Tafel in Bönen bleibt zu - Das sind die Gründe

+
Erika Werth und die anderen neun ehrenamtlichen Helfer in Bönen wissen momentan nicht, wann es weitergeht.

Bönen - Die Ausgabestelle der Tafel in Bönen bleibt vorerst geschlossen. Zu den Gründen hat sich nun die Vorsitzende der Unnaer Tafel geäußert. Die Mitarbeiter in Bönen sind enttäuscht. 

Die Idee ist so einfach wie gut: Überschüssige Lebensmittel, die ansonsten entsorgt werden müssten, werden an Bedürftige verteilt. Fast zehn Jahre lang hat das System mit der Unnaer Tafel auch in Bönen funktioniert. Seit Ende Dezember ist damit vorerst aber Schluss. Ob und wann es mit der Ausgabestelle in der Awo-Seniorentagesstätte am Eichholzplatz weitergeht, ist ungewiss.

„Wenn ich eine Glaskugel hätte, könnte ich diese Frage beantworten“, sagt Ulrike Trümper, Vorsitzende des gemeinnützigen Vereins. „Ich denke, dass das Jobcenter uns nicht im Regen stehen lassen wird, zurzeit können die Mitarbeiter dort aber keine Aussage treffen.“ 

Hintergrund für die Schließung der vier Ausgabestellen Bönen, Holzwickede, Fröndenberg und Massen für mindestens drei Monate ist nämlich die mehr als dünne Personaldecke in der Zentrale der Unnaer Tafel in Unna-Königsborn. 

Dort werden die von Geschäften aus dem gesamten Kreis gespendeten Lebensmittel gesammelt, sortiert und in Kisten verpackt. Fahrer bringen sie dann zu den bislang neun Ausgabestellen der Organisation. 

Nur noch drei Stellen bleiben übrig

Erledigt wurde diese Arbeit bis Ende Dezember von Ehrenamtlichen und vor allem von Mitarbeitern, die im Rahmen der „Sozialen Teilhabe“ Geld vom Jobcenter bekommen haben. 

Gemeinsam mit einigen Arbeitsgelegenheitskräften („Ein-Euro-Jobber“) waren das 35 Helfer. Mit Inkrafttreten des Teilhabechancengesetzes Paragraf 16 I SGB II wird diese Förderung jetzt erheblich gekürzt, für die Unnaer Tafel bleiben nur noch drei geförderte Stellen übrig – zuwenig, um damit den Betrieb komplett aufrecht zu erhalten, so Ulrike Trümper.

Dass das die vier kleinsten der neun Ausgabestellen der Unnaer Tafel trifft, liegt laut der Vorsitzenden daran, dass diese die meiste Zeit beanspruchen. „Wir müssen für sie sortieren, packen, alles ins Auto laden, zur Ausgabestelle fahren und hinterher die leeren Kisten wieder abholen“, erklärt Trümper. Die Ausgabe vor Ort, die Sachen über die Tische reichen, sei hingegen die einfachste Arbeit von allem.

Hygienevorschriften machen Probleme

Das Hilfsangebot der ehrenamtlichen Mitarbeiter in Bönen, die Lebensmittel selbst abzuholen und zu sortieren, um die Mitarbeiter in der Zentrale zu entlasten, lehnt Trümper rundweg ab. „Das können nur wir machen. Die haben ja gar nicht die Möglichkeiten dazu. Sie können zum Beispiel die Abfälle nicht entsorgen, die haben gar keine Tonnen dafür.“ 

Zudem gelten bestimmte Hygienevorschriften, manche Produkte müssten etwa zwingend mit einem Kühlwagen transportiert werden. Tatsächlich wurde die Bönener Ausgabestelle häufiger direkt von einem spendenden Geschäft aus beliefert. Dann mussten die Helfer vor Ort die Lebensmittel natürlich selbst sortieren.

Auch stundenweiser, ehrenamtlicher Einsatz vor Ort – wie einige Mitarbeiter der vier betroffenen Ausgabestellen angeboten haben – helfe da nicht weiter. „Bei uns müssen die Leute fünf Tage in der Woche sechs Stunden lang arbeiten“, beharrt Ulrike Trümper. Und die Arbeit sei alles andere als leicht.

