Personalnot, Fachkräftemangel, Konkurrenz der Großen

Gemeindeverwaltung unter Druck: In Bönens Rathaus fehlt Personal

Den Tisch voll Arbeit und nicht genug Hände dafür. So dauert im Rathaus manches länger.
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Den Tisch voll Arbeit und nicht genug Hände dafür. So dauert im Rathaus manches länger.

Im Bönener Rathaus gibt es mehr Arbeit als Hände dafür. An teils neuralgischen Stellen setzen der Verwaltung Vakanzen zu, durch Wechsel sind Abläufe nicht überall eingespielt. Das sagt der Bürgermeister.  

Bönen – „Die Gemeinde Bönen sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt ...“ Der Satz ist in letzter Zeit häufig erschienen auf der eigenen Homepage und in den Foren für Jobangebote. Eine aktuelle Offerte richtete sich an Bauingenieure und Staatlich Geprüfte Techniker im Baufach, weil eine Architektin offenbar einen für sie ansprechenderen Job in einer anderen Kommune gefunden hat. Eine andere galt Fachleuten im Ressort Öffentliche Sicherheit und Ordnung, denn da wird aus demselben Grund eilig Ersatz gesucht.

Obacht, sonst geht was durch die Lappen

Nichts Ungewöhnliches, möchte man meinen. Aber diese Gesuche sind beispielhaft für eine Fluktuation und Personalnot im Bönener Rathaus, die den Apparat in Teilen zu lähmen beginnt. Beispiel Dorfgemeinschaftshaus: Gemäß der Förderrichtlinien müsste der im April 2020 bewilligte NRW-Zuschuss über 363 000 Euro bis zum Ende dieses Monats ausgegeben sein. Nur gibt es nicht mal einen Bauantrag. Die Gemeinde hat sich ein Jahr Fristverlängerung verschafft und sagt, der Bauantrag sei nun so gut wie fertig.

85 Köpfe im Kernteam, kleine Abteilungen

An dieser Stelle tragen, wie sooft, noch andere Faktoren zum Verzug bei. Die Maxime, das Geld zusammenzuhalten statt solche Aufträge herauszugeben. Die Belastungen und Kräftebindung durch Corona sowieso. Aber es zeigt sich eben auch, dass es um mehr geht als irgendwelche Aktenstapel. „Solche Einschläge können wir als kleine Gemeinde nur schlecht wegstecken“, sagt Bürgermeister Stephan Rotering gerade heraus. „In der Kernverwaltung haben wir 85 Leute, also keine großen Abteilungen.“ Wenn da Sachbearbeiter ausfielen, sei der Fachbereichsleiter im Nu letzter Mann und mit Aufgaben überfrachtet.

Corona: Ausnahmezustand in Dauerschleife

Beispiel Corona: Kaum hatten in den Schulen die Tests Infektionen an der Tag gebracht, mussten binnen eines Tages 167 Quarantäneverfügungen erstellt und zugestellt werden. Zwei Köpfe zählt die Abteilung, wenn „alle“ im Einsatz und nicht krank oder im Urlaub sind. Da müssen dann andere Kräfte ran und aufschieben, was sie eigentlich zu tun haben. Und das ist nur die jüngste Etappe in diesem Viren-Marathon ohne fixen Zieleinlauf. „Seit dem 1. Januar 2020 habe ich hier 37 neue Gesichter begrüßt“, fasst der Verwaltungschef die Anforderungen in Zahlen. Auf 104 Stellen schaffen 125 Beschäftigte, im „Haupthaus“ neben dem Bauhof (31 plus zwei befristete Kräfte) eben 85 Menschen auf 73 Planstellen.

Befristete Vertretungen kaum zu gewinnen

16 Beschäftigte gingen im besagten Zeitraum in den Ruhestand – und mit ihnen „Erfahrung, die man so schnell nicht ersetzen kann.“ Immerhin gelang die Wiederbesetzung. Überschneidend soll die im Idealfall sein für den Wissenstransfer. Sieben weitere Mitarbeiter heuerten woanders an, einer schied krankheitsbedingt aus, fünf sind in der Familienphase mit Rückkehrrecht.

Rotering will Strukturen verändern

Bürgermeister Stephan Rotering will personalpolitisch gegensteuern, um die Verwaltung handlungsfähig zu halten und weniger anfällig für personelle Umbrüche zu machen. Das soll schon in den kommenden Haushalts- und Stellenplanberatungen geschehen. In einem ersten Schritt will er diese Woche die Fraktionsvertreter im Ältestenrat über seine Vorstellungen informieren. Details mochte er daher vorab nicht nennen, zwei Ansätze hat der Verwaltungschef aber skizziert. Die Befristung von Neueinstellungen soll fallen, auch bei Vertretungen, um Ressourcen aufzubauen. Außerdem möchte Rotering in der Hierarchie zwischen Sachgebietsebene und Fachbereichsleitung eine mittlere Führung einziehen. Das biete Aufstiegschancen für den Nachwuchs, bündele Kompetenz und verschaffe der Leitung Luft für ihre originären Aufgaben in der Steuerung.

Das gönnt Rotering den Müttern und Vätern selbstredend. Und doch hat er ein Problem: „Wir finden für die befristeten Vertretungen keine Bewerber mehr. Wiederbesetzung ist ein großes Problem auf allen öffentlichen Stellen.“ Die Personalverknappung setze den Kommunen zu, so hört man es ringsum. Dazu komme die Verdichtung der Aufgaben. Dass er Engagement erwartet, verhehlt der Chef nicht.

Eigene Azubis und Schulung für Quereinsteiger

Mit aktuell acht Azubis arbeitet die Verwaltung an den Ressourcen von morgen, hat zwei Ausbildungsplätze fürs kommende Jahr schon offeriert und jüngst auf der Azubi-Messe im MCG für ihre Laufbahnen geworben. „Wir stellen auch branchenfremd ein, müssen die Leute aber dann dahin bringen, wo sie tätig sein sollen“, berichtet der Bürgermeister. Das gehe eingangs auf die Kapazitäten: „Ein Tag pro Woche im Institut sind 20 Prozent Arbeitszeit. Und der Tisch ist dann genauso voll.“

In die Institute schickt die Verwaltungsleitung auch ambitionierten Nachwuchs, um Aufstiegsmöglichkeiten zu schaffen. Denn in Konkurrenz zu den Großen ringsum muss sich Klein-Bönen schon strecken. Die Entgeltstufen sind an die Einwohnerzahl gekoppelt, da macht die Gemeinde kaum einen Stich.

Und es kann nun mal keine Gewähr geben, dass ein Talent mit erfolgreicher Qualifikation dem Rathaus anschließend treu bleibt. Zumal dort, wie in jedem kleinen Betrieb, Stellen mit mehr Kompetenz und Salär selten sind.

Personalrat mag sich nicht äußern

Um die Personalsituation auch aus Sicht der Belegschaft darstellen zu können, hat die Redaktion die Personalratsvorsitzende Caroline Kirchner um ein Gespräch geben. Sie antwortete, das sei ihr aus Datenschutzgründen nicht möglich.

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