Rund 50 Kunden kommen wöchentlich zur Bönener Ausgabestelle der Tafel Unna

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Erika Werth (rechts) und die anderen neun ehrenamtlichen Helfer bedienen die Tafelkunden freundlich und zuvorkommend – wie in einem ganz normalen Supermarkt.

Bönen - Es ist gerade einmal 12 Uhr an diesem Montagmittag, und bereits jetzt drängen sich fast 30 Menschen auf dem Flur vor der Awo-Tagesstätte am Eichholzplatz. Es sind vor allem Frauen mit großen Einkaufstaschen. Aber auch ein paar Männer warten auf die wöchentliche Ausgabe der Unnaer Tafel.

Für dieses Jahr ist es die letzte. Sie beginnt um 12.30 Uhr. Wenn alles eingeräumt und vorbereitet ist, öffnet Gerd Wiese auch etwas eher die Seitentür zum großen Saal. Gedränge herrscht dahinter eigentlich immer. Einige versuchen mit Charme weiter nach vorne zu kommen, andere mit Ellenbogen. 

Manche Tafelkunden sind besonders ungeduldig. „Wir haben Schwerbehinderte darunter, einige sitzen sogar im Rollstuhl. Bereit, Platz zu machen, ist aber keiner“, hat der Bönener beobachtet. Seit neun Jahren leitet Gerd Wiese die Ausgabestelle der Hilfsorganisation in der Gemeinde. Seine erste Aufgabe an jedem Montagmittag ist, Ordnung in die Warteschlage zu bringen. Ellenbogeneinsätze lässt er nicht durchgehen, das gewinnende Lächeln erwidert er zwar, einwickeln lässt er sich davon aber nicht. Es geht der Reihe nach. 

Ein Drittel sind Stammkunden „Einige unserer älteren Kundinnen sind schon weggeblieben, weil ihnen das Gedränge zuviel wurde, oder weil sie nicht mehr Schlange stehen wollten“, berichtet der Ehrenamtler. So weit darf es seiner Ansicht nach nicht kommen. Immer zu zweit lässt er deshalb die Männer und Frauen in den Saal, Behinderte und Schwangere haben Vorrang. 

Viele der erwartungsvollen Gesichter kennt Gerd Wiese. „Etwa ein Drittel der Leute kommt von Anfang an zu uns, seit Oktober 2009“, erzählt er. Die anderen Kunden wechseln, manche kommen sporadisch, andere schaffen es aus der Armut. Etwa 40 bis 50 bedürftige Bönener sind es aber immer, die an den Eichholzplatz kommen. 

"Armut ist keine Schande", sagt Ehrenamtler Gerd Wiese

Einige sind allein, viele haben zu Hause eine Familie. „Wir haben Großfamilien mit acht und mehr Kindern“, weiß Gerd Wiese. Er und die anderen neun ehrenamtlichen Helfer in Bönen achten auf Gerechtigkeit. Wer mehrere Angehörige zu versorgen hat, bekommt bei ihnen auch mehr. 

An diesem Montag gibt es aber ohnehin reichlich für alle. Die Körbe auf den langen Tischen sind gefüllt mit Nudeln, Mehl und Zucker, mit Brot, Salami und Joghurt, mit Gemüsen, Äpfeln und Orangen. Das Obst sieht genau so frisch aus wie im Supermarkt. „Wir bekommen nichts Gammeliges“, betont Gerd Wiese. 

Die Geschäfte im Kreis, die an die Tafel spenden, sind offenbar großzügig. Die Lebensmittel werden zentral gesammelt und dann an die verschiedenen Ausgabestellen verteilt. So ist auch dafür gesorgt, dass Lebensmittel nicht weggeschmissen werden. 

In der Bönener Tafel gibt es an diesem Tag etwas mehr. „Wir haben auf eine eigene Weihnachtsfeier verzichtet. Stattdessen hat jeder von uns heute etwas mitgebracht“, erzählt Gerd Wiese. Schließlich ist Weihnachten, außerdem müssen die Menschen nun bis Januar warten, bis sie wieder Lebensmittel von der Tafel bekommen können. 

Zum Glück müssen Gerd Wiese und seine Kollegen niemanden mehr abweisen. „Bis vergangenes Jahr hatten wir einen Aufnahmestopp“, berichtet der Ehrenamtler. Damals konnte die Tafel den Ansturm von Bedürftigen einfach nicht mehr bewältigen – weder mit ausreichend Ware noch personell. Dass die Armut im Land wächst, ist auch in Bönen zu spüren. 

„Armut ist keine Schande“, macht Gerd Wiese dabei ganz deutlich. Und sie hat viele Gesichter: junge wie alte, deutsche wie ausländische, gesunde wie kranke. Wiese und seine Kollegen sind froh, wenigstens ein bisschen helfen zu können. „Möchten Sie lieber das helle oder das dunkle Brot?“ Sie bedienen die Kunden freundlich, fragen nach deren Wünschen. 

Jetzt, kurz vor Weihnachten, gibt es ein paar Extras. In einer Kunststoffkiste stapeln sich bunte Adventskalender. 17 Türchen hätten eigentlich schon an ihnen geöffnet sein müssen. Den Kunden ist das aber egal. Sie freuen sich über das süße Mitbringsel für ihre Kinder.

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