Sprachentwicklungsstörung: Mindestens jedes zehnte Kind ist betroffen

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Die Logopädin begleitet das Kind bei seiner Aufgabe, im Spiel die Symbole auf den Karten zu benennen. Hier wird die Fähigkeit geübt, ein Wort abzurufen.

Bönen - Der vierjährige Max nuschelt. Er spricht nur kurze Sätze und wird immer leiser. Schnell entsteht der Verdacht, Max ist nur zu faul zum Sprechen. Tatsächlich wird festgestellt, dass er eine Sprachentwicklungsstörung (SES) hat wie schätzungsweise jedes zehnte Kind. Heute will der internationale Tag der Sprachentwicklungsstörung erstmals auch in Deutschland auf dieses Problem aufmerksam machen.

Oft sind Eltern unsicher, ob ihr Kind sprachlich altersgerecht entwickelt ist oder ob es möglicherweise Hilfe bei auftretenden Defiziten benötigt. Denn auch bei SES gilt, je früher ein Problem erkannt wird, je besser kann es in der Regel therapiert werden. 

WA-Redakteurin Kira Presch sprach darüber mit der Expertin Silvia Gosewinkel. Die Bönenerin hat vor zehn Jahren ihr Staatsexamen als Logopädin abgelegt. Im Anschluss daran studierte sie Logopädiewissenschaften in Aachen und Rostock. Parallel arbeitete sie als Logopädin in einer Praxis in Köln. Heute ist sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Gesundheit Bochum. Ihre Schwerpunkte sind die Diagnostik und Therapie von Sprachentwicklungsstörungen und die praktische Ausbildung angehender Logopäden. 

Silvia Gosewinkel bildet an der Hochschule für Gesundheit Logopäden aus.

Was ist eine SES? 
Sprachentwicklungsstörungen sind Beeinträchtigungen im Erwerb der Sprache und Kommunikation. Das bedeutet: Die Entwicklung beginnt entweder später, verläuft verlangsamt, stagniert oder bleibt gar ganz aus. Die sprachlichen Fähigkeiten liegen dabei mindestens sechs Monate hinter dem Entwicklungsalter und beziehen sich auf verschiedene Bereiche: Aussprache, Wortschatz und Grammatik – bestehend aus Wortbildung und Satzbau. Unterschieden wird zwischen Verständnis (rezeptiv) und Produktion (expressiv). Meist handelt es sich um eine zusammenhängende Störung der einzelnen Fähigkeiten. 

Das kann man sich vorstellen wie beim „Dominoeffekt“. Bleibt ein Entwicklungsschritt aus, ist die Kettenreaktion unterbrochen. Ein Beispiel: Fällt es dem Kind schwer, Verben zu erlernen – das ist ja nicht so konkret wie ein Substantiv – ist die Entwicklung des Satzbaus auch gehemmt. Sowohl das Stottern als auch das im Volksmund bekannte „Lispeln“ zählen dagegen nicht zu einer Sprachentwicklungsstörung. Wie sind die Folgen einer unbehandelten Störung? Kinder mit SES haben unter anderem das Risiko, eine Lese- und Rechtschreibstörung zu entwickeln. Umgekehrt ist nicht jede Lese- und Rechtschreibstörung auf die Sprachentwicklung zurückzuführen. Eine weitere Folge ist häufig die soziale Ausgrenzung. 

Wie erkennt man SES?
Die Aussprachestörung kann man gut hören und einschätzen. Alle anderen Entwicklungsbereiche bleiben für Laien oft unbemerkt. In der logopädischen Praxis wird durch eine Diagnostik der Entwicklungsstand erhoben und mit den Normstichproben einer Altersgruppe verglichen. Dadurch ist ableitbar, wie weit der Wortschatz und die Grammatik entwickelt sind. In der Praxis wird außerdem mit standardisierten beobachtenden Verfahren gearbeitet, um die kommunikativen Fähigkeiten einzuschätzen. 

Was sind mögliche Ursachen von SES?
Zum einen gibt es klar erkennbare biogenetische Ursachen wie zum Beispiel eine Hörstörung oder genetische Syndrome. Außerdem gibt es Risikofaktoren, wie die genetische Disposition. Die Familienanamnese zeigt eine familiäre Häufung von SES. Es gibt auch eine geschlechtliche Disposition: Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Eine Ursache kann auch ein eingeschränktes phonologisches Arbeitsgedächtnis (Nachsprechen von Nichtwörtern) sein. Je mehr Risikofaktoren zusammenkommen, desto wahrscheinlicher scheint das Auftreten einer SES. 