"Bei Wind und Wetter an der Rampe"

 „Die Leute stehen bei Wind und Wetter an der Rampe“, erzählt sie. „Jedes welke Blatt muss vom Salat gezupft, jeder faule Apfel aussortiert werden. Wir sprechen hier nicht von Arbeit, die besonders Spaß macht.“ Die Ehrenamtler seien in der Regel 70 Jahre alt und aus gutem Grund aus dem Berufsleben ausgeschieden.

Spendengelder will Trümper nicht aufwenden, um damit zum Beispiel für einige Monate Teilzeitkräfte auf 450-Euro-Basis zu finanzieren. Erst im Dezember hat die Unnaer Tafel zum Beispiel eine Rekordspende in Höhe von 27 600 Euro vom Rubens-Verlag aus Unna bekommen. Die Spenden seien zweckgebunden, betont die Vereinsvorsitzende. Sie will von dem Geld einen neuen Kühlwagen anschaffen.

Die Masse an Lebensmitteln, die täglich an der Dorotheenstraße in Unna landet, ist nach Angabe des Tafel-Vorstandes enorm. Daran ändert sich aber auch nichts, wenn vier Ausgabestellen weniger beliefert werden.

Wie sie der Mengen mit zurzeit nach eigener Angabe nur fünf Mitarbeitern Herr werden will, alles sortieren und packen, verrät Ulrike Trümer allerdings nicht. „Wir versuchen die großen Ausgabestellen aufrecht zu erhalten, und wir haben Wartelisten“, berichtet sie, dass sie die Lebensmittel auf jeden Fall los wird.

Mit dem Rollator nach Unna?

Dennoch bietet die Vorsitzende an, dass die Bönener Tafelkunden zur Ausgabe nach Unna-Königsborn kommen können. „Wir würden auch einen Extratag einrichten.“ Um dorthin zu gelangen, könnten die Kunden Fahrgemeinschaften bilden oder Kirchengemeinden ansprechen, und diese bitten, sie nach Königsborn zu fahren. Für die Kunden in Kamen sei das schließlich auch möglich.

Die Bönener Helfer sind da skeptisch. „Viele unserer Kunden sind behindert, einige sitzen im Rollstuhl. Wie sollen die denn nach Königsborn kommen? Der Bahnhof in Unna ist ja schon recht weit entfernt von der Zentrale. Sollen sie da mit dem Rollator hinlaufen?“, fragt eine der Mitarbeiterinnen.

Eine andere Möglichkeit sieht Ulrike Trümper aber nicht. „Wir haben im Vorstand einen Entschluss gefasst – und dabei bleiben wir.“ Den zehn Tafel-Mitarbeitern in Bönen und ihren Kollegen aus den drei anderen betroffenen Ausgabestellen sind also die Hände gebunden.

Maulkorb für die Ehrenamtler

 „Sie können sich ‘Tischlein-deck-dich’ nennen, sich selbstständig machen und einen eigenen Verein gründen. Aber wir haben Verträge mit Aldi und Lidl. Von denen bekommen sie nichts“, betont Ulrike Trümper.

Gerd Wiese, der seit mehr als neun Jahren die Ausgabestelle in Bönen ehrenamtlich leitet, ist sehr enttäuscht. Zu der ganzen Angelegenheit etwas sagen darf er aber nicht, wenn es nach Ulrike Trümper geht. „Der Vereinsvorstand hat uns verboten, mit der Presse, mit Politikern oder der Verwaltung zu sprechen“, sagt er. Alle Anfragen sollen ausschließlich an den Vorstand in Unna gerichtet werden.

Beim eigentlichen ersten Ausgabetermin des Jahres am kommenden Montag wollen Gerd Wiese und sein Team die Kunden am Eichholzplatz selbst über die Schließung informieren. Ein Zettel an der Tür – wie ihn der Vorstand empfiehlt – reicht ihnen nicht. „Viele unserer Kunden sprechen nur wenig Deutsch, vom Lesen ganz zu Schweigen. Ihnen müssen wir das ja irgendwie erklären.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare