Selbsttest: Wie fair kaufen die Bönener ein?

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Kaufmann Adam Karwoth und WA-Redakteurin Sabine Pinger auf der Suche nach Gerechtigkeit: Bei Rewe gibt es einige faire Alternativen zu herkömmlichen Produkten.

Bönen - Nach dreijähriger Vorbereitung hat es die Gemeinde geschafft: Seit vergangener Woche ist Bönen offiziell „Fairtrade-Town“.  Doch wie fair ist Bönen tatsächlich? Ein Einkaufstest zeigt dazu Erstaunliches.

Samstag ist mein Einkaufstag. Dieses Mal ziehe ich zwei Wagen aus der überdachten Wagenbox, einen für herkömmlich, einen für gerecht gehandelte Produkte. Ich möchte wissen, welche fairen Projekte ich beim Discounter finde, und wie groß der Preisunterschied zur „normalen“ Variante ist. 

Den ersten Fund mache ich direkt hinter dem Eingang in der Obstabteilung. Bananen – natürlich! Die sind bei Lidl nicht nur „Bio“ und „Fair“ sondern zudem nur mit einer Banderole versehen und nicht zusätzlich in Folie verpackt. Teurer sind sie allerdings – 1,59 statt 1,09 Euro. Die größte Auswahl an Fairtrade-Waren finde ich einen Gang weiter bei den Süßigkeiten. Zugunsten der Figur beschränke ich mich bei dem Testeinkauf auf zwei Tafeln Schokolade, Zartbitter für 0,99 Cent und Chili für 1,09 Euro. Beide wiegen 125 Gramm. Die Milka-Tafel ist mit 100 Gramm leichter und kostet ebenfalls 99 Cent.

Faire Kirschtorte

 Auch Kekse landen im Korb, Cranberry-White-Cookies für 99 Cent. Damit sind sie sogar 30 Cent günstiger als eine Packung der gleichen Sorte, auf der das Fairtrade-Siegel fehlt. Passend dazu wandern Kaffee, Tee und Kakao im Tetrapack in meinen „fairen“ Wagen, dann Organgensaft, Pfefferkörner, Rot- und Weißwein aus Südafrika und zehn langstielige Rosen. 

Bei den Backzutaten entdecke ich Schokostreusel und Stracciatella-Creme, die zumindest das UTZ-Siegel tragen. Das gilt auch für das Schoko-Müsli, die Schoko-Cerialien und den Backkakao. Dabei habe ich als Kunde gar keine andere Wahl – der Discounter bietet dazu keine Alternative an. Das gilt ebenso für Rohrzucker und die sechs Eis-Waffeltüten mit Schokolade. Sie haben das Fairtrade-Siegel.

Bio und fair produziert - auch das geht.

Auf die Schwarzwälder-Kirschtorte aus der Kühltruhe verzichte ich trotz entsprechender Kennzeichnung dann doch und mache mich auf zur Kasse. 20 Artikel lege ich auf das Kassenband und bin überrascht: 40,97 Euro möchte die Verkäuferin für die fairen Produkte von mir haben, für die vergleichbaren, herkömmlichen Lebensmittel muss ich 41,23 Euro zahlen, 26 Cent mehr! Damit habe ich nicht gerechnet.

Rewe-Inhaber will nachbessern

Ist das Zufall? Liegt es an den Produkten? Oder daran, dass der Discounter nunmal günstige Preise anbietet? Das gilt es herauszufinden. Montagmorgen wiederhole ich deshalb mein Experiment im Rewe--Markt. Meine Recherche im Geschäft füllt meinen Einkaufswagen jetzt mit zwölf Produkten. 

„Da muss ich sicher noch nachbessern“, räumt Inhaber Adam Karwoth angesichtes der etwas mageren Ausbeute ein. Vor allem sein Angebot an Produkten der Firma GEPA, dem größten europäischen Importeur fair gehandelter Lebensmittel, will er unbedingt wieder auffüllen. Noch sei die Nachfrage in seinem Geschäft danach jedoch nicht sonderlich hoch. „Es gibt Kunden, die ganz bewusst diese Produkte kaufen, um den Fairtrade-Gedanken zu unterstützen“, weiß der Kaufmann. 

Er habe aber den Eindruck, dass viele Kunden überhaupt nicht wissen, wofür das Fairtrade-Siegel steht. Das will ich jetzt aber genau wissen. Ich spreche zehn Kunden an und zeige ihnen das bekannte grün-schwarz-blaue Zeichen auf der Kaffeeverpackung. Tatsächlich wissen nur zwei von ihnen, eine junge Frau und ein Mann, auf Anhieb, was das Siegel bedeutet. 

Viele wissen nicht, wofür das Siegel steht

Fünf Kunden geben an, dass sie keine Ahnung davon haben, wofür es steht. Eine der Fünf, eine junge Mutter, hat aber immerhin eine Schachtel Kekse im Einkaufskorb, die das Fairtrade-Label trägt. Eine Frau mittleren Alters vermutet, dass es für geförderte Projekte im Regenwald steht, ein anderer Käufer denkt dabei an Umweltschutz. Schon recht nah dran. Schließlich wird ein Großteil der Fairtrade-Produkte nach ökologischen Standards produziert.

Erstaunt bin ich, dass der Instant-Kakao der Rewe-Eigenmarke Ja (800 Gramm für 1,29 Euro) fair ist und bezogen auf die Menge weniger kostet als „Kaba“ (500 Gramm für 1,29 Euro). Überhaupt müsste ich bei meinen Einkäufen mehr auf die Mengen sehen, stelle ich fest. Nicht alles lässt sich nämlich eins zu eins vergleichen, Packungsgrößen unterscheiden sich. 

Die Discounter bieten inzwischen eine große Palette an fairen Produkten an.

Bei Lidl gibt es zum Beispiel ganze Pfefferkörner in der 100-Gramm-Tüte nur „fairtrade“, „normalen Pfeffer“ lediglich gemahlen in der 50-Gramm-Plastikdose. Und dann kommt es auf die Geschmäcker an. Gerade bei Kaffee gehen die bekanntlich auseinander. Beim Discounter liegt die faire Variante mit 9,49 Euro zwischen der Eigenmarke mit 6,99 Euro und Melitta für 12,40 Euro. Bei Rewe gibt es dagegen viel mehr Sorten – sowohl herkömmlich als auch fair produzierte. Ich vergleiche zwei „Crema-Angebote“, einmal den Faire-Welt-Kaffee für 13,49 Euro pro Kilogramm und einmal Melitta Bella Crema – passend zum Lidl-Kauf – für 12,99 Euro je Kilogramm. 

Die Rechnung für meinen „gerechten“ Einkauf beträgt am Ende 49,84 Euro. Allerdings sind darin feinste rote Bio-Linsen für 4,29 Euro enthalten, das Müller-Pendant kostet 1,79 Euro. Für die konventionell hergestellten Lebensmittel weist der Kassenbon 45,39 Euro aus. Lasse ich die Luxus-Linsen und vielleicht noch den Bio-Couscous weg und bleibe bei zehn Standard-Produkten wie Honig, Tee, Kaffee, Kaffeepads, Milch, Kekse, Eiskrem, Kakao, Rohrzucker und Schokolade dann beträgt der Unterschied lediglich 45 Cent. Zuwenig also, um nicht wenigstens zu vergleichen.

Bei manchen Produkten ist es aber auch Einstellungssache. Beim Wein zum Beispiel. Wer gerne einen südafrikanischen Tropfen trinkt, freut sich vielleicht über eine faire Alternative. Aber natürlich werden deutsche und europäische Weine sowieso gerecht produziert – auch ohne Siegel – und müssen nicht erst rund um den Erdball transportiert werden. 

Deutscher Honig deckt nur 20 Prozent des Bedarfs

Und beim Honig? „Der Honig von heimischen Imkern reicht lediglich, um 20 Prozent des Bedarfs hierzulande zu decken. Mehr schaffen die deutschen Bienen einfach nicht“, erklärt Manfred Holz, Fairtrade-Ehrenbotschafter. Dann lieber doch auf ein Siegel achten!

Selbst bei heimischer Milch hat der Verbraucher die Wahl. Im Rewe-Regal steht „Faire Milch“. „Bei ‘fair’ geht es nicht nur um Produkte aus Übersee“, sagt Adam Karwoth. Es sei ja auch wichtig, dass die deutschen Bauern für die Milch fair bezahlt werden. Adam Karwoth ist auf jeden Fall offen dafür, sein Sortiment in Sachen Fairtrade zu erweitern. 

„Wir bekommen eine Handvoll Fairtrade-Produkte über die Rewe, den Rest bestellen wir direkt beim Lieferanten. Wenn also jemand ein spezielles Produkt haben möchte, soll er uns gerne ansprechen. Wir können es bestellen.“ Klar, Angebot und Nachfrage bestimmen den Markt. Und das gilt genauso für Fairtrade. Nachfragen lohnt sich. Und die Schokolade, die einen Beitrag dazu leistet, dass andere Menschen besser leben können, schmeckt mit diesem Gedanken gleich nochmal so gut.

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