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Im zweiten Pandemie-Herbst verschärft sich die Lage im Kreis Unna erneut

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Von: Sabine Pinger

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Impfstelle des Kreises Unna in der Kreissporthalle
Anstehen für die Impfung: Die Nachfrage nach der Booster-Impfung hat in den vergangenen Tagen deutlich zugenommen, wie auch die Schlange vor der Impfstelle Unna am Donnerstag zeigte. © Robert Szkudlarek

Mehr als 65 000 Neuinfektionen innerhalb eines Tages: Nur die USA verzeichneten am Donnerstag mit 105 361 neuen Corona-Fällen weltweit mehr Ansteckungen – bei rund viermal so vielen Einwohnern. Dass sich Deutschland 20 Monate später in einer solch kritischen Lage befindet, konnte niemand ahnen, als Gesundheitsdezernent Uwe Hasche am 1. März 2020 in einer Pressekonferenz vom ersten Corona-Fall im Kreis Unna berichtete. Die Pandemie bewegt sich auch im Kreis in Wellen, wie ein Vergleich zum Vorjahr zeigt.

Infektionszahlen

Bönen/Kreis Unna 168 Neuinfektionen meldete der Kreis am 18. November 2020, akut von einer Ansteckung betroffen waren 1583 Kreisbewohner. Die Gesamtzahl der Infizierten seit Ausbruch der Pandemie betrug damals 5178. In Bönen kämpften an diesem Tag 96 Bewohner mit dem Corona-Virus, seit März hatten sich schon fast 300 Bönener damit angesteckt. Die Sieben-Tage-Inzidenz pro 100 000 Einwohner lag vor einem Jahr laut Robert-Koch-Institut bei 215,2 im Kreis. Bundesweit bezifferte das RKI diesen Wert mit 139. Der Erreger war bis zu diesem Zeitpunkt bei 833 307 Menschen nachgewiesen worden, 17 561 neue Fälle kamen an diesem Tag hinzu. Somit waren 273 700 Personen betroffen. NRW gehörte damals zu den Bundesländern, in denen das Virus besonders stark grassierte. Genau zwölf Monate später, am 18. November 2021, meldet der Kreis Unna 158 neue Fälle aus den zehn Städten und Gemeinden, 19 allein aus Bönen. Abzüglich von vier wieder Genesenen sind somit momentan 79 Bönener infiziert. Im gesamten Kreis durchleben 1189 Menschen gerade eine Infektion, die Gesamtzahl seit Beginn der Pandemie hat sich auf 23 243 summiert. Durchgesetzt bei den Infektionen hat sich nunmehr vollkommen die als ansteckender geltende Delta-Virusvariante.

Infizierte nach Alter

Waren es im vergangenen Jahr vor allem die Älteren, die sich mit dem Virus infiziert haben, liegt der Schwerpunkt jetzt eindeutig auf den Jüngeren. Das zeigt ein Blick in die Statistik des Landeszentrums Gesundheit (LZG). Mittlerweile weist die Gruppe der 20- bis 29-Jährigen demnach die meisten Corona-Fälle im Kreis Unna auf, und zwar haben sich seit Pandemiebeginn 1836 Frauen und 1748 Männer in diesem Alter mit dem Virus infiziert. Es folgen Männer zwischen 50 und 59 Jahren (1616) und Frauen von 40 bis 49 Jahren (1768). Das Robert-Koch-Institut fasst die Altersgruppen indes weiter zusammen. In der RKI-Statistik haben sich bis Donnerstag 4268 Frauen und 3843 Männer in der stärksten Altersgruppe, 35 bis 49 Jahre, infiziert. Allerdings zeigt das RKI anhand der Inzidenzwerte gleichfalls, wohin sich das Infektionsgeschehen verlagert hat. So liegt der Sieben-Tage-Inzidenzwert bei Kindern zwischen fünf und 14 Jahren zurzeit bei 787,3, bei den 35- bis 49-Jährigen „nur“ bei 342,6.

Intensivbetten

Acht Intensivstationen weist das Deutsche Intensivregister in den Kliniken im Kreis aus. Vor einem Jahr verfügten diese insgesamt über 97 Intensivbetten. 84 davon waren am 18. November 2020 belegt, 21 dieser Intensivpatienten litten unter einer Covid-19-Erkrankung. Bei fast der Hälfte von ihnen war der Verlauf so schwer, dass sie beatmet werden mussten. Insgesamt wurden 113 Coronakranke stationär in den Krankenhäusern in Schwerte, Unna, Kamen, Lünen und Werne behandelt. In ganz Deutschland kämpften an diesem Tag 3561 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen gegen die Krankheit – und teils um ihr Leben. Genau zwölf Monate später halten die Krankenhäuser im Kreis Unna auf nach wie vor acht Stationen nun 106 Intensivbetten vor. 95 davon waren am Donnerstag belegt, fünf von Covid-19-Patienten. Einer von ihnen musste dabei beatmet werden. Zusammen werden derzeit 34 Corona-Patienten in den hiesigen Kliniken behandelt.

