Eklig! Das sorgt für Verstopfungen in der Bönener Kläranlage

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Nicht sehr appetitlich: Judith Mittelbach zeigt, was die Rechen an Feuchttücher abschöpfen.

Bönen - Ein Besuch in der Bönener Kläranlage ist kein Vergnügen. WA-Redakteurin Kira Presch hat es gewagt und ist dabei auf ein großes Problem gestoßen.

Der Gestank ist wahrlich atemberaubend und löst im ersten Augenblick Würgereflexe aus. Jedenfalls bei mir. Judith Mittelbach, Leiterin der Bönener Kläranlage, mit der ich auf dem Gelände am Schwarzen Weg unterwegs bin, nimmt den beißenden Fäkaliengeruch gar nicht mehr wahr. 

Sie will mir die sogenannten Verzopfungen zeigen, die durch feuchtes Toilettenpapier im Abwasser entstehen und die ein echtes Problem darstellen, weil sie zu Verstopfungen führen. Hygienisch soll der Toilettenbesuch sein, deshalb benutzen immer mehr Menschen danach nicht nur Toilettenpapier, sondern auch Feuchttücher. Das gebe ein besonderes Frischegefühl, bekräftigt auch die Werbung. 

Aus den Tüchern wird ein großer Klumpen

„Die Tücher bauen sich im Wasser schnell ab“, geben manche Hersteller auf der Verpackung Entwarnung, sollte sich ein Verbraucher tatsächlich Gedanken machen, was anschließend mit den Tüchern passiert. 

„Das ist leider nicht so. Die Tücher sind in der Regel aus Kunstfasern so verwoben, dass sie reißfest sind und sich nicht auflösen. Sie verbinden sich miteinander zu großen Klumpen und verstopfen unsere Anlagen“, sagt Judith Mittelbach und nimmt mich mit auf eine Tour über das Kläranlagengelände. 

Von der Schnecken-Kaskade wird das mit Abfall durchsetzte Wasser in die Kläranlage transportiert.

Denn bei der Wasseraufbereitung sind die kleinen Frischetücher durchaus ein Thema. Sie sind nämlich ziemlich hartnäckig und tauchen während des ganzen Prozesses auf und sorgen, wenn sie nicht entfernt werden, für ernsthafte Verstopfungen im System. 

Wir schauen uns an, wo das Abwasser die Bönener Kläranlage erreicht – an der Schnecke. Normalerweise abgedeckt, ist sie nach zehn Jahren erstmals freigelegt für Reinigungszwecke. So können wir gut sehen, was hier alles ankommt: Feuchttücher, Binden, Wattestäbchen, ganze Mettwürste, Kartoffeln – die Toilette als Entsorgungsstation. „Dies ist übrigens die größte Schneckenkaskade Deutschlands“, klärt Judith Mittelbach auf. 

Würgereiz im Rechenhaus

Der Zulauf aus Heeren-Werve kommt tief unten an, weiter oben fließt das Abwasser aus Bönen zu. Deshalb braucht die Anlage in Bönen eine außergewöhnlich lange Kaskade. Die Schneckenwendel drehen sich schnell und fördern neben Sedimenten auch jede Menge grauer Lappen weiter – die Feuchttücher. 

„Wir versuchen, durch Aufklärungsarbeit dafür zu sorgen, dass das Bewusstsein für die Problematik geweckt wird, und weniger Abfall im Klo landet“, sagt Judith Mittelbach. „Wenn jeder den Abfall im Mülleimer entsorgen würde, dann könnten wir uns die ganzen Reinigungsarbeiten und Kosten sparen.“ 

An der Schneckenkaskade haben wir noch frische Luft, das ändert sich schlagartig im Rechenhaus. Das heißt so, weil große Rechen mit ihren langen Zinken das Wasser durchkämmen und von Fremdkörpern befreien. Der Geruch von Fäkalien und Fäulnis reizt einen Moment zum Würgen, dann geht es. Hier werden Sand und Feuchttücher getrennt und in großen Containern gesammelt. 

Die grauen Lappen bilden einen dampfenden Berg, denn die Wärme im Kanalnetz sinkt kaum unter zehn Grad. Wir folgen dem mechanischen Reinigungsprozess des Wassers und den Verzopfungsproblemen: Im Vorklärbecken schiebt ein sich langsam drehender Räumer alles, was sich unten abgesetzt hat, nach oben. 

40 Kilo schwerer Zapfen

Schlamm wird von Pumpen abgezogen, die Plastikstege von zahlreichen Wattestäbchen schwimmen gut sichtbar in den Fettresten an der Oberfläche im Bassin. Es folgen die Faulschlammsilos. Sie erkennt man schon von Weitem am Geruch. Ein Silo ist fast leer. Über dem mit Schlamm bedeckten Boden sehen wir ihn: einen langen Zopf aus Feuchttüchern, unauflöslich ineinander verwoben. Der muss entfernt werden, weil er nicht in die Zentrifuge gelangen darf. 

„Der Silo ist erst vor einem halben Jahr gereinigt worden“, erklärt Judith Mittelbach. „Und trotzdem hat sich schon wieder so viel angesammelt.“ Zunächst reinigt ein Saugwagen den Boden, dann muss ein Autokran mit Personenbeförderungskorb ran, damit die Mitarbeiter dem Zopf zu Leibe rücken können. Der wird in den Silo abgesenkt und die Mitarbeiter der Kläranlage müssen den etwa 40 Kilo schweren Zapfen aus Feuchttüchern mühsam per Hand entfernen. „Das kriegt man nicht abgeschnitten“, weiß die Kläranlagen-Chefin. 

Vier Leute sind zur Reinigung nötig

Eins ist sicher: Um diesen Job mit Ekelfaktor zehn reißen sich die Mitarbeiter nicht gerade. Aber er muss gemacht werden. Vier Leute sind notwendig für die Aktion, die zweimal im Jahr stattfindet, acht Mitarbeiter arbeiten auf der Anlage. So kommen alle mal dran. Damit ist der mechanische Reinigungsprozess des Wassers abgeschlossen. „Im Bereich der biologischen Reinigung werden Fäkalien, Stickstoffe, Phosphate und Kohlenstoffe sozusagen von Bakterien eingeatmet“, erklärt Judith Mittelbach. 

Das ist der letzte Betriebsgang der Anlage, der in riesigen Becken stattfindet. „Welcher Aufwand getrieben wird, um Abwasser wieder in sauberes Wasser zu verwandeln, das ahnen die meisten Menschen, die zu Hause den Hahn aufdrehen oder die Toilettenspülung bedienen, gar nicht“, sagt die Leiterin der Kläranlage. Sie wünscht sich deshalb, dass die Menschen bewusster mit Wasser umgehen und Abfälle künftig nicht mehr in der Toilette runterspülen.

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