Ein Faible für „alte Schätzchen“

Rainer Kohlhaas aus Nordbögge renoviert Oldtimer und fährt sie abwechselnd

Rainer Kohlhaas aus Nordbögge sammelt, restauriert und fährt Oldtimer.
+
Rainer Kohlhaas hat viel Arbeit in die detailgetreue Restaurierung seiner Oldtimer gesteckt.

Bönen – Einen doppelten Geburtstag feiert Rainer Kohlhaas im Sommer. Der 7. Juli ist nicht sein Wiegenfest. Nein. Im Mittelpunkt dieses Mittwochs stehen zwei Mercedes-Benz S-Klasse. Der sogenannte Direktionswagen 170, Jahrgang 1951, und ein 380 SEL aus dem Jahr 1981. Kohlhaas steht an diesem Tag vor der Gretchenfrage, welche Limousine er dann ausfahren wird.

Der Nordbögger ist Oldtimerfan. Allerdings kein klassischer Sammler, obwohl er neben den beiden Mercedes noch einen Opel Kadett B Coupé, ein Fiat 126 Cabrio und einen Kramer KL 200 Trecker besitzt. „Alle sind angemeldet“, sagt er, „und alle fahre ich abwechselnd. Wer rastet, der rostet. Das gilt auch für Pkw.“

Er habe immer schon ein Faible für Oldtimer gehabt. Den Nachkriegs-Benz befreite er 1992 aus einer Scheune bei Hannover. Da hatte Kohlhaas einen eigenen Elektrobetrieb, die Restauration des 170ers geschah über sieben Jahre nach Feierabend. „Oft bis zwei Uhr nachts.“

Eigentlich hatte er ein Auto mit seitlich hochklappender Motorhaube gesucht. Gab es nicht in Metall. „Der Vorgänger meines Benz, der 170 V, hatte noch einen Holzrahmen. Und mit Holz kann ich nicht so gut.“ Kohlhaas macht nämlich alles selbst. „Außer das Honen der Zylinder, die Lackierung oder Polsterarbeiten.“ Schließlich seien Elektriker wie Kraftfahrzeugschlosser beide Handwerker.

Technische Feinheiten begeistern den Handwerker

Der Nordbögger zerlegte das fast 70 Jahre alte Nachkriegsmodell komplett. Auch den 50-PS-Motor mit seiner Duplex-Steuerkette und Direktschmierung. „Vor dem Start muss man dort pumpen“, deutet er in den Pedalraum über die Kupplung. Ja, das Schätzchen habe auch noch einen Winker. „Da musste ich die Spule neu wickeln“, konnte er bei der Restauration auf eigene Berufserfahrung zurückgreifen. Der Richtungsanzeiger ist nämlich elektrisch ausklappbar und beleuchtet.

Die technischen Feinheiten seiner Oldtimer begeistern Kohlhaas. Genauso wie das Flair des Wagens. „Da sitzt man doch ganz anders als in modernen Fahrzeugen“, sagt er. Stimmt – wie im Sofa! Das taubengraue Interieur hat er beim Sattler Heubel in Holzwickede machen lassen. Die Vase für die Blume am Armaturenbrett ist original, wie auch der sehr schöne mitternachtsblaue Farbton der Lackierung.

Oldtimer-Fan Rainer Kohlhaas achtet auf jedes Detail.

Stilecht stattete er auch den Kofferraum unter der Ersatzradspinne aus. Dort liegt die lederne Aktentasche neben dem Köfferchen aus gleichem Material. Für die Dienstreise oder den Wochenendtrip bei schlechtem Wetter ist auch der Knirps dabei. „Der ist auch alt“, weiß Kohlhaas vom Schmuckstück mit hölzernem Knaufgriff.

