24 Stunden am Tag: Gertrud und Rüdiger Meyer pflegen ihre Angehörigen zu Hause

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Ein inniger Moment: Die Familie Meyer will zusammenhalten. Alle sagen: „Uns geht’s gut! Andere Menschen haben auch Probleme.“

Bönen – Wer einen Angehörigen zu Hause pflegt, der hat nicht selten einen 24-Stunden-Job neben allen anderen Alltagspflichten zu meistern - so wie die Bönener Familie Meyer.

Rüdiger Meyer hat zum Kaffee geladen. Für jeden Geschmack ist etwas dabei. Auf dem Tablett stehen fünf Tassen mit verschiedenen Inhalten. Während er die Kaffeewünsche erfüllt, hat seine Frau, Gertrud Meyer, die Mutter im Rollstuhl und den Bruder an den Kaffeetisch geholt, Tochter und Enkelin gerufen und den Kuchen angeschnitten. 

Die Familie ist entspannt, alles ist routiniert, die Handgriffe selbstverständlich. Gertrud Meyers Mutter Herta hatte mehrere Schlaganfälle. Der Bruder Michael ist von Geburt an behindert. Bis zu ihren Schlaganfällen hat Herta sich um den schwerbehinderten Michael und die weiteren Kinder gekümmert. „Wir haben uns einige Pflegeheime angesehen“, erinnert sich Gertrud Meyer an die schwere Zeit. „Meine Mutter hat sich ihr Leben lang gekümmert, es war klar, dass wir das jetzt übernehmen“, macht sie aber deutlich, während sie auf der linken Seite Michael den Kuchen in kleine Stücke schneidet und gleichzeitig rechts ihrer Mutter hilft, sich nicht zu verschlucken. 

Pflegegrad fünf lautet die Diagnose. 

Beide sind zu 100 Prozent schwerbehindert. Und doch sitzen sie in Bönen im Wohnzimmer im Kreise der Familie. Die Pflege ist für Gertrud und Rüdiger Meyer ein 24-Stunden-Job. Dabei ist Gertrud berufstätig und ihr Mann erst in Altersteilzeit. „Gott sei Dank“, bekennt Gertrud. „Sonst würden wir das gar nicht mehr schaffen“, ist sie sicher und wirft ihrem Mann einen dankbaren Blick zu. 

Grund zum Beklagen sieht sie nicht. „Es könnte viel schlimmer sein“. Der Alltag hat es dennoch in sich. 45 Minuten dauert die Einnahme jeder Mahlzeit. Auch Wäsche fällt sehr viel mehr an als in normalen Haushalten. Was Gertrud Meyer an ihre Grenzen bringt, ist der ewige Streit mit den Krankenkassen, mit der Gemeinde und sogar mit Ärzten. 

Menschen mit so schweren Erkrankungen sind auch anfälliger für weitere Krankheiten. Das geht ins Geld. Familie Meyer musste dafür schon vor das Sozialgericht ziehen, um Recht zu bekommen. Michael erhält Grundsicherung. Die Höhe berücksichtigt seinen hohen Bedarf aber nicht, wie Medikamente, Windeln und Wäsche. Der Gesetzgeber behandelt ihn wie einen gesunden Menschen, erklärt Gertrud Meyer, die als ausgebildete Krankenschwester vom Fach ist. 

Dass die pflegenden Angehörigen eine Auszeit einlegen, ist auch nicht vorgesehen. „Dafür brauchen wir einen Kurzzeitpflegeplatz“, erklärt Rüdiger Meyer und ergänzt, dass es solche Plätze wirklich nur kurzfristig gibt. Eine Vorausplanung ist unmöglich, auch wenn es sich nur um ein paar Tage handelt. 

Die Ressourcenplanung begleitet die Meyers aber auch durch den normalen Alltagswahnsinn. So haben die Pflegedienste ein begrenztes Budget. Unterm Strich verwalten die pflegenden Angehörigen das Budget mit, nur kennen sie leider die Höhe nicht. Bei allen Anträgen müssen sie höllisch aufpassen, damit nicht womöglich am Ende ein elementarer Bedarf nicht mehr erfüllt werden kann. Doch all das ist ein Ratespiel. 

Nach ihren Wünschen befragt, erklärt Gertrud Meyer, dass die Pflege fair bezahlt werden muss. Alle Preise werden angehoben, aber die Pflegeversicherung zieht bei Erhöhungen nicht mit. Deshalb zahlt die Familie ordentlich drauf, obwohl sie die täglichen Herausforderungen weitgehend selbst stemmt. 

Physiotherapeuten, Mitarbeiter des Pflegedienstes und Ergotherapeuten kommen ins Haus. Dreimal täglich ist der Pflegedienst da. Mit eigenem Schlüssel. Bei Meyers laufen viele Fremde durchs Haus, die irgendwie auch dazugehören. Man nennt sich beim Vornamen. 

Damit irgendwann Ruhe einkehrt, übernimmt Gertrud Meyer die Abendpflege selbst, für die es vom Gesetzgeber strenge Regeln gibt. Dazu gehört das Umlagern alle zwei Stunden. Auch die Tochter, ausgebildete Ergotherapeutin, ist eine wertvolle Hilfe. „Das ist für sie auch nicht einfach“, betont Gertrud Meyer. „Sie kann kaum raus“. 

Trotz allem sagt die Familie: „Uns geht’s gut! Andere Menschen haben auch Probleme.“ Die Familie will zusammenhalten und für ihre beiden Pflegebedürftigen da sein, solange es ihr möglich ist.

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