Andreas Hunke über Homeschooling, Absentismus und Elternrolle

Schulpsychologe: Einzelne Kinder bleiben auf der Strecke

Das Lernen zu Hause stellt alle Beteiligten und damit auch die Lehrkräfte vor große Herausforderungen – und es sorgt dafür, das aktuell weniger Anfragen bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle eingehen. 
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Das Lernen zu Hause stellt alle Beteiligten und damit auch die Lehrkräfte vor große Herausforderungen – und es sorgt dafür, das aktuell weniger Anfragen bei der Schulpsychologischen Beratungsstelle eingehen. 

Die Corona-Pandemie versetzt Schule und Schüler in einen Ausnahmezustand, Eltern stehen bei der Betreuung und Begleitung ihre Kinder vor besonderen Herausforderungen. Da müsste man meinen, in der Schulpsychologischen Beratungsstelle für den Kreis Unna herrscht gerade Hochbetrieb. Tut es aber nicht, berichtet dessen Leiter Andreas Hunke im Gespräch mit WA-Redakteur Jürgen Menke. Und das bereitet dem 57-jährigen Diplom-Psychologen durchaus Sorgen.

Sie zählen im Schnitt rund 435 Beratungen pro Schuljahr, im Schuljahr 2019/20 waren es erkennbar weniger. Woran liegt’s?
Hunke: Das hat natürlich mit Corona zu tun, wobei man die Zeit in unterschiedliche Phasen einteilen kann. Ab den ersten Schulschließungen am 16. März 2020 wurde der Beratungsbedarf, der bei uns aufläuft, deutlich geringer. Nach dem Sommer zog es dann langsam wieder an, zurzeit ist die Nachfrage wieder auf geringerem Niveau.
Wie erklären Sie sich das?
Ich glaube, dass viele Beteiligte damit beschäftigt sind und waren, sich selbst in dieser neuen Situation überhaupt erst einmal zurechtzufinden, und das auch ganz praktisch. Alle Routinen, alle geregelten Abläufe hatten plötzlich keinen Bestand mehr. Man musste sich völlig neu orientieren. Lehrer etwa mussten Unterrichtsmaterialien so gestalten, dass Schüler damit auch alleine zurechtkommen. Auch wir selbst waren und sind herausgefordert, uns neu auszurichten, indem wir uns auf neue Bedarfe vorbereiten und die Umwandlung vieler unserer Angebote in eine digitale Form weiter vorantreiben.
Aber die Probleme in den Familien werden in Pandemie-Zeiten doch nicht weniger, wohl eher mehr …
Das haben wir auch befürchtet, und das ist auch teilweise eingetroffen. Wir haben zum Beispiel den Eindruck, dass Anfragen zum Thema Absentismus zum Ende des vergangenen Jahres deutlich zugenommen haben gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Andreas Hunke, Leiter Schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna Bergkamen Bönen

Schule ist für viele Gewohnheit.

Absentismus meint das Fernbleiben von der Schule und vom Unterricht – etwa aus Angst vor Mobbing oder Überforderung.
Genau. Es gibt Kinder, die grundsätzlich größere Ängste haben, zur Schule zu gehen. Ihnen hilft die Alltagsstruktur dabei, diese Ängste zu überwinden. Sie besuchen den Unterricht, obwohl sie sich vielleicht nicht ganz so wohlfühlen. Die Pandemie hat diese Alltagsstruktur aber in Teilen aufgebrochen – und auch deshalb hat sich für manche Schüler eine Situation ergeben, die sie psychisch stark belastet. Sie können sich dann nicht mehr auf die schulischen Anforderungen einlassen.
Das heißt: Wenn der Präsenzunterricht wieder beginnt, haben Schüler vielleicht schon den Bezug zur Schule verloren ...
Für viele ist Schule eine Gewohnheit. Man geht einfach hin, weil es so ist, weil es alle tun. Wenn die Gewohnheit abgeschwächt ist, wird es gerade für Kinder mit Ängsten schwieriger, diese wieder aufzunehmen.
Wie können Sie helfen?
Unsere Beratungsleistung besteht am Anfang darin, genau zu identifizieren, welche Faktoren bei Absentismus überhaupt eine Rolle spielen. Manchmal sind das individuelle, in der Persönlichkeit liegende Dispositionen wie etwa Leistungsängste, manchmal ungünstige Bedingungen wie ein schlechtes Klassenklima oder eine Mobbing-Konstellation. Es gibt auch Fälle, in denen Kinder in ihrer Fantasie glauben, nicht aus dem Haus gehen zu dürfen, weil sie darauf aufpassen müssen, dass ihren Geschwistern oder Eltern nichts passiert. Das geht schon in die psychiatrische Richtung.

