Ruhiger Sonntag, chaotischer Montag

So viel Schnee: Straßenwärter Sammy Kader erzählt von der Arbeit im Winterdienst

Manche Straßen ist Sammy Kader mit seinem Streuwagen allein am Montag 25 Mal entlanggefahren.
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Manche Straßen ist Sammy Kader mit seinem Streuwagen allein am Montag 25 Mal entlanggefahren.

Jede Menge Kritik mussten sich die Schneeräumer in diesen Tagen anhören. Zu spät, zu langsam, nicht gründlich genug. Ungerechtfertigt sei das meiste, meint Sammy Kader. Der 53-jährige Bönener ist Straßenwärter beim Bauhof des Kreises Unna, also direkt getroffen von der Kritik. „Wir und die Bauhöfe der Kommunen haben einen guten Job gemacht“, sagt er. Die Situation sei allerdings extrem gewesen: „Viel Schnee, viel Wind, viel kalt“, bringt es Kader auf den Punkt. Auch er, immerhin seit über 36 Jahren im Job, erlebte eine solche Wetterlage zum ersten Mal.

Bönen – Am Donnerstag vor elf Tagen ging es los. „Da war ja schon die Rede vom Unwetter, von Sturm, viel Schnee und einer Kaltfront ab dem Wochenende“, erzählt er. Da wollte es nur noch kaum jemand glauben. „Witziger Kommentar – der Schneemann mit Aluhut und dem Plakat: Es gibt keinen Schnee“, zeigt Kader sein Smartphone mit dem Bild. Die Bauhöfe aber greifen auf einen sehr differenzierten Bericht des Deutschen Wetterdienstes in Essen zurück, der im Halbstundentakt gefaxt wird. Kaders Unimog wurde umgerüstet. Statt der Wallheckenschere trug das Allzweckfahrzeug von da an einen Schneepflug, einen Streuautomaten samt Trichter und Soletanks.

Am Freitag wurde noch normal Dienst geschoben. „Für Samstag haben wir uns dann für 17 Uhr im Bauhof verabredet.“ Der Plan war: Die Kreisstraßen schon mal vor zu streuen. „Damit der Schnee vielleicht gar nicht erst zusammenpappt“, erklärt der Bönener. Um 19 Uhr ging es erst einmal nach Hause. Die Mannschaft des Bauhofs, wegen Corona sowieso in zwei Gruppen aufgeteilt, hatte nun abwechselnd Bereitschaft von 4 bis 20 Uhr. Kader zunächst von Sonntag bis Dienstag.

Siyphusarbeit am Sonntag

Per Handy-Video dokumentierte der Bönener den Sonntagmorgen mit jungfräulichem Schnee. „Ich hab mir dann die Kinderfrage gestellt: ‘Wie kommt der Mann, der den Schneepflug fährt, bei Schnee zur Arbeit?’“ Antwort: Ganz langsam.

Erst einmal musste der Van freigeschaufelt werden. Dann ging es für Kader über die Autobahn zur Florianstraße an der Bundesstraße 1. „So 30, 40 km/h. Die Autobahn war sicherer wegen der Gefahr steckenzubleiben. Der Räumdienst arbeitet 24 Stunden.“ Salz wurde geladen, Sole getankt. „Trockensalz taut bis minus sieben Grad, mit der Sole funktioniert es bis maximal minus 14 Grad“, erklärt der Fachmann.

Wie kommt der Mann, der den Schneepflug fährt, zur Arbeit? Sammy Kader sagt: Ganz langsam.