Für den 70 Jahre alten Mercedes hat Kohlhaas die komplette Geschichte vorliegen. Die Bedienungsanleitung ist zwar dünn, verrät dem Besitzer nichtsdestotrotz, wie er die Zündung einstellt oder die Bremse entlüftet. Und sie verrät dem Kritiker anhand einer Verbrauchskurve, dass nicht alle Oldtimer „Dreckschleudern“ sind. Kohlhaas bestätigt einen Acht-Liter-Schnitt an Normalbenzin. „Ein moderner SUV kommt da nicht mit.“

Die Restauration des Mercedes 170 machte übrigens wenig Probleme bei der Beschaffung von Ersatzteilen. Das Auto hat den Ruf, unzerstörbar zu sein. „Es gibt noch viele Gebrauchte.“ Es war für ihn einfacher, an Ersatzteile zu kommen, als an welche für den Kadett.

Auch der ist besonders und hat eine Geschichte: „Er ist der Wagen meines Schwiegervaters, ist immer in Familienbesitz gewesen, sollte eigentlich verschrottet werden“, erzählt Kohlhaas über das eher seltene B-Coupé, Baujahr 1973. „Ich hab ihn dann erst mal in der Garage geparkt, nach zehn Jahren rausgeholt, mit frischer Batterie ausgestattet, Wasser und Benzin aufgefüllt – er ist sofort angesprungen.“

Mit H-Kennzeichen unterwegs

Arbeit gab es trotzdem ohne Ende, um ihn tüv-fähig zu machen. Blechteile von den Schwellern bis zu den Radkästen dengelte Kohlhaas selber, schweißte die Teile mit Schutzgasschweißgerät ein. Für ihn kein Problem. „Ich hab außerdem eine kleine Abkantbank in der Werkstatt“, erzählt der Handwerker von seinen Möglichkeiten. Der Wagen erhielt die Plakette, war aber nicht originalgetreu restauriert. „Ich hab für das H-Kennzeichen die Bleche wieder rausnehmen müssen.“ Weiteres Problem: Er hatte für die reine Fahrertüchtigung auf die Chromleisten verzichtet. Die neu zu beschaffen, dauerte. Das Coupé hat speziell geformte an den hinteren Radkästen.

Seine zweite S-Klasse wollte Kohlhaas ursprünglich gar nicht. Eine Kundin bot ihm das „Schiff“ mit Vier-Liter-V-Motor an. „Ich hab ihr gesagt, dass sie erst versuchen solle, es anderswo loszuwerden. Nach einiger Zeit bekam ich im Urlaub einen Anruf, und sie machte mir einen guten Preis.“ Mit der Anmeldung wartete der Nordbögger allerdings noch eine Weile. „Der hätte bei dem Hubraum und ohne Katalysator über 1000 Euro Steuer gekostet“, erzählt er. Mit H-Kennzeichen darf der 380 SEL für 190 Euro überall fahren.

Der erste Firmenwagen wartet auf die Restaurierung

Eine Kostbarkeit in doppeltem Sinne ist schließlich der Fiat 126 „Pop 2000“. Zum einen ist das Cabrio-Modell ab Werk nur 650 Mal gebaut worden. „Die meisten Cabrios sind ja Eigenbauten mit abgeschnittenem Dach“, erklärt Kohlhaas und deutet auf die dicken Schweller seines Fiats, die geschwungenen Türen mit den Buchsen für die Aufsteckfenster. Der Internetfang sei in gutem Zustand gewesen. Und er dient heute als Mobilitätsgarantie beim Campingurlaub. „Da kommt er auf den Anhänger hinters Wohnmobil“, schwärmt Kohlhaas von der handlichen Größe mit 23 PS aus dem wassergekühltem Zweizylinder.

Einen Anschaffungswunsch hegt Kohlhaas aktuell nicht. Ein nächstes Restaurationsziel steht schon in der Garage. Auch das hat eine persönliche Geschichte. „Der Ford Transit ist unser erster Firmenwagen“, erzählt Kohlhaas. Zeit zum Aufarbeiten sollte da sein, seinen Betrieb gab er vor drei Jahren auf. „Aber die Jahre gingen so schnell rum“, beschreibt er das klassische Problem der Ruheständler.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare