Personalausstattungsquote zwischen 97,8 und 127 Prozent:

Trotz statistisch guter Zahlen herrscht an Bönens Schulen Lehrermangel

Trotz der guten Zahlen bleiben auch in den Bönener Lehrerzimmer einige Plätze leer. Dafür gibt es verschiedene Gründe.
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Obwohl die Statistik des NRW-Schulministeriums eine gute Quote ausweist, bleiben einige Plätze in den Lehrerzimmern der Bönener Schulen leer.

Es sieht gar nicht so schlecht aus mit der personellen Ausstattung an den Bönener Schulen insgesamt. Das zeigen die aktuellen Zahlen, die das NRW-Schulministerium jetzt für das Schuljahr 2020/21 für jede Kommune und jede Schule vorgelegt hat. Stichtag der Erhebung ist der 1. Dezember 2020.

Bönen - Auf den ersten Blick sind die Schulen in der Gemeinde ganz gut aufgestellt mit einer Personalausstattungsquote, die zwischen 97,8 und 127 Prozent liegt. Alles bestens, also? Nicht ganz. Im Gespräch mit den fünf Schulleitern zeigt sich, dass es durchaus Mangel gibt, der aus der statistischen Momentaufnahme nicht erkennbar ist.

Blickt man im Kreis Unna über den Zaun und schaut sich die Personaldecke an den Schulen in den anderen Kommunen an, dann liegt die Gemeinde Bönen mit ihren Schulen durchaus im oberen Bereich. Der beginnt bei 77,5 Prozent Personalausstattung am unteren Rand der Tabelle, mit dem eine Grundschule in Hemmerde den Unterricht aufrechterhalten muss, und endet mit einer Lehrerbesetzungsquote von 162 Prozent am Weiterbildungskolleg Unna. Von diesem „Ausreißer“ einmal abgesehen, führt die Spitze der Tabelle aller Schulen im Kreis die Pestalozzi-Hauptschule in Bönen an mit 25,6 Stellen und einer komfortablen Quote von 127 Prozent. Hier sind doch sicher keine Wünsche mehr offen oder?

Dass es sich bei den Zahlen tatsächlich um eine Momentaufnahme handelt, wird deutlich, als der stellvertretende Schulleiter der Pestalozzihauptschule, Ralf Würzhofer, seine Rechnung aufmacht: „Grundsätzlich sind wir erst einmal gut besetzt. Was aber in dieser Statistik nicht eingerechnet ist, sind die Stellen, die uns schon jetzt fehlen oder bald wegfallen werden, und die nicht nur rechnerisch eine große Lücke hinterlassen.“

Planstellen fehlen

Er rechnet vor, dass nicht nur Schulleiterin Gabriele Neumann wegen Erkrankung langfristig ausfällt, sondern eine weitere Kollegin abgeordnet wurde. „Eine Lehrerin nimmt im kommenden Schuljahr ein Sabbatjahr, dafür gibt es aber keine Planstelle, und zwei Kolleginnen gehen in Rente oder lassen sich beurlauben bis zur Rente. Und schließlich wird eine Kollegin versetzt.“ Da schwinde die Überversorgung der 127 Prozent schnell dahin. Der Überfluss verkehrt sich in Mangel. Immerhin: Seit Mai hat die Schule zwei neue Referendarinnen. Zudem sei Inklusion ein großes Thema an der Hauptschule. 27 Förderschulkinder müssen derzeit von zwei Kolleginnen betreut werden.

„Selbst, wenn wir rechnerisch mit unserem Kollegium gut aufgestellt sind – vor allem im Vergleich zu anderen Hauptschulen im Kreis – ist die Versorgung in einzelnen Fächern problematisch: Lehrkräfte fehlen vor allem in Englisch und Religion“, erläutert Würzhofer. Besonders Musiklehrer seien Mangelware. Seit zwei Jahren findet deshalb an der Bönener Hauptschule kein Musikunterricht mehr statt.

Musikunterricht wäre etwas, was sich auch Schulleiterin Petra Coerdt dringend für ihre Schüler an der Humboldt-Realschule wünscht. „Seit 2018 gibt es keinen Musiklehrer mehr. Mit Glück klappt es aber über eine Kooperation mit dem MCG.“ Das hat aktuell eine Stelle für einen Musiklehrer als Vorgriffsstelle ausgeschrieben. Wenn die Stelle besetzt werden kann, würde ein Teil der Stunden an der benachbarten Realschule stattfinden.

Knapp besetzt sei das Kollegium in den Fächern Sport, Physik und Chemie, zählt Petra Coerdt den aktuellen Bedarf auf. „Wir können so gerade die im Plan vorgegebenen Stunden abdecken. Das bedeutet auch, dass die jeweilige Lehrkraft dann nur in einem Fach eingesetzt werden kann.“ Im AG-Bereich und bei den Zusatzangeboten wird es eng, der alltägliche Unterricht kann aber ohne Ausfälle stattfinden.

