Bauern gegen Preisgestaltung

Landwirte beenden am Abend Protest vor Lidl-Lager in Bönen

Rund ein Dutzend Bauern und Unternehmen aus dem landwirtschaftlichen Bereich demonstrierten vor dem Eingang des Zentrallagers Lidl am Rand des Industriegebiets, um gegen die niedrigen Preise für ihre Produkte zu protestierten.
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Rund ein Dutzend Bauern und Unternehmen aus dem landwirtschaftlichen Bereich demonstrierten vor dem Eingang des Zentrallagers Lidl am Rand des Industriegebiets, um gegen die niedrigen Preise für ihre Produkte zu protestierten.

Die Zufahrt zu Lidl war zwischenzeitlich blockiert: Am Zentrallager des Discounters haben sich am Dienstagvormittag Landwirte zum Protest zusammengefunden. Die Polizei löste die Demonstration am Mittag auf, doch am Abend kamen die Bauern in größerer Stärke zurück.

Update vom 1. Dezember, 20.40 Uhr: Nach einem Signal aus dem Lidl-Konzern beschlossen die Landwirte gegen 20 Uhr, den Protest zu beenden. Der Lidl habe versichert, sich für eine Verbesserung der Situation der Landwirte stark zu machen.

Update vom 1. Dezember, 18.40 Uhr: Gegen 17 Uhr kamen die Landwirte wieder. Im Gegensatz zum Vormittag, wo nur ein gutes Dutzend Protestler zu der spontanen Aktion gekommen waren, waren nun allerdings um die 50 Traktoren vor Ort. Sie errichteten erst kurz eine erneute Blockade, um dann aber nach einem Gespräch mit der Polizei den Weg zumindest befahrbar zu lassen. Vom Lidl-Gelände standen die Trecker in Reihe fast bis zum Eingang von Becker-Stahl und ließen für die LKW, die zum Discounter wollten, nur eine Spur frei.

„Es gibt keinen Rückzug. Wir wollen die ganze Nacht hierbleiben“, sagte der Ahlener Christian Leyer. Eine erneute Blockade wollte er am frühen Abend nicht ausschließen. Nach und nach kamen weitere Demonstranten mit ihren Fahrzeugen, auch aus dem Kreis Coesfeld und aus Borken dazu. „Das zieht weite Kreise“, meinte Leyer.

Protest vor Lidl-Lager in Bönen: Landwirte mit Traktoren da

Wie schon am Vormittag stellten sich erneut zwei Lidl-Mitarbeiter den Demonstranten zur Diskussion. „Wir haben die höchsten Auflagen und die geringsten Preise“, bekamen sie nun unter anderem zu hören. „Wir wollen keine Lippenbekenntnisse, sondern Taten“, meinte Leyer. Er und seine Mitstreiter fordern Gespräch mit der Geschäftsleitung der Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören.

In der Dunkelheit kehrten die Bauern mit Verstärkung zurück und reihten sich die Weetfelder Straße entlang.

Der ursprüngliche Bericht

Bönen – Der Effekt war klein, das Anliegen allerdings groß. Vor dem Lidl-Verteilzentrum am Rande des Industriegebiets in Bönen legten knapp ein Dutzend Landwirte am Vormittag den Verkehr lahm beziehungsweise blockierten die Zufahrt zum Gelände des Discounters für die anrollenden und ausfahrenden LKW.

UnternehmenLidl
Gründung1973
LeitungGerd Chrzanowski
Umsatz89 Milliarden Euro (Geschäftsjahr 2019/20)

Zufahrt zu Lidl blockiert: Protest-Aktion der Landwirte vor dem Zentrallager

Die Bauern mit Nummernschildern aus Warendorf, Unna und Hamm, einige Protestler kamen auch von weiter weg, wollten mit der Aktion ihre Solidarität mit ihren Kollegen in Cloppenburg zeigen, die seit Sonntagabend die Zufahrten zum dortigen Lidl-Lager blockieren. In Bönen hatten sich die Demonstranten, die auf die aus ihrer Sicht unfaire Preisgestaltung der Handelsriesen aufmerksam machen wollen, spontan über soziale Medien zusammengefunden und am Dienstag um kurz vor 10 Uhr damit begonnen und einen Traktor quer auf die Einfahrt gestellt. Die anderen Trecker hatte die Polizei, die mit knapp zehn Einsatzkräften vor Ort war, bereits auf der Straße zum Bahnübergang gestoppt.

