen vertraten. „Ich erinnere mich, dass wir in Hoyerswerda in einem Lokal essen waren. Da randalierte eine Gruppe Rechter offen in dem Lokal und rief rechte Parolen. Da hat niemand etwas unternommen. Obwohl da jeder Bürger überwacht wurde, waren rechte Kräfte latent wohl immer vorhanden.“

Trotz aller Probleme und trennenden Faktoren – die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten sei eine einmalige Sache. „Als Günter Schabowski 1989 die Reisefreiheit verkündete, waren das erst nur Worte“, erinnert sich Wolfgang Werner, der die Öffnung der Grenze in Bönen vor dem Fernseher verfolgte. „Ich konnte es erst gar nicht glauben, und es war nicht vorstellbar, was das auslösen würde.“

Unglaublicher Moment, als die Mauer fiel

Er erinnert sich, dass er kurz vor dem Mauerfall einen Unfall hatte und sechs Wochen mit einem Gipsbein zu Hause bleiben musste. „Ich habe vor dem Fernseher gesessen und staunend die Berichterstattung verfolgt. Dass die Öffnung so friedlich abläuft, hätte ich nicht gedacht. Ich hatte immer Angst, dass es Tote gibt.“

Kurz nach Öffnung der Grenze saß er mit seiner Frau Christel am Frühstückstisch, als er einen Trabi vor dem Fenster vorbeifahren sah. „Das fällt hier schon auf“, sagt er. Es stellte sich heraus, dass ein Neffe seiner Frau die offenen Grenzen und die neue Freiheit für einen spontanen Besuch genutzt hatte. „Dass das jetzt tatsächlich möglich war, war überwältigend.“

Dann sei alles sehr schnell gegangen bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. „Die Leute kamen gar nicht zur Besinnung und hatten den Blick eher auf Westmark und Konsum gerichtet. Vielleicht war es ja politische Notwendigkeit, die Dinge so voranzutreiben, aber ich hätte nicht so einen abrupten Übergang erwartet, sondern dass die Systeme langsam zusammen wachsen. Es war im Grunde eine Übernahme der DDR durch die BRD. Die Vorgesetzten in den Ämtern und in den Unternehmen kamen alle aus dem Westen. Aus der Sicht heute würde ich sagen: Wiedervereinigung ja, aber nicht mit solchen sozialen Verwerfungen, die da entstanden sind.“

Immer noch Grenzen im Kopf

Nach seiner Meinung sehen sich viele Menschen im Osten bis heute als Opfer der Wiedervereinigung, die nie richtig Fuß gefasst hätten in der neuen Gesellschaft. „Das erklärt vielleicht auch, warum die Rechten wie Pegida so einen Zulauf haben und sich in der Gesellschaft positionieren können“, vermutet er.

30 Jahre deutsche Wiedervereinigung, das sei auch für ihn ein besonderer Tag, einmalig in der Geschichte. „Trotzdem muss man sagen, dass in den Köpfen der Menschen auch nach 30 Jahren noch oft eine unsichtbare Grenze vorhanden ist“, findet Wolfgang Werner. „Das ist ein langwieriger Prozess. Das wird wahrscheinlich erst in der jungen Generation kein Thema mehr sein“, hofft er

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