Spürbare Einbußen seit der Testpflicht

Viele Kunden verzichten auf den Friseurbesuch, statt sich testen zu lassen

Stefanie Keskin in ihrem Friseursalon Bönen
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Stefanie Keskin in ihrem leeren Friseursalon: Seit ein Testnachweis für den Besuch erforderlich ist, bleiben die Kunden aus.

Es ist noch gar nicht lange her, da rannten die Kunden den Friseuren nach wochenlangen Schließungen buchstäblich die Bude ein. Nichts schien so wichtig wie ein Haarschnitt gegen die gefühlt voranschreitende Verwahrlosung. Inzwischen ist ein Besuch nur noch mit einem negativen Testergebnis möglich oder mit einem Impfnachweis – und die gebuchten Termine gehen drastisch zurück, berichten die Bönener Friseure.

Bönen – Friseurin Ute Sroka betreibt ihren Laden an der Bahnhofstraße 172, und blickt mit Sorge in die Zukunft. „Wenn weiterhin die Kunden wegbleiben, dann müssen wir schließen“, sagt sie. „Es ist deprimierend. Meine Mitarbeiterin musste ich bereits in Kurzarbeit schicken. Ich kann gerade die Kosten erwirtschaften, aber zum Leben bleibt nichts übrig.“

Ähnlich wie ihr ergeht es Stefanie Keskin, die ihren Salon unter dem Dach des Rewe-Marktes betreibt. „Das ist schon ein großer Einbruch. Seit die Kunden nur mit einem aktuellen Test kommen dürfen, wird es ruhig im Salon. Vor ein paar Wochen haben wir morgens früher angefangen und abends länger gearbeitet, damit alle an die Reihe kamen, jetzt bleiben die Kunden aus.“

Ohne Test geht nichts

Oder sie kommen spontan vorbei, wie der Mann, der mittags ohne Termin vorbeischaut und fragt, ob er sich eben die Haare schneiden lassen kann. Leider hat er keinen Test, also darf Stefanie Keskin den Kunden nicht bedienen. Sonst könnte es für die Friseurmeisterin teuer werden. Dabei ist sie für jeden Kunden dankbar und hätte Zeit, denn bis auf zwei Termine, die angemeldet sind, haben sie und ihre Mitarbeiterin am Nachmittag nichts zu tun.

„Um auf Nummer Sicher zu gehen“, kontrolliert sie bei jedem Kunden den Test und macht eine Kopie als Nachweis, dass der Kunde tatsächlich einen Test vorgelegt hat. In anderen Städten würde das so gemacht, hat sie gelesen. In Köln habe das Ordnungsamt die gesammelten Testnachweise kontrolliert. Wie das Ordnungsamt in Bönen das handhabt, weiß sie nicht. „Da haben wir keinerlei Informationen. Aber irgendwie müssen wir ja nachweisen, dass unsere Kunden einen negativen Test vorgelegt haben.“

Kontrolle und Kopien

Ihre Kollegin Ute Sroka hingegen macht keine Kopien als Nachweis. „Das könnten wir nicht im Salon. Ich weiß auch gar nicht, ob das vom Datenschutz her erlaubt ist.“ Wie die neuen Vorgaben in der Praxis umgesetzt werden sollen, da besteht offensichtlich noch Aufklärungsbedarf.

Das sind die Regeln für den Friseurbesuch

Kunden müssen einen bestätigten negativen Test vorweisen, der nicht älter als 24 Stunden ist. „Das Infektionsschutzgesetz sieht auch für Kinder bis zur Vollendung des 6. Lebensjahres einen Test vor“, so der zuständige Fachbereichsleiter der Bönener Verwaltung, Jörg-Andreas Otte. „Nach meinem Kenntnisstand können auch jüngere Kinder in den Testzentren getestet werden.“

Die seit Montag geltende geänderte Coronaschutzverordnung des Landes NRW regelt, dass Personen mit einer nachgewiesenen zweiten Impfung nach 14 Tagen negativ getesteten Personen gleichgestellt werden. Genesene müssen als Nachweis ein mindestens 28 Tage und höchstens 6 Monate altes positives Testergebnis vorlegen können. „Entsprechende Erlasse, die die Form der Nachweisführung regeln, liegen bislang nicht vor“, so Otte. Eine Aufklärung der Friseurbetriebe konnte laut Otte bislang noch nicht erfolgen, Nachfragen von Friseuren lägen aber auch nicht vor.

