Älter als Napoleon

„Rosi" hat Durst: Einer der ältesten Bäume von Bönen leidet unter Trockenheit

Rosi Rosskastanie
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Seit über 300 Jahren steht die gewaltige Rosskastanie an der Speckenstraße.

Einer der ältesten Bäume von Bönen steht an der Speckenstraße. Seit über 300 Jahren blüht der Baum. Nun gibt es mehrere Gründe, sich um den Baum Sorgen zu machen.

Bönen – Als „Rosi“ noch ganz klein war, brach in Marseille die Pest aus – und riss jeden dritten Bürger in einen viel zu frühen Tod. In Südfrankreich war das sicherlich viel schlimmer als es heute irgendwo auf der Welt mit Covid-19 sein könnte – aber in Bönen erfuhr man sehr wahrscheinlich überhaupt nichts davon. Und wenn die Nachricht durchgedrungen wäre bis an die Seseke, dann hätte sich wohl kaum jemand Gedanken darüber gemacht. Viel zu weit weg war das damals. Zwar bahnte auch die Pest sich ihren tödlichen Weg durch Europa – aber sie tat das vergleichsweise unglaublich langsam. Mit dem Wort „Globalisierung“ oder dem Phänomen „Pandemie“ hätten die alten Bönener kaum etwas anfangen können. Vielleicht ein paar Jahrzehnte später, als Napoleon auf seinem nicht ganz gelungenen Weg zur Weltherrschaft auch um Westfalen keinen Bogen machte. Aber: Als „Rosi“ erstmals erblühte, war Napoleon noch nicht einmal geboren.

Heute blüht sie immer noch in jedem Frühjahr. Ist immer noch eine höchst lebendige Gastgeberin für selten gewordene Lebewesen: „Rosi“, die Rosskastanie. „Rosi“, einer der ältesten Bäume in ganz Bönen. „Rosi“, die nach 300 bewegten Jahren längst noch nicht genug hat vom Leben und die deshalb vielleicht sogar auf dem Weg ist, noch weit über Bönen hinausreichende Superlative zu ergattern. Schließlich haben Rosskastanien allgemein eine Lebenserwartung von eben „nur“ 300 Jahren – wenn man etwa so honorigen Quellen wie „Wald.de“ oder der Internet-Seite der Uni Münster Glauben schenken möchte.

Trocknen Maßnahmen des Lippeverbandes den Baum aus?

Man sieht ihr mitunter das Alter an – aber das hat wenig mit Siechtum, nichts mit natürlicher Altersschwäche zu tun, sondern nur mit ihren eindrucksvollen Ausmaßen, ihren Gastgeberqualitäten für Insekten und Vögel, ihrem immensen Durst auf mehr.

Durst allerdings auch in sehr wörtlichem Sinn, denn dass die mächtige Rosskastanie an der Speckenstraße noch immer mit Früchten um sich wirft, noch in jedem Frühjahr neu erblüht, das verdankt sie den freundlichen Wasserspenden der gegenwärtigen Hofbesitzerinnen Julia und Sybille Stöckmann und vieler Besucher, denen „Rosi“ als ein starkes Stück Bönen wichtig geworden ist.

In diesen Tagen zeigt „Rosi“ deutlich Spuren eines Schädlings.

Spenden, die allerdings anscheinend dringend notwendig geworden sind. Ihr natürlicher Lebensquell scheint für die Flachwurzlerin weitgehend versiegt zu sein – und diese lebensbedrohliche Situation hat Methode, mutmaßt Sybille Stöckmann: „Rosi“ leide unter den Folgen einer großen Drainage, die der Lippeverband seit dem Bau des großen Seseke-Regenrückhaltebeckens angelegt habe und betreibe, davon ist die Mitbetreiberin des „Jugend- und Kinderbauernhofs“ an der Speckenstraße fest überzeugt. Jüngste Messungen ergaben, dass unterhalb dieses Entwässerungssystems ein Liter Wasser pro Minute in die kleine Seseke abläuft. Selbst in den letzten sehr trockenen Wochen floss es munter weiter.

Und längst habe sich das Entwässerungssystem auch auf das Gelände ausgewirkt, berichtet die Mitbesitzerin des alten Speckenhofs. Sowohl an verschiedenen Geländepunkten als auch an der veränderten Vegetation sei die Senkung deutlich zu erkennen, die die dauerhafte Drainage verursacht habe. Ein Zusammenhang, den der Lippeverband allerdings seit Jahren bestreitet. Auswertungen einer Messstelle in unmittelbarer Nähe des Hofs zeigten, dass sich der Grundwasserspiegel allenfalls in besonders trockenen Jahren abgesenkt habe, teilt Pressesprecherin Ann-Kathrin Lappe auf Anfrage mit.

Sogar ein Minister hat „Rosi“ schon besucht

Ein Einwand, der Sybille Stöckmann allerdings wenig überzeugt: „Bisher hat mir noch niemand zeigen können, an welcher Stelle der Grundwasserspiegel überhaupt gemessen wird – und welche Bedeutung dieses Messergebnis für Rosi dann hat.“

Dass der alte Baum längst dringend Hilfe braucht, davon ließ sich vor drei Jahren bei einem spontanen Besuch in Bönen auch der damalige Landesumweltminister Johannes Remmel überzeugen, Er sicherte zu, bei den zuständigen Stellen Hilfsmaßnahmen für das eindrucksvolle Naturdenkmal „Rosi“ prüfen zu lassen; bis zur Abwahl der rot-grünen Landesregierung wenige Wochen später aber blieb der Einsatz des grünen Ministers für „Rosi“ folgenlos.

Motten machen dem Baum zu schaffen

Viel Zeit scheint nun nicht mehr zu bleiben. Die Lebensuhr für Bönen ältesten Baum scheint abzulaufen, noch nie war das so deutlich zu erkennen wie in diesem Jahr. „Rosis“ Selbstheilungskräfte scheinen erlahmt zu sein. Zwar hat die alte Kastanie wie auch in den trockenen Vorjahren wieder viele kleine Blätter gebildet, um so möglichst wenig kostbares Wasser zu verdunsten; dem Kastanienschädling „Miniermotte“ scheint sie aber kaum noch gewachsen zu sein. Das satte Grün der großen Rosskastanie ist bereits Anfang September, früher und viel radikaler als sonst, in angsteinflößendes Braun übergegangen. Unverkennbares Zeichen für den Appetit der Motten, die sich sehr rasch über den ganzen Baum verbreitet haben. Auch hier müsste dringend geholfen werden. Zum Beispiel, indem das herabgefallene Laub, in dem die Motten-Nachkommen gut überwintern können, rasch und restlos entfernt würde – was aber eben wegen Rosis Nähe zur Speckenstraße kaum machbar wäre.

So bleibt denn eigentlich nur zu hoffen, dass die alte Rosskastanie wieder zu eigenen Abwehrkräften kommen kann, vor allem durch ausreichende Wasserversorgung. Dass dies grundsätzlich nicht möglich sein sollte, damit können und wollen sich die vielen kleinen und großen Freunde der alten Rosskastanie noch nicht abfinden.

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