Dann ging es los für ihn los in den Streubezirk über Heeren-Werve, Lünern, B1 und Ostbürener Straße den Haarstrang hoch und zurück. „Wir haben nur geschoben, streuen wäre wegen des Windes sinnlos gewesen. Wir haben ja die Verwehungen ständig wieder neu weggeschoben, das Salz wäre also auch am Straßenrand oder im Graben gelandet“, erklärt Kader eine Art Sisyphusarbeit am Sonntag. „Gott sei Dank“ sei wenig Verkehr gewesen. „Die Schneewehen waren tückisch, weil man sie in der weißen Landschaft nicht ausmachen konnte“, erzählt der Bönener. „Einmal ist eine Frau wohl deswegen direkt reingefahren“, berichtet er: „Ist aber nichts passiert.“

Langsam fahren - auch zur Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer

Am Tag darauf mit ausgefallenen Zügen und Bussen, Berufsverkehr und Lkw sei die Situation chaotisch gewesen. Kader kann verstehen, dass jeder schnell vorankommen wollte. „Aber unsere Fahrzeuge räumen mit 30 km/h. Das ist einmal sicherer für uns, aber auch für Pkw. Wenn ich mit knapp 20 Tonnen, voll beladen, ins Rutschen komme, dann siehst du schnell das Weiße in den Augen des Gegenverkehrs.“

Er wünschte sich mehr Rücksicht, manchmal sei es eben eng. „Als ich einen in einer Schneewehe festgefahrenen Lkw freischaufeln wollte, hat sich die Autoschlange direkt an mich gehängt, um vorbeizukommen. Da war dann nichts mehr möglich für mich. Dabei hätten doch alle etwas davon gehabt, wenn ich die Straße richtig frei geräumt hätte. Außerdem sollte doch mein orangenes Blinklicht und die Farbe des Wagens an sich zur Vorsicht und Abstand mahnen.“

Selbst aus dem Schnee schleppen, dürfe er einen Laster nicht. „Da hab ich auch keine Zeit beim Räumen. Manche Straßen bin ich am Montag bis zu 25 Mal gefahren. Und der Unimog schafft auch gar keine voll beladenen Lkw“, sagt Kader.

Die Stunden auf dem Fahrzeug schlauchen

Die „Not“ der Anwohner angesichts der Schneemassen war so groß, „dass mir da plötzlich morgens im Dunkeln einer vor die Schaufel gesprungen ist“, erzählt der Straßenwärter. „So nach dem Motto, du musst erst mal bei uns räumen. Am besten sind die Sprüche: ‘Ich bezahl dich ja schließlich’, weil wir ja öffentlicher Dienst sind.“ Mondscheinspaziergänger drohten außerdem zugeschüttet zu werden. Dabei sei sein Fahrzeug doch wirklich nicht zu übersehen.

Der Unimog vom Sammy Kader wurde umgerüstet, erhielt Schneepflug, Streuautomat und Soletank

Als positiv machte Kader aus, dass es nur wenige Unfälle gegeben hätte. „Der Schnee hat es ja signalisiert. Es war ja offensichtlich glatt. Die meisten sind vorsichtig unterwegs gewesen. Einige konnten es natürlich nicht lassen, uns zu überholen.“

Auch der Bönener kannte diese Masse an Schnee, den echten Winter mit seinen Tücken bisher nicht. „Aber wir haben vor zwei Jahren tatsächlich einmal ein Fahrsicherheitstraining gemacht“, erinnert er. Da habe er gemerkt, was nur fünf km/h pro Stunde in der Reaktion eines voll beladenen Fahrzeuges auf schlüpfrigem Untergrund ausmachen. Mit Respekt sei auch er mit seinem Unimog unterwegs. Wie anstrengend die Arbeit gewesen sei, habe er erst nach dem Wochenende gemerkt. „Da war ich richtig kaputt“, beschreibt Kader.

Man fühlt sich Disco

Apropos Blinklicht: Im Dunkeln reflektieren die Schneeflocken das orangene und das normale Licht der Scheinwerfer. Das ist wie Disco. „Wenn du nach der Schicht deinen Bericht ausfüllst, siehst du tatsächlich auch auf dem weißen Papier dieses Discolicht.“

Aber er macht den Beruf gerne. „Man erlebt die Natur das ganze Jahr über, die Jahreszeiten sind hautnah“, sagt der 53-Jährige. Hat der Hobbyfotograf frei, nutzt er die Sonne und den Schnee, um ein paar schöne Fotos zu schießen. Ab Dienstag wird er wieder für den Bauhof unterwegs sein, zu den normalen Arbeitszeiten von 7 bis 16 Uhr.

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