Bauernproteste vor Lidl-Zentrallager

Protest der Landwirte in Bönen: Der Groll ist noch nicht verraucht

Vor dem Lidl-Zentrallager diskutierten die aufgebrachten Landwirte am Dienstag mit Unternehmensvertretrern und forderten höhere Preise für ihre Produkte.
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Vor dem Lidl-Zentrallager diskutierten die aufgebrachten Landwirte am Dienstag mit Unternehmensvertretrern und forderten höhere Preise für ihre Produkte.

Es war nur der berühmte letzte Tropfen, der noch zum Überlaufen gefehlt hatte, der Landwirte aus Bönen, dem Kreis Unna und weiter weg am Dienstag vor dem Zentrallager von Lidl im Industriegebiet zu einer zweimaligen Blockade der Zufahrt gebracht hatte. Am Abend zogen die Bauern nach Zugeständnissen zwar wieder ab, doch sie könnten schon bald zurückkehren – denn das Fass ist weiter bis obenhin voll. Die Bönener Ortsvereinsvorsitzende erklären warum.

„Die Stimmung in der Landwirtschaft und die Erzeugerpreise sind auf dem Tiefpunkt. “, sagt Volker Gräfingschulte, Vorsitzender des Ortsvereins Bönen Ost. Er war zwar nicht bei den Protesten dabei, da er als Nebenerwerbslandwirt anderen Verpflichtungen nachging, doch verstehen kann er seine Kollegen schon: „Es fehlt die Perspektive.“ Den Landwirten gehe es um die Sicherheit, darum, dass sich ihre Investitionen in die Zukunft der Betriebe auch rechnen.

„Vielen steht das Wasser bis zum Hals, die haben die Sorge, ‘Kann ich meiner Familie noch ein auskömmliches Einkommen ermöglichen“, sagt Christian Möllmann, sein Kollege vom Ortsverein Bönen, der ins Industriegebiet gefahren war. „Es werden hochwertige Lebensmittel zu niedrigsten Preisen verramscht. Milch ist in Europa überall teurer als hier“, empört er sich und hat passend zu Gräfingschultes Aussage von der Zukunftsangst beobachtet, dass „gerade viele junge Leute am Dienstag dabei waren“.

Lidl signalisiert Handlungsbereitschaft

Die Luft knisterte vor der Lidl-Zufahrt, wo sich auch leitende Mitarbeiter des Zentrallagers zur Diskussion stellten. Es blieb alles friedlich, betonte die Polizei, die gegen 17 Uhr von circa 40 Protestanten mit 30 Fahrzeugen gesprochen – vormittags waren es zehn Bauern gewesen – und im Verlauf einige Platzverweise verhängt hatte. Weitere Landwirte kamen später hinzu und reihten sich in die lange Schlange auf einer Fahrspur der Weetfelder Straße bis zum Gelände von Becker Stahl ein. Eine erneute Blockade hatten sie nach Gesprächen mit den Polizisten schnell aufgegeben.

Gegen 19.30 Uhr zogen die Landwirte ab, nachdem Klaus Gehrig, Leiter der Schwarz-Gruppe, zu der Lidl gehört, ihren Kollegen in Cloppenburg schriftlich zugesagt hatte, dass er noch in dieser Woche Gespräche mit der Politik, auf Verbandsebene und mit den anderen Handelsunternehmen führen will. In der niedersächsischen Stadt hatten die Proteste Sonntagnacht begonnen. Auch andere Zentrallager in Deutschland, nicht nur von Lidl, waren betroffen.

Brief an Bundeskanzlerin als Auslöser

Der Discounter war einer der Handelsriesen, der sich mit einem gemeinsam von Edeka, Rewe, Aldi und eben Lidl verfassten Brief an die Bundeskanzlerin den Unmut der Bauern zugezogen hatte. Zuvor hatte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der von den Lebensmittelhändler einen faireren Umgang einforderte. „Da beschweren sich gerade diese Leute und fühlen sich, salopp gesagt, gemobbt“, echauffiert sich Möllmann noch am Tag nach dem Protest. „Das war ausschlagend und hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, meint Gräfingschulte. Für ihn war es bezeichnend, dass die Konkurrenten gemeinsame Sache gemacht hätten. In Bönen solidarisierten sich deshalb die Bauern von nah und fern mit ihren Kollegen in Cloppenburg.

