Stolperstein wird in Zechenstraße gelegt

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Die Familie Poppert-Kaufmann lebte an der Zechenstraße. Sie führten dort bis 1937 ein Wäschegeschäft. Vor ihrem Haus soll nun der nächste Stolperstein verlegt werden.

BÖNEN - Am kommenden Montag um 15.30 Uhr werden in einer feierlichen Zeremonie vier „Stolpersteine“ zum Gedächtnis an verfolgte jüdische Mitbürger in den Gehweg vor dem Haus Zechenstraße 4 eingelassen.

Sie sollen an die Schwestern Eva und Clara Kaufmann, an Adolf Poppert, den Ehemann von Clara Kaufmann sowie an Ruth Poppert, die Tochter des Ehepaares, erinnern. Bis Mitte 1937 wohnten sie dort und führten ein Wäschegeschäft.

Es ist der mittlerweile das dritte Mal, dass in Bönen die vom NS-Regime verfolgten jüdischen Mitbürger auf diese Weise ein Mahnmal erhalten. Insgesamt werden es acht Stolpersteine sein, die der Kölner Künstler Gunter Demnig setzen wird.

Gemeindearchivarin Barbara Börste hat sich intensiv mit dem Schicksal der Familie befasst. Demnach zogen die Schwestern Eva und Clara Kaufmann im Jahre 1914 aus dem Rheinland nach Altenbögge und eröffneten in unmittelbarer Nähe zum Eingang von Schacht Königsborn III/IV ein Wäschegeschäft. Sie belieferten vor allem die Zeche mit Arbeitskleidung und anderen Textilien. 1919 heiratete Clara Kaufmann den Kaufmann Adolf Poppert; und ein Jahr später erblickte Tochter Ruth das Licht der Welt. Das Mädchen besuchte die Martin-Luther-Schule, ein Teil der 2009 abgerissenen Goetheschule. Die wenigen jüdischen Familien des Ortes waren geachtete Mitbürger und in das gesellschaftliche Leben der Gemeinde eingebunden.

Unmittelbar nach der „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 kam es zu Übergriffen und Boykottaktionen gegen jüdische Mitbürger; ihre Lebenslage verschlechterte sich zusehends. Wenige Tage, bevor auf dem Reichsparteitag der Nationalsozialisten die antisemitischen Rassegesetze („Nürnberger Gesetze“) verkündet wurden, beschloss der Gemeinderat von Altenbögge am 4. September 1935, dass an jüdische Lieferanten keine Aufträge mehr vergeben werden sollten und dass auch keine Aufträge mehr an solchen Gewerbetreibende erteilt werden sollen, „die mit Juden verkehren oder in Geschäftsverbindung stehen.“ Damit wurde der Familie Kaufmann/Poppert die Existenzgrundlage entzogen.

Mitte 1937 sah sich sich die Familie gezwungen, das Wäschegeschäft aufzugeben. Man zog zunächst nach Köln-Ehrenfeld. Dann trennten sich die Wege. Über das weitere Schicksal gibt es nur wenige gesicherte Informationen. Clara Kaufmann, verheiratete Poppert, gelang mitsamt Ehemann und Tochter noch im gleichen Jahr die Ausreise nach England. Schwester Eva Kaufmann kehrte zurück in ihren Geburtsort und lebte später wieder in Köln. Im Oktober 1941 wurde sie, wie viele andere Juden auch, nach Lodz, vermutlich in das dortige Ghetto, deportiert. Unter dem Datum des 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation Deutschlands, wurde sie für tot erklärt. Über die nach England emigrierte Tochter Ruth Poppert ist noch bekannt, dass sie dort heiratete und 1987 durch einen Unfall im Haushalt ums Leben kam.

Noch 1937 hatte Ludwig Rindermann, der in Hamm ein bekanntes Textilkaufhaus besaß, die verwaiste Wäschehandlung übernommen. Es war seine erste Filiale; sie bestand bis 1962. Heute befinden sich in dem Haus mehrere Wohnungen.

Mit der Verlegung der Gedenksteine am 29. April ist die Aufarbeitung der Geschichte der jüdischen Verfolgten in Bönen im Rahmen des Projektes der Stolpersteine abgeschlossen. Anlässlich der Feier an diesem Montag hat die Verwaltung ein Informationsblatt – sowohl in deutscher, als auch türkischer Sprache – herausgegeben, mit dem über den Sinn und die Ziele des Künstlers Gunter Demnig informiert wird. Darin wird außerdem erläutert, was die Gemeinde Bönen dazu bewogen hat, sich dieser Initiative anzuschließen. - hei

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