Schiffswerft im Keller: Hobby-Konstrukteure suchen Verstärkung

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Ein amerikanisches Küstenwachboot baut Christian Obser zur Zeit in seiner „Modell-Werft“ im Keller nach. Der Stapellauf soll demnächst am Gemeindeteich erfolgen.

Bönen Sie tüfteln mit verschiedenen Materialien und bauen auch mal einen Rollstuhlmotor zum Antrieb um. Fertige Formen sind nicht so ihr Ding. Die Mitglieder der Bönener  Schiffsmodellbau-Interessengemeinschaft haben jede Menge Fantasie und Geduld  und suchen Gleichgesinnte, die bei ihnen mitmachen wollen. 

Rührstäbchen aus Holz werden zu Zargen von Türen, der Motor eines elektrischen Rollstuhls treibt ein Schaufelrad an, das Werbetafelmaterial Alu-Dibound wird zum Achterdeck. „Und hier, das sind Kabel mit denen eigentlich Alarmanlagen verdrahtet werden“, sagt Christian Obser. „Die dünnen Litzen sind hervorragend geeignet, die Beleuchtung anzuschließen. Wir verbauen in unseren Modellen einiges, was sonst in der Tonne landet.“ 

Der Bönener ist der Verdrahtungsspezialist der jungen Schiffsmodellbau-Interessengemeinschaft. Die Fantasie bei der Ausgestaltung der Modelle gibt Ehefrau Manuela dazu. Während Stefan Pieruschka der Perfektionist in der Runde ist. Dieses Schubladendenken passt aber nicht wirklich. 

„Wir helfen uns gegenseitig, suchen Problemlösungen und entwickeln Ideen“, so Pieruschka. Ziel ist immer, die Schiffe aus dem Trockendock im Bastelkeller vom Stapel zu lassen. Und zwar auf dem Gemeindeteich. 

Beim Fest zum Gemeindejubiläum hatten die drei und die beiden Obser-Zwillinge Marco und Marius (14) ein großes Publikum bei ihrer Schiffsparade. Aber auch bei normalen Ausfahrten, meist am Sonntag, bekommen wir Rückmeldung von Groß und Klein“, sagt Christian Obser. Unter sich sind sie ein halbes Jahr nach der Gründung ihrer IG trotzdem noch.

„Ich betreibe das Hobby schon seit 30 Jahren“, sagt der 49-Jährige. Er kommt von der Nordsee, verbrachte die Kindheit und Jugend in Cuxhaven, ging danach des Berufs wegen nach Hamburg. Mit den großen Pötten hat er dennoch nichts zu tun – er ist Lkw-Fahrer. 

Auch Stefan Pieruschka hat beruflich nichts mit Seefahrt zu tun. Er kam über seinen Vater Siegfried zum Hobby, verdient sein Geld als Wagenpfleger. Das makellose Äußere seines Vollholzkutters Möwe deutet daraufhin. 

Von der Waterkant zurück zur Seseke 

Manuela Obser ist gebürtige Bönenerin und kehrte vor sechs Jahren von der Waterkant an die Seseke zurück. Mit brachte die 45-Jährige nicht nur Mann und Kinder, sondern eine neue Leidenschaft: „Ich wollte zeigen, dass Frauen das auch können“, sagt sie resolut. 

Und nicht nur das. Bausätze oder Modelle, die die anderen auch schon gebaut haben, seien nicht ihr Ding. Ohne Bauplan entwickelte sie die Hexe, „einen Schaufelraddampfer mit Hausbootaufsatz beschreibt sie ihr Werk.“ Angefangen hatte sie mit dem reinen „Fantasieboot“ schon in Hamburg. „Ich war schon gespannt, ob es überhaupt schwimmt und wie die Wasserlage ist.“

Tief genug aber nicht zu tief soll die Hexe eintauchen. Möglich machen das vier große, schwere Bleigel-Akkus. „Die sind eigentlich überdimensioniert, mit denen könnte die Hexe tatsächlich mindestens zwei Tage ihre Runden drehen“, erklärt Pieruschka. Kennengelernt haben sich die drei, die sich als „Autoschrauber auf dem Wasser“ bezeichnen vor drei Jahren im Airbrushladen an der Poststraße. Seitdem sind sie befreundet. 

Letzte Handgriffe vorm Stapellauf Stefan Pieruschka, Christian und Manuela Obser sonntags am Gemeindeteich.


Pieruschka hat von seinem Vater zahlreiche Modelle übernommen, darunter seltene aus den 70er und 80-er Jahren wie die Seastar. Seinen Kutter baute er in 100 Stunden aus einem Bausatz zusammen. „Ich baue aber auch nach Bauplänen“, sagt er. Von denen hat Christian Obser mehr als 120. „Ich habe die von einem Modellbauer, dessen ‘Werft’ abgebrannt ist, übernommen.“ 

Zudem besorge er sich auch Originalzeichnungen von Werften. „Wenn man nett anfragt, ist das kein Problem.“ Das Schlachtschiff Bismarck baute er mit Unterlagen von Blohm und Voß nach. Er besitzt das über fünf Meter lange Modell an dessen drei Segmenten er fünf Jahre baute, nicht mehr. „Ein amerikanischer Architekt sah es auf den Hamburger Modellbautagen und wollte es unbedingt haben“, erzählt Obser. „Ob es noch in seinem Büro steht, weiß ich natürlich nicht.“

Jede Menge neuer Projekte

Obsers neuestes Projekt ist ein amerikanisches Küstenwachboot. Dafür hat er nur ein Papiermodell gehabt. „Dann hab ich mir Bilder angeguckt und entdeckt, dass die Rumpfform eine andere ist.“ Balsaholz und Epoxydharz halfen bei der Korrektur. 

Überhaupt steckt sehr viel Improvisation im Rohbau. „Angetrieben wird die Coast Guard von zwei Lüftermotoren“, erzählt Obser. Die Besatzung sind Action-Figuren namens Big Jim. Deswegen auch die Größe des Bootes mit einer Länge von 1,80 Metern. 

Manuela Obser baut als neues Projekt eine normale Barkasse in einen „Leichenwagen auf dem Wasser“ um. So ein Schiff bringe in Venedig die Toten zur Friedhofsinsel. „Der Sarg und die Besatzung gehören dazu. Wir erzählen ja auch Geschichten, wenn wir in See stechen“, meint sie. 

Die Tüftelei sei es, die das Hobby ausmacht. „Man hat immer irgendwelche Fehler zu beseitigen“, meint Stefan Pieruschka. „Man ist Schreiner, Lackierer und Architekt, verbaut unterschiedliche Materialien“, unterstreicht Christian Obser die Vielseitigkeit seines Hobbys.

„Schiffsmodellbau heißt: Der Fantasie freien Lauf zu lassen“, setzt Manuela Obser ihren Schwerpunkt. Das Fahren auf dem Gemeindeteich und zu sehen, dass alles funktioniert – das ist für die drei Bönener die Belohnung für den oft zeitaufwendigen Bau.

Wer Spaß am Schiffsmodellbau hat und sich mit Gleichgesinnten austauschen möchte, kann sich direkt per e-mail unter der Adresse reckm73@yahoo.de an Manuela Obser wenden.

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