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Bönens Gedächtnis wird jetzt in der Alten Mühle aufgehoben

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Von: Sabine Pinger

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Seit September ist das Bönener Archiv in der Alten Mühle zuhause.
Gemeindearchivar Philipp Frank betreut unter anderem die Archivbibliothek auf der Empore in der Alten Mühle. © Pinger Sabine

Nüchtern betrachtet ist es eine große Menge altes Papier. Tatsächlich aber ist das, was in der Alten Mühle eine neue Heimat gefunden hat, viel, viel mehr. Zwischen Aktendeckeln und Buchrücken, in Kartons, Hängeregistern und Schubladen erzählen Tausende Seiten, Karten und Bilder die Geschichte der Gemeinde und ihrer Bewohner. Wer möchte, kann nun in der Alten Mühle auf Zeitreise gehen.

Anfang September hat Archivar Philipp Frank sein Büro in der ehemaligen Teeküche im Kulturzentrum bezogen. Die Archivbibliothek und die Inhalte der Magazinräume sind bereits im Mai vom Bahnhof in die frisch sanierte Mühle verlagert worden. Für die historischen Unterlagen wurden vorher die notwendigen Bedingungen geschaffen. Wichtigster Punkt: der Wasserschutz. Die Leitungen wurden allesamt in Wannen gelegt, damit ein undichtes Rohr nicht etwa für Hochwasser in den Magazinen sorgen und so das historische Material zerstören kann.

Frank freut sich über den Umzug und fühlt sich im neuen Domizil wohl. „Es donnert nicht mehr alle paar Minuten, wenn ein Güterzug vorbeirauscht“, stellt er fest. Die hellen, renovierten Räume der Mühle böten doch ein angenehmeres Ambiente als der Bahnhof, in dem das Archiv zuvor untergebracht war.

Lesesaal auf der Empore

„Es ist ruhig hier, aber durch den VHS-Betrieb herrscht mehr Leben. Als letzte verbliebene Dienststelle war die Atmosphäre im Bahnhof dagegen schon ein bisschen drückend, besonders an dunklen Wintermorgen“, sagt er. Jetzt können die Besucher die lichtdurchflutete Empore als Lesesaal nutzen und im Archiv stöbern.

Bisher haben jedoch wenige Interessierte den Weg in die neuen Räume der gemeindlichen Einrichtung gefunden. Das Telefon von Philipp Frank und seine E-Mail-Adresse werden dagegen häufig angewählt. Manche Anrufer haben Fragen zu bestimmten Gebäuden oder Straßenzügen, zu Höfen oder den Bönener Wahrzeichen wie der Alten Kirche und dem Förderturm. Interessant sind für viele darüber hinaus die ehemalige Zechenanlage und der Bahnhof.

Die allermeisten Anfragen bekommt Philipp Frank gleichwohl zu den Standesamtsregistern, die er pflegt und verwaltet. „Beim Standesamt werden die Geburtenregister 100 Jahre lang aufbewahrt, die Eheregister 80 und die Sterberegister 30 Jahre. Danach kommen sie ins Archiv. Und hier sind sie dann frei einsehbar – im Gegensatz zum Standesamt. Da brauche ich nämlich einen berechtigten Grund, um sie einzusehen“, erklärt er. Im Gemeindearchiv können die Besucher hingegen selbst recherchieren und zum Beispiel Ahnenforschung betreiben.

Alle Spielberichte einsehbar

Die Standesamtsregister gehören zur zeitgeschichtlichen Sammlung, einem der drei Bereiche des Gemeindearchivs. Vor allem Artikel des Westfälischen Anzeigers werden darin gesammelt. „Jeder Spielbericht von jedem Sportverein wird hier zum Beispiel abgelegt, aber auch Berichte über Versammlungen und Veranstaltungen“, gibt der Gemeindearchivar an.

Gegründet hat diese Sammlung Karl-Heinz Maaß. Der pensionierte Lehrer baute das Archiv in den 1950er Jahren im Auftrag der Gemeinde auf und fungierte zugleich als ehrenamtlicher Archivar. Er nahm private Nachlässe entgegen, Vereinschroniken, Zeitzeugenberichte oder Hofregister. „Es geht darum, das Leben vor Ort zu behandeln, mit allem, was sich hier abspielt“, folgt Philipp Frank nun seinen Vorgängern.

Seitdem das erste Archivgesetz in NRW 1989 verabschiedet wurde, ist die Gemeindeverwaltung verpflichtet, öffentliches Archivgut zu sichern, nutzbar zu machen und wissenschaftlich zu verwerten – und zwar hauptamtlich. Und es wird inzwischen jede Menge Fachwissen vorausgesetzt, um das geschichtliche Kapital fachgerecht zu erhalten. Die Kartons, in denen die Schriftstücke lagern, müssen beispielsweise säurefrei sein. Ansonsten könnten die Papiere wortwörtlich sauer werden und zerfallen. Klarsichthüllen, wie viele sie benutzen, um wichtige Unterlagen zu schützen, seien ebenfalls Gift für das Papier, warnt der Experte. Darin entwickelt sich ein eigenes „Biotop“, das dem Material alles andere als zuträglich ist.

Digitales Zeitalter führt zu neuen Herausforderungen

Mit der Digitalisierung und dem „papierlosen Büro“ stehen die Archive des Weiteren vor ganz neuen Herausforderungen. „Da geht es um Datenschutz, Cyber-Sicherheit, um Speicherplatz und Software“, zählt Philipp Frank auf. Vernachlässigen wird er seinen „Papierfundus“ deshalb dennoch nicht. „In den kommenden Jahren wird noch viel Papier reinwandern“, ist er sich sicher. Archive seien stets auf Wachstum ausgelegt – das gilt ebenso für die Alte Mühle.

Das Bönener Gemeindearchiv ist in die Alte Mühle gezogen.
Im Gemeindearchiv „schlummern“ Kassenbücher, Akten und vieles mehr aus der Bönener Verwaltung © Pinger Sabine

Unterhalb der neuen Archivbibliothek befindet sich einer der beiden Magazinräume, der andere wurde im Nebengebäude eingerichtet. In beiden gibt es noch Lagerkapazitäten. Unter der Galerie stapeln sich nichtsdestotrotz etliche Kartons in den Regalen. Ein Großteil des Verwaltungsarchivs ist im Untergeschoss untergebracht. Das umfasst circa 2800 Einzelakten.

„Alles, was die Verwaltung nicht benötigt und von dem die Aufbewahrungsfrist abgelaufen ist, wird dem Archiv angeboten. Ich entscheide dann, was aufgehoben werden soll“, schildert der Experte. Bei der Masse kann er natürlich nicht alles einlagern. „Ich versuche aufzuheben, was das Verwaltungshandeln exemplarisch nachvollziehbar macht.“ Dazu gehören unter anderem Ratsprotokolle. Über Jahrzehnte kann Frank nachvollziehen, was das Gremium in Bönen beschlossen hat.

Der dritte Bereich des Archivs macht einen sehr großen Teil aus. Es ist das Fotoarchiv. Der Fachmann geht von knapp 10 000 Aufnahmen aus, die darin erfasst wurden. Viele davon stammen aus privaten Beständen. „Bilder werden immer wieder gerne angefragt“, weiß Frank. Oft gäben die Fotos beispielsweise spannende Einblicke in die historische oder baugeschichtliche Entwicklung des Ortes.

Skurrilitäten entdeckt

Wer sich damit befasst, findet ohnehin viel Interessantes im Gemeindearchiv. Ganz alte „Schätze“ gibt es wiederum nur wenige. Die ältesten Schriftstücke – es sind Hofregister – stammen aus dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Die Verwaltungsakten wurden indes ab den 1960er Jahren flächendeckend an das Gemeindearchiv übertragen. „Davor war das Amt Pelkum für Bönen zuständig. Alles, was dort lag, wurde dem Stadtarchiv Hamm zugeführt“, berichtet Frank.

Über echte, historische Schätze herrscht er also nicht. Ein paar Skurrilitäten hat er aber durchaus entdeckt. „Neulich habe ich einen Ratsbeschluss aus den 1970er Jahren gelesen. Dabei wurde im nicht öffentlichen Teil über die Anschaffung einer Kaffeemaschine für 50 D-Mark abgestimmt“, erzählt Frank. Das habe ihn doch zum Schmunzeln gebracht.

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