Profis im Tarnen und Täuschen: Alkoholkranke aus Bönen sprechen über ihre Sucht

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Die meisten Alkoholkranken können ihre Sucht zunächst gut vor anderen verstecken.

Bönen - Ab und zu ein Glas Wein oder Bier: Fast jeder trinkt gelegentlich Alkohol. Problematisch wird es, wenn der Griff zur Flasche zum Zwang wird. Die Mitglieder der Bönener Kreuzbund-Gruppe für Alkohlkranke wissen, wie schnell die Sucht einen Menschen in den Griff bekommt.

Deutschland hat ein Alkoholproblem. Wie die Hauptstelle für Suchtfragen berichtet, tranken die Bundesbürger 2017 im Schnitt 131 Liter Alkohol – eine Badewanne voller alkoholischer Getränke. Viele Menschen greifen dabei so regelmäßig zur Flasche, dass das Trinken für sie zur Sucht geworden ist. 

Wer bei Alkoholikern jedoch an bettelnde Obdachlose vor dem Bahnhof denkt, der irrt. „Der Alkoholiker ist unter uns“, sagen die Mitglieder des Kreuzbundes für Alkohol- und Medikamentenabhängige und Angehörige in Bönen. Sie wissen genau, wie schnell die Sucht einen Menschen im Griff hat und wie schwer es ist, ihr wieder zu entkommen. 

Zur Gruppe gehören offiziell zwölf Frauen und Männer, zu den Treffen mittwochs ab 19 Uhr im Bodelschwingh-Haus kommen in der Regel sechs bis acht Mitglieder. Manche haben Familien, manche sind alleinstehend. Sie haben ein unterschiedliches Alter, unterschiedliche Berufe und einen unterschiedlichen Hintergrund. Ihre Geschichten, die Geschichten von Alkohol, gleichen sich aber auffallend. Peter hat etwa jede Nacht eine Flasche Bier an sein Bett gestellt. 

"Ich habe nicht getrunken, ich habe gesoffen"

„Ohne einen Schluck bin ich morgens gar nicht erst aufgestanden“, erzählt er. Ins Bett gegangen ist er im Vollrausch. „Von der Arbeit ging es direkt in die Kneipe. Ich habe nicht getrunken, ich habe gesoffen. Die haben mir das Bier schon hingestellt, wenn ich durch die Tür gekommen bin. Ich habe zwei, drei oder mehr Biere getrunken, bin nach Hause gegangen und habe erst mal geschlafen. Ich musste aber immer rechtzeitig wieder aufwachen, bevor die Kneipe zumacht, damit ich mir noch etwas zum Einschlafen holen konnte. Ich hatte nur noch Zeit zum Trinken, für etwas anderes gar nicht mehr.“ 

Auch Manfred ist nie nüchtern ins Bett gegangen. „Tagsüber habe ich gar nichts getrunken. Ich wollte ja nicht auffallen, schon gar nicht auf der Arbeit. Ein Alkoholiker ist ein Meister im Täuschen und Tarnen“, erzählt er. „Der Alkoholiker kann sich sehr gut verstecken, er ist gepflegt, funktioniert. Wenn er auffällt, dann hat er sich schon aufgegeben.“ 

Angefangen, Alkohol zu trinken hat er, wie alle in der Gruppe, als Jugendlicher. Dann ist es immer mehr und immer regelmäßiger geworden. „Irgendwann habe ich erkannt, dass ich einen Schlussstrich ziehen muss, damit ich nicht in der Gosse lande“, sagt Manfred. Seine Frau war ihm eine große Hilfe. 

Alle guten Vorsätze brachten nichts

„Sie hat aufgeatmet, als ich ihr gesagt habe, dass ich mit dem Trinken aufhören will“, schildert er. Manfreds Freunde und Kollegen waren hingegen total verblüfft, als er ihnen von seiner Krankheit erzählt hat. „Ich war eben ein Profi. Sie haben nichts geahnt“, stellt er fest. „Man hat es aber auch immer gut versteckt“, erklärt Heidi. 

Sie sei nie direkt hintereinander in das gleiche Geschäft gegangen, um sich mit Alkohol einzudecken. Mal im Supermarkt, mal am Kiosk, mal im Nachbarort: So kaufte sie ein, was sie täglich brauchte. „Sobald ich was im Kofferraum hatte, wurde ich ruhiger“, schildert die Mutter zweier inzwischen erwachsener Kinder. 