Todesopfer

13 119 Menschen in Deutschland hatten den Kampf gegen das Virus am 18. November 2020 bereits verloren, vier von ihnen stammten aus Bönen. Erst drei Tage zuvor erlag ein 71-jähriger Bönener seiner Covid-19-Infektion. Der Kreis Unna füllte vor einem Jahr diese traurige Statistik mit zwei weiteren Todesfällen auf. Gestorben waren ein Mann aus Schwerte im Alter von 73 Jahren und eine 82-jährige Frau aus Unna. Kreisweit erhöhte sich die Zahl der Corona-Todesopfer so auf 71. Mittlerweile gilt es 514 Verstorbene zu betrauern, darunter 27 Bönener. Am Donnerstag meldete der Kreis zwei Todesfälle: Gestorben sind ein 73 Jahre alter Mann aus Lünen und eine 24 Jahre alte Frau aus Kamen. Beide hatten den Status „ungeimpft“. Bundesweit sind seit dem Frühjahr vergangenen Jahres 98 583 Menschen infolge einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Die Zahl der Toten ist also innerhalb eines Jahres um 85 419 gestiegen.

Schutzmaßnahmen

Im November vergangenen Jahres galten deutlich strengere Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Ab Monatsbeginn durften sich nur noch die Bewohner von zwei Haushalten privat treffen. Touristische Übernachtungen waren verboten und die Gastronomiebetriebe geschlossen. Kultur- , Freizeit- und Sportveranstaltungen durften nicht stattfinden. Ebenso war Freizeitsport nicht gestattet. Eine Woche später wurde sogar noch einmal nachgeschärft, die Kontakte weiter beschränkt und Abstandsregeln im Einzelhandel festgelegt. In NRW sollen ab der kommenden Woche die 3G-Regeln am Arbeitsplatz, 2G-Regeln im Freizeitbereich und in der Gastronomie gelten. Geschäfte, Lokale, Schulen und Co. blieben weiter geöffnet. Selbst Weihnachtsmärkte in vielen Städten in der Region, zum Beispiel in Münster, Soest, Unna und Dortmund finden statt. Daran war vor einem Jahr überhaupt nicht zu denken.

Auch in den Schulen wurden die Maßnahmen trotz der steigenden Fallzahlen unter Kindern und Jugendlichen deutlich gelockert. Vor einem Jahr galt nämlich die grundsätzliche Maskenpflicht an den weiterführenden Schulen. Die Grundschüler mussten den Schutz zu diesem Zeitpunkt hingegen nur im Schulgebäude und auf dem Pausenhof tragen. Zurzeit können die Kinder und Jugendlichen im Unterricht und auf dem Schulhof auf die Masken verzichten. Viele tragen sie jedoch freiwillig weiterhin. Trat im Herbst vergangenen Jahres ein Corona-Fall in einer Klasse oder in einem Kurs auf, wurden sämtliche Mitschüler in Quarantäne geschickt. Heute gilt diese Anordnung nur für direkte Sitznachbarn, sofern sie keine Masken getragen haben.

Impfungen

Im Corona-November 2020 wartete die Welt sehnlichst auf Impfstoffe gegen das Virus. Das Mainzer Unternehmen Biontech bekam dann gemeinsam mit dem US-amerikanischen Kooperationspartner Pfizer am 21. Dezember als erster Hersteller die EU-Zulassung für sein mRNA- basiertes Serum Comirnaty. Weitere Hersteller, Moderna, Astra Zeneca und Johnson und Johnson, folgten. Die ersten Impfdosen im Kreis Unna erhielten am 28. Dezember die Bewohner dreier Pflegeeinrichtungen in Unna, Lünen und Schwerte. Das Impfzentrum des Kreises ging am 8. Februar in der Kreissporthalle an den Start. Zwei Monate später durften schließlich auch die Hausärzte zur Spritze greifen und gegen das Virus animpfen. Das Impfzentrum an der Platanenallee in Unna wurde inzwischen geschlossen, dient aber noch regelmäßig an mindestens zwei Nachmittagen pro Woche als Impfstelle. Das Angebot soll demnächst wieder ausgeweitet werden, weil die Nachfrage vor allem nach der dritten, der Booster-Impfung, stark gestiegen ist.

Bis jetzt wurden 246 957 Menschen im Kreis Unna vollständig geimpft, wie die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen Lippe (KVWL) angibt. Zudem verabreichten die Mitarbeiter in den Impfbussen und bei Aktionen vor Ort in den Kommunen des Kreises seit 1. Oktober 3567 Dosen Impfstoff. Ob dieser als Erst-, Zweit- oder Auffrischungsimpfung gespritzt wurde, geht aus den Angaben des Kreises nicht hervor.

Wirtschaftliche Folgen

Im November 2020 hatten laut Agentur für Arbeit 209 Unternehmen im Kreis Unna für 1714 Arbeitnehmer Kurzarbeit angezeigt. Im Oktober dieses Jahres – die November-Zahlen liegen noch nicht vor – gingen bei der Arbeitsagentur zwölf neue Anzeigen auf Kurzarbeit für 354 Beschäftigte ein. Seit dem Beginn der Pandemie haben aber insgesamt rund 5200 Firmen im Kreis aus fast allen Branchen Arbeitsausfälle für 110 500 potenziell betroffene Arbeitnehmer angezeigt.

Um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern, zahlten Bund und Länder im ersten Aufschlag 77,44 Millionen Euro Soforthilfen und dann noch einmal 109,23 Millionen Euro an die Unternehmen und Selbstständige im Kreis Unna. Nach Bönen sind insgesamt 8,06 Millionen Euro geflossen. Darin enthalten sind die November-Hilfen, die im Herbst 2020 angekündigt wurden.

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