In den kommenden Tagen seien auch Kontrollen von Friseurbetrieben durch das Bönener Ordnungsamt geplant. „Im Rahmen der Kontrollen würden wir nur prüfen, ob die anwesenden Kunden einen bestätigten negativen Test, der nicht älter als 24 Stunden ist, vorweisen können.“ Bei Verstößen gegen die Auflage droht ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro.

Ebenso sieht es mit der neuesten Entwicklung aus: Seit Montag dürfen diejenigen, die zum zweiten Mal geimpft worden sind, ohne Test zum Figaro, ebenso wie diejenigen, die nach einer Corona-Erkrankung gesundet sind. Aber wie prüfen die Friseure das nach? „Da müssen wir uns dann wohl den Impfpass oder die Bescheinigung der Gesundung zeigen lassen“, vermutet Ute Sroka.

Sie hat auch festgestellt, dass die Intervalle zwischen den Besuchen ihrer Kunden länger geworden sind. „Inzwischen haben viele festgestellt, es geht auch, wenn sie nur alle zwölf Wochen die Haare schneiden lassen. Viele Männer haben sich inzwischen ein Haarschneidegerät gekauft und legen selber Hand an oder lassen die Freundin zur Schere greifen. Das bekommen wir natürlich auch zu spüren“, sagt Ute Sroka.

Keine Lust auf Test

Das größere Problem der Bönener Friseure ist aber, dass kaum noch Kunden kommen, seit ein maximal 24 Stunden alter Test vorgelegt werden muss, bevor die Friseure an die Haare dürfen.

Diese Erfahrung betätigt auch Thomas Klein, der seinen Salon an der Bahnhofstraße 147 betreibt. „Die Buchungen sind stark zurückgegangen. In der vergangenen Woche waren noch viele Termine gebucht aus der Zeit, als noch kein Test nötig war. Die haben die Kunden in der Regel auch wahrgenommen und sich dafür testen lassen.“ Inzwischen lasse das aber spürbar nach. „Manche wissen gar nicht, wo man sich testen lassen kann“, berichtet Thomas Klein. „Andere scheuen den Aufwand oder kommen mit der Terminbuchung im Internet nicht klar.“

Erst Friseurtermin, dann Testtermin

Offensichtlich ist immer noch nicht allgemein bekannt, dass alle Bönener Testzentren alternativ auch eine persönliche oder telefonische Anmeldung anbieten. „Wichtig ist nur, dass die Kunden erst einen Friseurtermin machen, und dann am selben Tag oder am Tag vorher einen Testtermin“, empfiehlt Klein. Das klappe in der Regel gut.

„Viele der jüngeren Kunden wollen keinen Test machen nur für den Friseurbesuch“, so Stefanie Keskins Erfahrung. „Die älteren Kunden, die mit der Testanmeldung im Internet nicht klar kommen, schicken wir zur Apotheke am Brunnen oder zur Bärenapotheke“, erzählt Keskin. Dort wird dann der Fragebogen ausgefüllt und der Termin gemacht. Nach dem Test sind dann der Haarschnitt und die Dauerwelle möglich.

„Dabei ist so ein Test wirklich schnell gemacht“, weiß Ute Sroka aus eigener Erfahrung, „und nichts, wovor man Angst haben muss. Wenn die Kunden jetzt langfristig ausbleiben, dann könnte es sein, dass einige Salons das nicht überleben.“

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