Schocknachrichten aus der Heimat: Libanesische Familie verfolgt Katastrophe von Beirut im TV

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Dalia Abdallah und Atef Awada verfolgen seit der verheerenden Explosion in Beirut täglich die Berichterstattung im TV – hier den Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Libanon, der schnelle Hilfe versprach.

Bönen/Beirut – Seit die Bilder von den verheerenden Explosionen in der libanesischen Hauptstadt Beirut um die Welt gehen, stehen Dalia Abdallah und ihr Mann Atef Awada unter Schock. Seit Tagen verfolgen sie vor dem Fernseher die Nachrichten über die Katastrophe, die ihre Heimat getroffen hat.

„Die ersten Stunden waren besonders schlimm“, berichtet Atef Awada, der seit einem Jahr mit seiner Frau und seinen beiden zehnjährigen Söhnen Jad und Hadi in Bönen lebt. „Wir versuchten verzweifelt, unsere Familien und Freunde zu erreichen, um zu erfahren, ob sie die Explosion überlebt haben, weil Internet und Telefonleitungen zusammengebrochen waren.“ 

Inzwischen wissen sie, dass nahe Angehörige und Freunde nicht unter den bis dato 137 Toten, rund 150 Vermissten und mehr als 5000 Verletzten sind. „Das sind die vorläufigen Zahlen, aber die werden sicher noch steigen“, ist sich Atef Awada sicher. Denn immer noch sei unklar, was mit vielen Menschen passiert ist. Die sozialen Netzwerke seien voll davon. „Familien suchen verzweifelt nach ihren Angehörigen, weil sie nicht wissen, ob sie noch leben.“ 

Ihre Brüder erlebten die Detonation in der Stadt

Die libanesische Familie, die in Deutschland einen Asylantrag gestellt hat, weil sie vor den Repressalien der Hisbollah geflohen ist, muss glücklicherweise keine Todesopfer in Beirut beklagen, wie sich mittlerweile herausgestellt hat. „Meine beiden Brüder waren zum Zeitpunkt der Explosionen auch in der Stadt unterwegs“, erzählt Dalia Abdallah, die mit ihrer Familie in Beirut gelebt hat. 

Der eine habe später von der extremen Hitze berichtet, die er plötzlich spürte, dann erfasste ihn ein starker Sog nach hinten, anschließend wurde er von der Druckwelle nach vorne geschleudert. Er blieb wie durch ein Wunder unverletzt. „Mein anderer Brüder arbeitet in einer Einkaufsmeile. Dort platzten alle Glasflächen und zersplitterten. Er ist Gott sei Dank unverletzt“, sagt Dalia Abdallah, die mit den Menschen in ihrer Heimat fühlt, die die Katastrophe so schwer getroffen hat. 

300 000 Menschen obdachlos

Sie weinte vor dem Fernseher, als sie immer wieder die Bilder der gewaltigen Detonation sah, die ihre Heimatstadt zu einem großen Teil zerstört hat. Über 300 000 Menschen sind obdachlos, weil die Explosionen ganze Gebäude komplett zerstört haben oder zumindest Glasfassaden und Fenster barsten. 

Nach wie vor wird in der libanesischen Hauptstadt Beirut nach Vermissten und Toten gesucht. Mehr als 300 000 Menschen sind nach der Detonation obdachlos.

Das erste, was ihr Sohn Jad zu ihr sagte, als sie die schrecklichen Bilder sahen, war: „Mama, wir haben Glück, dass wir in Deutschland sind.“ Dafür seien sie tatsächlich sehr dankbar, betont Dalia Abdallah und hofft, dass die deutschen Behörden sie und ihre Landsleute, die auf Asyl in Deutschland hoffen, nicht zurückschicken werden. „Das hätte uns auch treffen können, wenn wir nicht nach Deutschland gegangen wären, denn wir haben mitten in Beirut gewohnt.“ 

Nach mehr als 40 Jahren, in denen sein Land nicht zur Ruhe kommt, die Bevölkerung unter Bürgerkrieg und Bombardierungen leidet, sei der Libanon zuletzt vom Währungsverfall und schließlich der Corona-Pandemie gebeutelt worden. „Und nun diese schreckliche Katastrophe“, sagt Atef Awada. Wie es weiter gehen soll, nachdem die halbe Stadt in Schutt und Asche liegt und so viele Menschen tot oder verletzt sind, sei ungewiss. 

Menschen fordern Macron auf: Schicken Sie kein Geld

Besonders aufmerksam verfolgte die Familie die Berichte über den Besuch des französischen Staatspräsidenten Macron, der Beirut am Donnerstag besuchte. Der verkündete nicht nur schnelle Hilfe und Solidarität, sondern ging auch zu den Menschen auf der Straße und sprach mit ihnen. 

„Die Menschen in Beirut haben ihm zugerufen, Hilfsmittel, aber kein Geld zu schicken, weil das in den Taschen der korrupten Regierung verschwinde und nie bei ihnen ankommen wird“, übersetzt Atef Awada die Live-Bilder der Nachrichtensendung. „Wir brauchen vor allem Sicherheit und Stabilität.“

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