Zuhause hat sie das „Zeug“ dann versteckt. Sie kann sich noch gut an das Gefühl der Scham erinnern, wenn ihre Mutter, die damals mit im Haus lebte, wieder mal eine Flasche im Wäschekorb oder an einem anderen vermeintlich guten Versteck entdeckt hatte. „Immer wieder habe ich mir vorgenommen: ‘Morgen trinkst du nichts’. 

Ich habe mir sogar notiert, wie viel ich getrunken habe und es tatsächlich ein paar Wochen geschafft, nichts zu trinken. Aber es ging immer wieder los, und es wurde immer mehr. Aus dem Martini wurde Wodka, weil der nicht so eine Fahne macht. Dieses Gefühl, aufhören zu wollen, und dann festzustellen, dass man es nicht schafft, das wünsche ich niemanden.“ 

"Wir sind der lebende Beweis, dass es auch ohne geht"

Ihr Mann Udo hat damals schon geahnt, dass seine Frau ein Problem hat – ein für ihn sehr vertrautes. Auch er ist trockener Alkoholiker. „Wir haben beide getrunken – jeder für sich“, berichtet er. „Es gibt Spiegelalkoholiker. Die brauchen einen gewissen Pegel, um zu funktionieren. Wehe aber, wenn sie ein Bier mehr trinken.“ Das Gefühl für das richtige Maß hat Jürgen wohl irgendwann verloren. Seinen Kollegen fiel seine Sucht auf. 

Der Personalchef und der Betriebsarzt schalteten sich ein und drängten den heute 60-Jährigen zu einer Entgiftung. 18 Tage lag er in einer Klinik in Warstein, dem schlossen sich 18 Wochen stationäre Therapie an. Danach fand er den Weg in die Gruppe. Das hat ihm geholfen. „Wir sind ja auch der lebende Beweis dafür, dass es ohne Alkohol geht“, sagt Manfred. In der Gruppe müsse sich niemand verstellen. 

„Wir können uns nichts vormachen, wir haben alle die gleichen Erfahrungen gemacht“, sagt Jürgen. Geredet wird bei den Treffen offen. Wer mag, erzählt von seinen Problemen – auch von denen, die nichts mit Alkohol zu tun haben. Wer nichts sagen möchte, hört einfach zu. „Wer hier sitzt, geht auch schon mal nicht trinken“, stellt Heidi fest. 

Kontrolliert werde aber keiner. „Wir sind nicht dafür da, zu tadeln“, so Udo. Stattdessen will die Gruppe Wege aufzeigen, die aus der Sucht führen. „Wir können keine Anträge für eine Therapie stellen“, erklärt Peter. „Aber wir können Ansprechpartner nennen und Adressen weitergeben. Und wir sind da und hören zu.“ 

Angst vor dem Entzug

Viele Alkoholiker hätten nach dem Entzug einfach Angst, sich dem neuen Leben zu stellen. „Vorher hat sich einfach alles um den Alkohol gedreht. Du musstest ja immer genug haben“, erklärt er. Selbst der Urlaub werde danach geplant, schließlich will man nicht „trockenlaufen“. 

Und auch das Umfeld reagiert unterschiedlich, wenn jemand über seine Alkoholsucht spricht. „Einige meiner Kollegen, mit denen ich früher getrunken habe, haben mich plötzlich geschnitten“, erzählt Udo. Ähnliches hat Peter erlebt. „Ich hatte ja gar keine anderen Freunde, denn wenn mir einer gesagt hätte, ‘du musst aufhören zu trinken’, dann konnte er ja kein Freund von mir sein.“ 

„Es ist ganz wichtig, die Karten offen auf den Tisch zu legen und das Gespräch zu suchen“, rät Manfred. „Viele wissen einfach nicht, wie sie mit einem umgehen sollen.“ Eines ist allen in der Gruppe zuwider: „Ich kann es überhaupt nicht haben, wenn jemand sagt, ‘Du darfst ja nichts trinken’, sagt Heidi. 

„Das regt mich richtig auf, denn ich darf schon, ich will aber nichts trinken“, betont sie. Sie kann ihren Gästen heute durchaus Alkohol anbieten, ohne selbst in Versuchung zu geraten. „Man muss sich auch nicht jeden Tag mit dem Thema beschäftigen“, findet Manfred. „Aber man darf es auch nicht vergessen“, sagt Heidi. „Und deshalb komme ich immer hierher“, fügt ihr Mann Udo hinzu. Er ist seit 37 Jahren „trocken“.

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