Wer ist betroffen?
Risikokinder werden ab zwei Jahren als „Späte Sprecher“ bezeichnet. Das sind Kinder, die mit zwei Jahren keine 50 Wörter und/oder keine Wortkombinationen äußern und deren Ursache nicht auf eine Hörstörung zurückzuführen ist. Das wird beim Kinderarzt besonders ab der Untersuchung U7 und U7a eingeschätzt. Etwa ein Drittel der Kinder holt im Spracherwerb wieder auf. Die anderen zwei Drittel holen es nur oberflächlich auf und haben beim Schuleintritt beim Lese- und Schreiberwerb Schwierigkeiten oder eine Sprachentwicklungsstörung, die ab drei Jahren diagnostiziert wird. Das sind Kinder, die im Spracherwerb deutlich, also mehr als sechs Monate, von dem „normalen“ Entwicklungsstand abweichen. 

Wie oft tritt eine SES auf?
Die Angaben sind abhängig von den Definitionskriterien für Sprachentwicklungsstörungen. In Deutschland geht man davon aus, dass bei mindestens jedem zehnten Kind eine SES vorliegt. 

Wer kann helfen?
Momentan sind wir ein uneinheitliches Berufsfeld, das eine Zulassung für die logopädische/sprachtherapeutische Therapie von den Krankenkassen erhält. Die häufigsten Berufsbezeichnungen sind Logopäden, Sprachheilpädagogen und Sprachtherapeuten. Es ist jedoch Ziel, dass durch ein neues Berufsgesetz die Berufsbezeichnungen, wie auch der Weg dorthin als akademische Ausbildung, vereinheitlicht wird. Logopäden arbeiten in ambulanten Praxen oder auch in Sozialpädiatrischen- oder Neuropädiatrischen Abteilungen von Kliniken zur Diagnostik. 

Kann ich mit meinem Kind selbst eine logopädische Praxis aufsuchen, wenn ich der Meinung bin, es ist etwas nicht in Ordnung?
Nein, momentan noch nicht. Der Weg geht zunächst über den Arzt, der eine logopädische Verordnung ausstellt. Da zunächst alle Entwicklungsbereiche vom Arzt eingeschätzt werden, macht es in vielen Fällen auch Sinn. Ich befürworte bei fragenden Eltern immer eine kürzere Verordnung von zwei bis drei Einheiten. Dann kann eine logopädische Diagnostik durchgeführt und besprochen werden. Im besten Fall sind die Eltern beruhigt, dass die Sprachentwicklung altersentsprechend ist. In vielen Ländern ist ein Direktzugang zum Therapeuten möglich. Das wäre eine gute Möglichkeit, unseren Beruf im Gesundheitssystem wertschätzender einzuordnen. 

Was wird in einer Therapie konkret gemacht?
Eine logopädische Therapie dauert immer 45 Minuten und findet im Kindesalter ein bis zwei Mal in der Woche statt. Häufiger ist wissenschaftlich betrachtet nicht unbedingt erfolgversprechender. Das Gras, an dem man zieht, wächst ja auch nicht schneller. Innerhalb einer Therapie gibt es zwei bis drei Sequenzen zu einem oder zwei definierten Therapiezielen. Das wird für Kinder immer spielerisch umgesetzt und gibt dem Beobachter oft den Eindruck, „die spielen ja nur“. Dass der therapeutische Input anders aufbereitet oder methodisch im Spiel geübt wird, ist für Außenstehende nicht direkt erkennbar. Daher ist die Elternberatung, wo das genau erläutert wird, ein Bestandteil jeder Therapieeinheit. 

Wie ist die Erfolgsquote?
Das ist schwer in Zahlen zu fassen. Es wird schnell von „das verwächst sich schon“ gesprochen. So pauschal kann eine SES jedoch nicht betrachtet werden. Stagniert die Entwicklung eines Kindes, verwächst sich leider gar nichts. In Abgrenzung dazu müssen „im Erwerb normale Fehler“ erkannt werden. Eben aus diesem Grund ist die sorgfältige Diagnostik durch Experten sinnvoll.

Das können Eltern tun:

Handlungsbegleitendes Sprechen (während alltäglicher Routinen beim Anziehen)

Korrektives Feedback (Äußerungen des Kindes wiederholen, korrekte Äußerungen verstärken) 

Förderung des Sprachverständnisses durch:

- langsames Sprechen

- Pausen einhalten

- häufiges Wiederholen wichtiger Wörter

- altersentsprechender Wortschatz/kindgerichtete Sprache

- Gegenstände zeigen, mit einbeziehen 

Beispiel: Gemeinsame Bilderbuchbetrachtung 

Das Ziel ist die aktive Ansprache des Kindes durch eine gemeinsame Bilderbuchbetrachtung. Wichtig ist der gemeinsame Aufmerksamkeitsfokus. Dieser entsteht, indem Eltern auf die Äußerungen des Kindes eingehen; es führt quasi durch das Bilderbuch. Eltern warten ab, worauf das Kind zeigt, dann wird erzählt, was in dem Bild zu sehen ist. Die Eltern reagieren auf die Kommunikation der Kinder. 

Checkliste beim Bilderbuchbetrachten: 

- Kind führt

- Abwarten

- Beobachten

- Zuhören

- Gemeinsamer Aufmerksamkeitsfokus


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