Unterbesetzt in einigen Fächern

Mit 26,7 Stellen und 98,3 Prozent Versorgungsquote ist aber auch die Realschule rechnerisch gut aufgestellt. „Viele Lehrer arbeiten nicht die volle Stundenzahl, die in die Statistik einfließt, sondern haben beispielsweise Entlastungsstunden, da kommt rechnerisch schnell eine ganze Stelle zusammen, die wegfällt. Insofern sind diese Zahlen immer mit Vorsicht zu genießen“, sagt Petra Coerdt. Ein Wunsch wäre eine zusätzliche „Springer“-Stelle.

Auch am Marie-Curie-Gymnasium beklagt die kommissarische Leiterin Bianca Giese, die mit 37,7 Stellen eine Personalquote von 105,1 Prozent hat, dass die Statistik den fachspezifischen Mangel an der Schule nicht abbildet. „In der Gesamtheit stehen wir gut da, aber in den Fächern Physik und Mathematik sowie Philosophie sind wir unterbesetzt.“ Behelfen könne man sich zwar mit Vertretungskräften und fachfremdem Unterricht, die fehlende Kontinuität gehe aber zulasten der Schüler. Mit neuen Kollegen in den Fächern Mathe, Informatik und katholische Religion habe sich mittlerweile die Lage gebessert.

Giese betont, sie sei im stetigen Gespräch mit Arnsberg, um nötige Planstellen zu erörtern. „Aber auch wenn wir grünes Licht haben, eine Stelle auszuschreiben, ist noch nicht garantiert, dass wir einen Kollegen mit der passenden Fächerkombination finden.“ Gerade Physiker seien eben Mangelware.

Personelle Ausstattung

Die aktuelle Statistik des NRW-Schulministeriums zeigt die personelle Ausstattung der Bönener Schulen für das Schuljahr 2020/21 (Erhebungsstand ist der 1. Dezember 2020):

Goethegrundschule 103,0 Prozent

Hellweggrundschule 97,8 Prozent

Marie-Curie-Gymnasium 105,1 Prozent

Humboldt-Realschule 98,3 Prozent

Pestalozzi-Hauptschule 127,1 Prozent

Grundsätzlich bedeute eine zu geringe Personalausstattung an einzelnen Schulen gegenüber dem sich rechnerisch ergebenden Stellenbedarf nicht automatisch, dass der Unterrichtsbedarf dieser Schule nicht gedeckt werden kann, erläutert das Schulministerium seine Statistik. Vielmehr könne die Schulaufsicht vor Ort bestehende Besonderheiten im Rahmen der Personalzuweisung berücksichtigen. Auf der anderen Seite bedeute eine zu hohe Personalausstattung an einzelnen Schulen nicht automatisch eine Überversorgung dieser Schule.

Das Schulministerium weist die mit dem Haushalt bereitgestellten Stellen den jeweiligen Bezirksregierungen – für Bönen ist Arnsberg zuständig – zur Bewirtschaftung zu. Die Schulen erhalten von der Schulaufsicht auf dieser Grundlage eine Personalausstattung zur Abdeckung des von der Schulaufsicht anerkannten Lehrerstellenbedarfs für ein Schuljahr.

Zudem habe sich nicht nur durch Corona der Lehrerbedarf erhöht, Bianca Giese muss schon jetzt im Blick haben, dass künftig mehr Stellen gebraucht werden, wenn G9 am Bönener Gymnasium komplett ausgebaut ist. Die Rückkehr zu neun Jahrgängen erfordere auch mehr Personal. Zudem gebe es absehbar einige Altersabgänge in den kommenden Jahren.

Die Hellweg-Grundschule liegt mit 19,7 Stellen und 97,8 Prozent Ausstattungsquote nahe am rechnerischen Optimum. Eng werde es aber im Vertretungsfall. „Dann müssen wir an anderer Stelle jemand abziehen. Im Gegensatz zu weiterführenden Schulen, wo im schlechtesten Fall auch mal eine Stunde ausfallen kann, müssen wir den Unterricht von 8 bis 11.30 Uhr garantieren. Da haben wir nur die Möglichkeit, unsere Sonderpädagogin abzuziehen, das geht dann leider immer auf Kosten der individuellen Förderung und dem Ziel, kein Kind zurückzulassen“, sagt Schulleiterin Antje Anbring-Keiter. „Wenn kurzfristig mehrere Kollegen ausfallen, dann wird es schwierig. Da würden wir uns wünschen, dass wir noch einen personellen Puffer haben.“

Zufrieden mit der personellen Ausstattung der Goethegrundschule ist grundsätzlich auch Schulleiterin Annegret Berg, die mit 19,7 Lehrerstellen bei einer Versorgung von 103 Prozent liegt. „Wir haben eine zusätzliche Coronastelle bis zum 1. November erhalten, weil wir viele Lehrkräfte hatten, die zur Risikogruppe gehören und nicht mehr in die Schule kamen“, erläutert Berg die aktuelle Situation. „Inzwischen sind nach und nach alle geimpft und kehren in die Schule zurück. Eine Zeit lang waren wir unterbesetzt, inzwischen sind wir sehr zufrieden und können mit der Besetzung gut arbeiten.“

Zum 1. Mai konnte Berg zwei Stellen besetzt, die Stelle des Schulsozialarbeiters ist ausgeschrieben und muss noch besetzt werden.

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