Aus Sicht der Landwirte zählen Lidl und Co. zu den Gewinnern der Corona-Krise, und würden sich trotzdem gegen eine Erhöhung der Erzeugerpreise wehren. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat der Einzelhandel beispielsweise im Oktober mit Lebensmitteln, Getränken und Tabakwaren ein Plus von 7,3 Prozent erzielt.

Corona-Krise verschlechtert Situation der Bauern

Für viele Bauern dagegen hat die Pandemie die Lage verschlechtert. „Es sind Märkte weggebrochen“, sagt Gräfingschulte mit Blick auf die Gastronomie, Kantinen und anderen Geschäfte, die im Lockdown schließen müssen. So seien beispielsweise Pommes-Kartoffeln in Biogasanlagen gelandet und als Futtermittel verwendet worden. Die Virus-Ausbrüche bei Tönnies und Co. hätten zudem die Abnahmeketten unterbrochen, die Folgen seien bis jetzt nicht aufgeholt worden. „Trotzdem zeigen sie keine Solidarität“, wirft Möllmann den Handelsketten vor.

Lidl sieht das anders. „Wir haben volles Verständnis für den Unmut der Landwirte und deren aktuelle Situation. Allerdings kann Lidl allein die marktwirtschaftlichen Gegebenheiten nicht außer Kraft setzen. Um dem Anliegen der gesamten Landwirtschaft gerecht zu werden, brauchen wir einen branchenweiten Dialog, der mit allen Verhandlungspartnern entlang der Lieferkette geführt wird“, heißt es auf Nachfrage aus der Unternehmenskommunikation. Seit längerer Zeit führe der Konzern aktiv Gespräche mit den Ansprechpartnern auf der Erzeugerseite. „Selbstverständlich sind wir auch weiterhin zu diesem Austausch auf allen Ebenen bereit“, schreibt ein Sprecher und verweist auf den Vorschlag von Aufsichtsratchef Gehrig.

Dazu, inwieweit die Blockade in Bönen die Abläufe von Lidl durcheinandergebracht hat, äußerten sich die Sprecher nicht. Während der Proteste waren nur wenige LKW angekommen. Die Landwirte berichteten, dass mit Abzug der Traktoren, die Lastwagen reihenweise zum Lidl-Verteilzentrum fuhren.

Zweite Protestwolle möglich, wenn Ergebnisse die Bauern nicht zufriedenstellen

Der Ärger der Bauern ist jedenfalls noch nicht verraucht. Sie werden genau hinschauen, welche Ergebnisse Gehrig am Freitag vorweist. „Die Aktionen werden nicht aufhören, wenn da nichts passiert“, glaubt Möllmann, der allerdings skeptisch ist: „Es wird nicht ganz viel passieren.“ Er und Gräfingschulte sehen auch die Politik in der Pflicht, ein Klima für höhere Preise für landwirtschaftliche Produkte zu schaffen. „Wenn die Standards sich verändern, kann der Preis nicht gleichbleiben“, findet Möllmann. Umweltschutz, Nachhaltigkeit und auch die Digitalisierung sind Themen, mit denen sich die Bauern beschäftigen müssen. Die Landwirte seien nicht dagegen, „es muss sich aber irgendwann im Preis für das Produkt niederschlagen“, erklärt Gräfingschulte.

Für und alle, die vor Ort waren, war der Protest eine wichtige Initialzündung. „Da ist ein Stein ins Rollen gekommen“, sagt Möllmann. „Bei einer erneuten Aktion werden die Bauern vielleicht nicht wegfahren. Die Stimmung ist aufgewühlt.

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