Tafel-Schließung: An der Ausgabestelle fließen Tränen

+
Erika Werth (links) und Gerd Wiese (Mitte) verteilen Spenden der ehrenamtlichen Mitarbeiter an die Tafelkunden.

Bönen - Der Mann stellt keine Fragen. Er versteht nur wenig von dem, was Gerd Wiese ihm zu erklären versucht. Das Wichtigste hat er jedoch begriffen: Er wird seinen acht Kindern heute kein Obst,  Gemüse  oder Brot mit nach Hause bringen. Tränen fließen. Und der Mann ist nicht der einzige, der an diesem Vormittag weint. Gerd Wiese und die anderen Mitarbeiter der Bönener Tafel-Ausgabe müssen am Montag einige Kunden trösten. 

Die Helfer sind gekommen, weil sie die Menschen nicht mit einer kurzen Nachricht an der verschlossenen Eingangstür abfertigen möchen. Um sie nicht mit leeren Händen nach Hause zu schicken, haben die Ehrenamtler alle etwas mitgebracht, ein paar haltbare Grundnahrungsmittel, Kekse, Seife.

„Die Tafel hat uns bisher immer geholfen. Wenn man auf Hartz-IV angewiesen ist, bleibt einfach nicht viel übrig. Und da macht es schon einen Unterschied, ob man alle Lebensmittel im Supermarkt kaufen muss oder einige von der Tafel bekommt“, sagt der Vater einer zwölfjährigen Tochter. 

Auch Brigitte Quooß-Schivelbein hat sich bisher darüber gefreut, sich mit ein paar Vorräten eindecken zu können. Die 60-Jährige ist schwerbehindert, und die Rente ihres Mannes Wolfgang Schivelbein reicht kaum für das Nötigste. „Wir würden auch nach Unna-Königsborn zur Zentrale fahren, aber so ist es natürlich viel besser“, sagt die Tafelkundin, die auf einen Elektro-Rollstuhl angewiesen ist. 

Doch nicht nur die Kunden und Mitarbeiter sind am Montag in die Awo-Tagesstätte gekommen. Bürgermeister Stephan Rotering macht sich ein Bild vor Ort, ebenso einige Kommunalpolitiker und Bönener, die helfen wollen. Alle suchen nach einer Lösung, um die Ausgabe zumindest teilweise aufrecht zu erhalten, bis die Unnaer Tafel die Aufgabe wieder übernimmt. 

Vorstand verweist auf dünne Personaldecke

Die hat die Ausgabestellen in Bönen, Holzwickede, Fröndenberg und Massen zum Ende des Jahres für voraussichtlich mindestens drei Monate geschlossen (wir berichteten). Als Grund dafür gibt der Vorstand des gemeinnützigen Vereines die Änderung des Teilhabechancengesetzes (Paragraf 16 I SGB II) an. Dadurch würden dem Kreis Unna deutlich weniger Fördermittel zur Verfügung stehen, um damit Stellen bei der Tafel zu finanzieren. Zugesagt worden seien dem Verein drei statt bisher 35 geförderte Stellen, und damit ließe sich die Arbeit nicht im gewohnten Umfang leisten. 

Die erste Vorsitzende, Ulrike Trümper, gibt an, sie sei erst am 20. Dezember über die Änderung informiert worden. Laut Jobcenter Kreis Unna sind die Mitarbeiter aber bislang im Rahmen eines Bundesprojektes finanziert worden, welches zum Jahresende ausgelaufen ist. Das sei frühzeitig bekannt gewesen. „Alles was machbar ist, machen wir. Wir wollen die Tafel natürlich weiter unterstützen, haben aber nur eingeschränkte Möglichkeiten“, erklärt Antonia Mega, Pressesprecherin des Jobcenters. 

Problem hat ausschließlich der Unnaer Verein

Wie sie berichtet, laufen derzeit Besetzungsverfahren für Arbeitsgelegenheiten („Ein-Euro-Job“), die dann bei der Tafel eingesetzt werden sollen. Tatsächlich hat kein anderer Tafelverein in Deutschland dieses Problem – wie der Dachverband in Deutschland in Berlin bestätigt. „Das ist uns nur aus Unna bekannt“, sagt Johanna Matuzak, Referentin Öffentlichkeitsarbeit bei Tafel Deutschland in Berlin. „Das liegt daran, dass der Großteil der Mitarbeiter ehrenamtlich tätig ist.“ 

Wie es in der Gemeinde nun weitergeht, ist noch ungewiss. Das Ausgabeteam bittet die Kunden daher, in der kommenden Woche wieder zur Awo-Tagesstätte zu kommen. „Wenn wir den Menschen dann nichts geben können, tut es uns sehr leid“, bedauern die ehrenamtlichen Helfer.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare