Retterin sucht Gleichgesinnte

Jenny Paruzel bewahrt Lebensmittel durch Foodsharing vor der Vernichtung

Jenny Paruzel mit Lebensmittelbox
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Vor ihrem Haus an der Dürerstraße füllt Jenny Paruzel die Box mit abgelaufenen Lebensmitteln. Wer will, darf hier zugreifen.

MHD: Das Kürzel für Mindesthaltbarkeitsdatum sorgt mit dafür, dass im Jahr gut zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen. Das muss nicht sein, findet die Neubönenerin Jenny Paruzel, die aktiv daran arbeitet, dass diese Menge kleiner wird. Die 25-Jährige ist Food Safer, Lebensmittelretter, sammelt bei Lebensmittelmärkten und Bäckereien das ein, was im MHD-Zeitfenster nicht verkauft oder was am nächsten Tag als „trocken Brot“ keine Abnehmer mehr findet.

Bönen – „Warum muss um halb Sechs die Auslage in der Bäckerei-Theke nochmal komplett aufgefüllt werden“, fragt Prauzel. „Wir sollten auch unser Konsumverhalten überdenken“, sieht sie durchaus Grautöne in der Beurteilung von Überangebot und Kundennachfrage.

Aussortieren ist für die Firmen zu teuer

„Lebensmittelgeschäfte schmeißen auch Zwei-Kilo-Gebinde Äpfel weg, wenn einer faul ist. Sie sagen, das Aussortieren wäre zu teuer. Da kommen wir dann an der Schnittstelle zwischen Laderampe und Müllcontainer ins Spiel.“ Vorteil für die Händler sei, dass sie weniger kostspielig entsorgen müssten. „Es gibt Beispiele, wo die Müllmenge von drei auf einen Container reduziert wurde.“

Paruzel selbst erklärt ihr Engagement mit der persönlichen Lebensgeschichte. „Wenn man zuhause auszieht, hat man erst einmal wenig Geld zur Verfügung, und guckt, wie man über die Runden kommt. Lebensmittel wegzuschmeißen fand ich aber immer schon schlimm.“

Mitmachen

Wer mitmachen möchte, kann sich über die Internetseite Foodsharing.de informieren. „Dort kann, wer retten will, sich registrieren und ein Bewerbungsquiz machen“, erklärt Jenny Paruzel. Weitergeleitet an den Botschafter vor Ort hospitiert der Neuling dreimal, um das Prozedere des Sammelns kennenzulernen. Wer möchte, kann sich aber auch direkt über die Facebook-Seite Foodsharing Unna an Jenny Paruzel wenden. „Oder am 21. August zu Bauer Brune in UnnaMassen kommen. Dort haben wir einen Infostand.“

In Dortmund lernte sie die Initiative Foodsharing kennen, wurde Retter. Nach Umzug Richtung Unna gründete sie dort gemeinsam mit ihrem Mann Steven eine Gruppe. „Dort gab es keine, in Bergkamen und Kamen schon. Dort hab ich zunächst als Botschafterin gearbeitet.“ Das sind Menschen, die die Abholung organisieren, neue Teilnehmer einweisen und Geschäfte ansprechen. „Keine Ketten, das wird von der Dachorganisation organisiert. Einen inhabergeführten Laden darf ich aber direkt ansprechen“, erklärt sie. „Die Betriebe bekommen eine Infomappe, worin steht, was Foodsharing ist, wie es funktioniert. Sie erklären, ob und was sie bereit sind abzugeben und bekommen einen Ansprechpartner genannt.“

Jenny Paruzel mit ihrem Ausweis und Informationen zu der Organisation Foodsharing.

Das Unternehmen müsse sich nicht umgehend bereit erklären, sondern bekäme 14 Tage Bedenkzeit. Anschließend würde vereinbart wann und wie oft abgeholt werden könne. Es komme durch aus vor, dass die Händler die Menge unterschätzen, die sie entsorgen und öfter als gedacht um Abholung bitten.

„Wir sind auch keine Konkurrenz zu den Tafeln“, unterstreicht Paruzel, „die haben immer Vorrang. Wir arbeiten zusammen. Der Unterschied ist, dass wir Mindeshaltbarkeitsdaten nicht beachten müssen, die Tafeln aber schon.“ Natürlich müssten die Retter auf Hygiene achten. „Es gibt Regeln von Foodsharing.de.“ Ansonsten gelte die Sinneswahrnehmung: Sehen, Riechen und Schmecken eben wie in Zeiten ohne Überfluss.

Jeder darf sich aus der Box bedienen

Die Sammel- und „fair-teil“-Box vor ihrem Haus an der Dürerstraße ist an diesem Abend gut gefüllt. Jeder kann gucken, ob er etwas braucht. Und er kann dort etwas reinlegen, das vielleicht ein anderer gerne essen würde. „Man vergreift sich ja auch manchmal“, so Paruzel. Kontrolliert wird nicht. Die meisten würden bescheiden und bedarfsorientiert hineingreifen. „Natürlich gibt es auch Gierige, die sich den Kofferraum vollladen. Die sind aber die Ausnahme.“

Die Akzeptanz bei den Händlern sei groß. „Sie befürchten dadurch nicht weniger Umsatz“, verneint Paruzel die naheliegende Frage. Einige Ladeninhaber würden trotzdem lieber wegschmeißen, weil wir kein eingetragener Verein sind, keine Spendenquittungen ausstellen können. Angeblich ist es aus steuerlichen Gründen dann billiger wegzuschmeißen.“ Am besten fände sie ein Gesetz wie in Frankreich, dass Lebensmittel, wenn sie nicht verkauft werden konnten, gespendet werden müssen.

„Am besten wäre es, wenn Foodsharing sich überflüssig macht“, schließt Paruzel. So lange das nicht der Fall ist, wird sie weiter circa zwölf Stunden in der Woche investieren, um Lebensmittel zu retten und die Arbeit zu koordinieren. Und sie wird zudem nicht müde, die Idee voranzutreiben. Im März erst nach Bönen gezogen, wird sie versuchen, auch hier eine Gruppe zu gründen. 20, 25 Menschen hätten sich schon gemeldet.

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