Gegen 12 Uhr löste sie die friedliche Versammlung unter dem Motto „No Farmers. No Food. No Future“ auf. Die Bauern räumten ihre Sperrung daraufhin wieder. „Wir werden uns beraten“, sagte Daniel Elling, als er mit seinen Mitstreitern davonfuhr, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Da von der Blockade nur das Ende der Weetfelder Straße betroffen war, hielt sich eine Behinderung des Verkehrs in kleinen Grenzen.

Landwirte blockieren die Zufahrt zu LIDL-Logistikzentrum in Bönen 

Landwirte blockieren die Zufahrt zu LIDL-Logistikzentrum in Bönen 

Lidl signalisiert Dialogbereitschaft

„Der Druck auf die Landwirte ist gewaltig“, sagte Agrarhändler Daniel Elling, warum der seit langer Zeit schwelende Konflikt nun wieder und auch vor anderen Lidl-Zentrallagern zu Protesten geführt hat. Zwei Mitarbeiter von Lidl stellten sich vor Ort zum Gespräch, signalisierten Dialogbereitschaft und dass das Unternehmen Wert auf eine weitere Zusammenarbeit mit den Bauern lege, verwiesen allerdings auf höhere Stellen. „Deutsche Milch wird verramscht, in jedem anderen Land wird sie teuer verkauft“, lautete ein Vorwurf der Demonstranten.

Die Corona-Situation habe die Lage für die Landwirte noch weiter verschlimmert, weil sie bei laufenden Kosten teilweise auf ihrer Produkten sitzenblieben. „Die Ställe sind voll“, erläuterte Elling, der ein Betrieb in Vreden führt, der ihn durch seine Arbeit mit vielen Bauern in Kontakt kommt und viele Leidensgeschichten aus Mastbetrieben oder aus der Milchwirtschaft hört. „Die Zahnräder greifen nicht mehr ineinander“, meinte er.

Die Bauern protestieren an vielen Orten in Deutschland. Das Fass zum Überlaufen hatte nun ein Brief der Topmanager der großen deutschen Handelsketten wie Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe, zu der auch Lidl gehört, an Bundeskanzlerin Angela Merkel gebracht. In dem beschweren sie sich über Äußerungen von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner. Ein von ihr erarbeiteter Gesetzentwurf sollte Landwirte und kleinere Lieferanten besser vor dem Preisdruck der Einzelhändler schützen. Darin wurde auch von teils unfairen Bedingungen wie später Bezahlung und kurzfristigen Stornierungen gesprochen.

„Die Wertschätzung in der Landwirtschaft ist nicht mehr da“, sagte Elling. Die Handelsunternehmen würden weitere Preissenkungen fordern und damit argumentieren, dass dann mehr verkauft würde. Das würde aber nicht funktionieren. „Die Oma kauft vielleicht einmal ein Kotelett mehr und friert es ein. Doch irgendwann holt sie es auch wieder raus“, so Elling.

In Cloppenburg fordern die über 100 Landwirte, dass Klaus Gehrig, der Chef der Schwarz-Gruppe, zu Gesprächen vorbeikommt, berichtete der NDR. Hier hatte Lidl am Montagabend Gesprächsbereitschaft signalisiert, ohne ins Detail zu gehen. Am Dienstagmittag überlegte die Polizei der niedersächschen Stadt die Blockade zu beenden, weil kein Konsens hergestellt werden konnte.

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