Diplom-Psychologe Andreas Hunke (57 Jahre)

Diplom-Psychologe Andreas Hunke leitet die Schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna seit fünf Jahren. Zuvor arbeitete der Vater eines Kindes längere Zeit in einem Förderinstitut für Mädchen und Jungen mit Lese-Rechtschreib-Schwäche. Durch Corona habe die Digitalisierung der Beratungsstelle einen deutlichen Schub erfahren, erzählt Hunke. Beratungen fänden teils per Videokonferenz statt, mittlerweile würden videogestützte Fortbildungen für Lehrkräfte angeboten, zuletzt sei etwa auch ein 30-minütiger Film zur Rechenförderung gedreht worden, der Eltern und Lehrkräften zur Verfügung stehe.

„Man darf nichts unversucht lassen, Lernrückstände nicht zu groß werden zu lassen.“

Absentismus ist bei Ihnen einer der meistgenannten Anmeldegründe. Wer sucht eigentlich häufiger Hilfe: Schüler, Lehrer oder Eltern?
Dass Schüler sich von selbst melden, kommt vor, ist aber vergleichsweise selten. Wir versuchen aber immer, die Beratung als einen gemeinsamen Problemlösungsprozess zu begreifen. Dazu gehört auch, dass Eltern und Lehrer mit uns gemeinsam das Erstgespräch bestreiten. Jeder schildert das Problem aus seiner Sicht. Aber es kann auch vorkommen, dass zum Beispiel ein Lehrer ein aggressives Verhalten eines Schülers als problematisch einstuft, die Eltern aber sagen: Wir finden es gut, dass sich unser Kind durchsetzt. Zumeist, doch nicht immer, gelingt es in der Beratung, ein gemeinsames Ziel zu definieren und sich darauf zu verständigen, wie es erreicht werden kann.
Was raten Sie Eltern, wenn sie eine Teilleistungsschwäche wie LRS oder Dyskalkulie bei ihrem Kind vermuten: Sollen sie jetzt aktiv werden oder warten, bis sich der Schulalltag normalisiert hat?
Ich rate auch hier dazu, sich frühzeitig zu melden. Schon die Zeit im Lockdown oder vielleicht später im Hybridunterricht kann sinnvoll genutzt werden. Dem Kreis Unna sei Dank sind wir technisch gut ausgestattet und können zum Beispiel auch Videokonferenzen unter Einhaltung datenschutzrechtlicher Bestimmungen anbieten. Die Sorge, dass ganze Bildungsbiografien durch die Pandemie verpfuscht werden, habe ich anfangs nicht geteilt. Mittlerweile denke ich aber, man darf nichts unversucht lassen, um eventuelle Lernrückstände nicht zu groß werden zu lassen.
Ist die Pandemie für Schüler, die in der Schule gemobbt werden, auch ein Segen?
Der Lockdown schafft diesen Schülern sicherlich Erleichterung. Aber er löst nicht das Problem, denn irgendwann geht es ja doch wieder in die Schule. Was aber auch nicht außer Acht gelassen werden darf, ist die Frage, wie viel Cybermobbing gerade virulent ist. Wir wissen es schlicht nicht und können nur hoffen, dass es nicht noch mehr geworden ist. Im Internet ist zumeist kein Korrektiv durch Erwachsene möglich.

Am besten ist ein geregelter Tagesablauf

Homeschooling – wie gelingt das aus Ihrer Sicht am besten?
Durch einen strukturierten Tagesablauf mit festen Arbeitszeiten und fester Freizeit. Diese Zeiten zu definieren und ihre Einhaltung einzufordern, ist eine große Herausforderung, die vor allem auf den Eltern ruht. Dem Schulalltag ist durch Corona die Struktur genommen worden. Es ist ja so: In der Schule greifen alle wie selbstverständlich zum Arbeitsblatt. Jetzt müssen die Kinder das aus sich selbst heraus machen oder auf Anweisung der Eltern. Da ist auch Opposition viel leichter. In der Schule lernen oder zu Hause – das ist nicht dasselbe, es ist für die Kinder daheim viel schwieriger. Sie bekommen weniger Resonanz und ihnen fehlt auch mal das aufmunternde Lob der Lehrkraft. Die Anerkennung der Lehrkraft hat noch einmal ein ganz besonderes Gewicht.
Bleiben einzelne Kinder im Homeschooling auf der Strecke?
Mit Sicherheit: ja. Es gibt Kinder, die das Glück haben, über ein eigenes Zimmer mit guter technischer Ausstattung zu verfügen, und Eltern haben, die ihnen bei schwierigen Dingen oder auch nur beim Begreifen von Aufgabenstellungen helfen können. Andere Kinder haben diese Bedingungen nicht. Wir rechnen fest damit, dass die Schere zwischen den eher privilegierten und den weniger privilegierten Kindern weiter auseinandergeht. Das wird eine schulische Herausforderung sein, diese Lücke nach der Coronazeit wieder zu schließen.

Fragen nach dem Wohlergehen sind Gold wert

Was können Lehrer tun, damit Kinder gut durch die Corona-Zeit kommen?
Da gibt es zwei Aspekte. Zunächst den sozialen: Wir glauben, dass es gut und hilfreich ist, wenn Lehrkräfte regelmäßigen persönlichen Kontakt zum Schüler aufrecht erhalten – telefonisch, per Mail, Brief oder auch Videokonferenz. Es muss darum gehen, dass die Bindung zur Schule so wenig wie möglich verloren geht. Die Schülerinnen und Schüler müssen immer das Gefühl haben: Ich bin Teil der Klasse, Teil dieser Schule. Das gilt besonders für Kinder bis zu Klasse fünf, sechs. Zu fragen, wie es ihnen geht, ist Gold wert.
Und der andere Aspekt?
Es ist gut, wenn Lehrkräfte regelmäßig die Perspektive der Schüler einnehmen und sich auf fachlich-didaktischer Seite zum Beispiel darum bemühen, verständliche Aufgaben zu stellen. Auch das Angebot einer Telefon-Sprechstunde zur Klärung offener Fragen kann sinnvoll sein. Das kommt gerade den Kindern entgegen, die zu Hause nicht so die Unterstützung erfahren. Dieses Angebot muss aber niederschwellig formuliert sein.
Wird Ihnen bange, wenn Sie an das Ende von Corona denken?
Bange ist nicht das richtige Wort. Ich bin aber in gewisser Sorge, welche Spuren das alles hinterlässt. Schulabsentismus wird ein Thema bleiben und sich möglicherweise verstärken. Wichtige Fragen werden auch sein, wie groß die Leistungslücken sind und was wir mit den Kindern machen, bei denen diese Lücken so groß sind, dass die Lernmotivation abnimmt oder die Schullaufbahn wirklich einen Knick bekommt. Für diese Kinder müssen Ressourcen bereitgestellt werden.

Kontakt zur Schulpsychologische Beratungsstelle

Die Schulpsychologische Beratungsstelle für den Kreis Unna wird vom Kreis Unna und dem Land NRW finanziert. Eröffnet wurde sie 2008. Die Beratungen sind freiwillig, kostenfrei und vertraulich. Die Beratungsstelle ist während des Lockdowns telefonisch und per E-Mail an schulpsychologische-beratungsstelle@kreis-unna.de erreichbar. Zuständig für Schulen in Bergkamen, Kamen, Lünen, Selm, Werne ist das Team Nord, Tel. 02303/27-6540. Das Team Süd (Bönen, Fröndenberg, Holzwickede, Schwerte, Unna) hat die Nummer 02303/27-7540. In Teams arbeiten jeweils drei Fachkräfte. Die Wartezeit für Beratungen liegt zurzeit bei rund drei Wochen.

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